Konzert-Kritik

Seeed liefert in Berlin ein perfektes Heimspiel ab 

Die Berliner Band Seeed ist zurück auf der Live-Bühne. Und in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle kocht die Party-Stimmung. 

Konzert in der Max-Schmeling-Halle: Seeed feiern mit ihren Fans eine riesige Party.

Konzert in der Max-Schmeling-Halle: Seeed feiern mit ihren Fans eine riesige Party.

Foto: Nina Kugler

Berlin. Was für ein Abend! Was für ein Konzert! Die Berliner Band Seeed ist nach mehr als zwei Jahren Bühnenabstinenz zurück. Und spielt gleich zwei Konzerte in ihrer Heimatstadt. Seit Ende der 90er-Jahre bringt die Band jamaikanische Beats auf deutsche Bühnen. In der ausverkauften Max-Schmeling-Halle heizen die zehn Musiker am Mittwoch und Donnerstag ihren Fans ordentlich ein.

Sänger Peter Fox und Co. machen die Stadt wieder zum „Dicken B oben an der Spree“. Im Gepäck haben Seeed nämlich nicht nur Songs aus ihrem lang erwarteten Album „Bam Bam“, das im Oktober 2019 erschien. Sondern natürlich auch eine Auswahl ihrer größten Hits wie „Aufstehn!“ und „Music Monks“.

Die Konzerte in der Max-Schmeling-Halle sind ausverkauft, die Stimmung wie zu Weihnachten: euphorisch, erwartend, voller Vorfreude. Eröffnet wird das etwa zweistündige Konzert mit einem Lied vom neuen Album, „Ticket“. Und gleich schon springen die Fans – viele von ihnen sind mit der Band gereift – von den Sitzplätzen auf den Rängen auf, tanzen, grooven mit. Die Musik von Seeed ist körperbetont, sie ist laut und verschwitzt – ganz so wie die Fans, die dazu hemmungslos tanzen.

Seeed in Berlin: Nach Tod von Sänger Nabé war nichts mehr wie zuvor

Lange mussten die Fans auf Live-Auftritte ihrer Idole warten. Im vergangenem Jahr starb Leadsänger Demba Nabé. Und plötzlich war bei Seeed nichts mehr, wie es mal war. Lange Zeit war sogar unklar, ob die Musiker um das verbliebene Gesangsduo Peter Fox und Frank Dellé nicht ganz aufhören würden. Daran gedacht hatten sie nach eigener Aussage jedenfalls. Und entschieden sich dagegen.

Gott sei Dank, werden sich jetzt wohl die Fans in der Max-Schmeling-Halle gesagt haben. Peter Fox und Frank Dellé haben nahezu alle Gesangsparts übernommen, sie werden flankiert von den herausragenden Musikern und Backgroundsängern. Nur ab und zu tönt die Stimme des verstorbenen Nabé vom Band. Während des Songs „You & I“ wird gar ein Lichtkegel auf die Bühne geworfen – er zeigt den leeren Platz zwischen den verbliebenen zehn Bandmitgliedern, den Nabé hinterlässt. Seine Stimme dröhnt kraftvoll durch die Max-Schmeling-Halle, stumm schickt Dellé einen Gruß gen Himmel. Und die die Fans verwandeln die Halle mit Handylichtern in ein Sternenmeer. Ein besonderer Gänsehautmoment an diesem sowieso durch und durch bemerkenswerten Abend.

Seeed spielen ihre Show in einem atemberaubenden Tempo, ohne aber dabei gehetzt zu wirken. Vielmehr bieten sie ihren Zuhörern eine richtige Party. Es wird getanzt, geschwitzt, mitgesungen – ganz so, wie es sich Seeed von ihren Fans wünschen. Sogar die Ordner vor der Bühne tanzen mit; je länger die Show dauert, desto weniger Füße stehen still. Für einen Gast-Song kommt auch noch Rapper Trettmann zur Unterstützung auf die Bühne.

Peter Fox und Frank Dellé tanzen wild

Dabei gelingt Seeed die Mischung aus alten und neuen Songs beinahe spielerisch. Klar: Wie bei vielen Kult-Bands sind die Zuschauer vor allem begeistert bei Liedern, die sie selbst von früher kennen – und mit denen sie wahrscheinlich besondere Momente in der Vergangenheit verbinden. Aber Seeed schaffen es, auch aus altbekannten Songs nochmal etwas Neues rauszuholen. So interpretiert die Band beispielsweise ihren Klassiker „Ding“ neu mit Elektro-Pop-Elementen. Am Ende des Songs tanzen alle Musiker auf der Bühne von rechts nach links und zurück. Und das Publikum unten im Saal tut es ihnen gleich. Noch so ein Gänsehautmoment, den man von den steilen Rängen der Max-Schmeling-Halle aus wunderbar beobachten kann.

Und nicht nur das Publikum kommt beim Hüftschwingen kräftig ins Schwitzen. Auch auf der Bühne bieten Peter Fox, Frank Dellé und die Backgroundtänzer choreografische Tänze dar. Gegen Ende des Konzerts stürmen dann auch noch eine Hand voll in Weiß gekleidete Breakdancer die Bühne und liefern eine zwar kurze, aber eindrucksvolle Show.

Seeed treiben ihre Songs – ein Mix aus Dancehall und Reggae mit Elementen aus Hip-Hop, Soul und anderen Kulturen – noch mehr an mit fetten Bässen und den Bläsern ihrer Band. Schlagzeuger Sebastian Krajewski sorgt mit seinen Einsätzen zwischen den Takten für einen kontinuierlichen Drive, der Bass von Tobias Cordes bringt die nötige Tiefe in den Sound, und Rüdiger Kusserow legt bei dem Lied „Sie ist geladen“ gar ein Gitarrensolo vom Feinsten hin.

Seeed in der Max-Schmeling-Halle: Die Band feiert sich selbst, ihre Fans – und Berlin

Seeed spielen ein umjubeltes Konzert voller nostalgischer Momente, ohne in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Die Band feiert sich selbst, ihre Fans und das Leben. Gefühlt hundertmal haben Peter Fox und Co. den Namen ihrer Heimatstadt ins Mikrofon gebrüllt, die Zuschauer danken es mit Beifall.

Denn eins ist am Abend in der Max-Schmeling-Halle allen klar: Nirgends sonst versteht man die Band besser als „im dicken B oben an der Spree“. Schließlich besingen Seeed schon seit Jahrzehnten Situationen, die es so nur hier gibt: Sommer, die gut tun, und Winter, die weh tun. Prügeleien am Kottbusser Tor oder Frust über nicht kommende Busse. Und über Nächte, die von schwarz zu blau werden.