Vergangene Saison ein Brahms-Zyklus und Händels „Messias“, nun die letzten drei Mozart-Sinfonien auf einen Schlag: Robin Ticciati fackelt nicht lange. Als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) stürzt er sich so früh wie möglich auf die Meilensteine der abendländischen Musikgeschichte. Und das aus gutem Grund. Denn noch herrscht Aufbruchsstimmung beim DSO. Noch wirken die Musiker so schwer verliebt in den 36-jährigen Ticciati, dass sie ihm quasi zu Füßen liegen – und sich unter Ticciati von ihrer Sahne-Seite zeigen wollen. Beste Voraussetzungen also für große Taten.
Die Männer müssen nicht mehr Frack und Fliege tragen
Aber auch für Experimente: In Mozarts Sinfonien-Trilogie lässt Ticciati die DSO-Streicher jetzt auf Darmsaiten spielen, die Blechbläser präsentieren sich mit Naturhörnern und Naturtrompeten. Und ein Cembalo ist ebenfalls mit dabei. Aber damit nicht genug: Auch kleidungstechnisch eifert das Orchester an diesem Mozart-Abend einem Alte Musik-Ensemble nach. Die Frauen dürfen sich in farbigen Oberteilen präsentieren, die Männer haben Frack und Fliege zu Hause gelassen. Und einige Musiker scheinen auch andere Frisuren als sonst zu tragen – aber das könnte auch Einbildung sein. Keine Einbildung dagegen: Wie unterschiedlich Ticciatis drei letzten Mozart-Sinfonien am Freitagabend in der Philharmonie klingen.
Kammermusikalisch schlank zunächst die Es-Dur-Sinfonie KV 543. Mit natürlichen Tempi, atmender Artikulation und einem überzeugenden Blick aufs Ganze. Es waltet Transparenz, aber keine Kühle. Und schon gar nicht jener rauere Klang, den man sonst von Alte Musik-Ensembles gewohnt ist. Denn Ticciati neutralisiert ihn durch geschmeidigen Legato-Gesang. Und der wiederum hat mehr mit romantischer Bel Canto-Oper zu tun hat als mit der musikalischen Rhetorik des 18. Jahrhunderts.
Plötzlich steht das Orchester unter Strom
Der unweigerliche Eindruck: Ticciati ist keiner, der in dieser Musik nach Brüchen sucht oder nach überraschenden neuen Erkenntnissen. Ihm geht es in Mozarts Es-Dur-Sinfonie vielmehr um die schöne Einheit. Dazu passt auch, dass sich die Naturhörner hier regelrecht verstecken.
Ganz anders dafür Mozarts Sinfonien KV 550 und KV 551: Plötzlich steht das DSO unter Strom, entdeckt Leidenschaft und Tiefgang. Nur leider drehen auch die Naturhörner auf. So heftig gar, dass sie die Orchesterbalance in den raschen Außensätzen der g-Moll-Sinfonie zerstören – und man sich fragt, ob das wirklich Ticciatis Absicht gewesen sein kann. Anderseits ist die Balance unter diesen Umständen tatsächlich eine hohe Herausforderung: Jahrelange Übung wäre vermutlich vonnöten, um auf Naturhörnern ein kontrolliertes Forte hinzubekommen. Doch auch dann hätten sie kaum zu den Holzbläsern an diesem Abend gepasst. Denn die DSO-Holzbläser spielen auf modernen Instrumenten. Und sie tun es so gefühlsbetont und charmant, dass man immer wieder an Schubert oder Mendelssohn denken muss.


