Hamburger Bahnhof

Der Künstler Lawrence Abu Hamdan ist ein Detektiv der Klänge

Der jordanische Künstler Lawrence Abu Hamdan ist für den Turner Prize 2019 nominiert. Einige seiner Werke werden im Hamburger Bahnhof gezeigt

Die Grafik „Conflicted Phonems“ stellt die komplexe Geschichte Somalias zwischen 1972 und 2011 dar.

Die Grafik „Conflicted Phonems“ stellt die komplexe Geschichte Somalias zwischen 1972 und 2011 dar.

Foto: courtesy Maureen Paley, London / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Schenkung Baloise Group / Mathias Völzke

Sind Sie ein echter Berliner, eine echte Berlinerin? Wörter wie „Schrippe“, „wa“ und „uffjetakelt“ gehen Ihnen locker von der Lippe? Aber was, wenn eine Sprachanalyse das widerlegen würde? Na gut, würden Sie vielleicht sagen, die Mutter schwäbisch, der Vater aus Bremen, Berliner Mischmasch halt. Sprachpolizei war gestern. Und außerdem ist das ja vollkommen egal. Wir alle sind Berliner, selbst Kennedy, der nur vier Worte berlinerisch konnte. Sein „Ich bin ein Berliner“ wurde zum Leitzitat für die freie westliche Welt.

Die so frei leider nicht ist, wenn man nicht dazugehört oder das Recht auf Zugehörigkeit erst beweisen muss – wie Flüchtlinge. Und egal ist die Aussprache nicht immer. Sie kann zu Missverständnissen führen. Wenn der Instruktor beim Bungee Jumping schreit: „No jump!“ und Sie verstehen: „Now jump!“ sogar zum Tod – so geschehen im Fall einer niederländischen Touristin in Spanien. Die Geschichte ist Teil der Wandinstallation „Disputed Utterance“ oder „Strittige Äußerung“, die Lawrence Abu Hamdans Ausstellung „The voice before the law“ („Die Stimme vor dem Gesetz“) im Hamburger Bahnhof eröffnet. Sieben Mal hängt der menschliche Mund in Schichten an der Wand, so wie ihn nur der Zahnarzt kennt: Lippen, obere Zahnreihe, gestreckte Zunge und Gaumen, eine geheimnisvolle dunkle Grotte. Mittels Palatografie soll sie erkundet werden. Dabei wird Kohle und Olivenöl auf den Gaumen geschmiert, die Abdrücke sollen feine Unterschiede in der Aussprache festhalten. Und so vor Gericht beweisen, was wirklich gesagt wurde. Was natürlich absurd ist im Falle der niederländischen Touristin. Das Gesagte bleibt ein Missverständnis.

Was sagt die Stimme über einen Menschen?

Der 1985 in Amman, Jordanien, geborene Abu Hamdan ist ein Klangdetektiv, er interessiert sich für Methoden, mit denen Sprache und Stimmen untersucht werden, um objektiv über Menschen urteilen zu können. Denn schließlich gilt die Sprache als Mittel vor Gericht. Der Titel der Ausstellung ist aber mehrdeutig sagt die Kuratorin Ina Dinter, es geht auch um die „Stimme vor dem Recht, das einzelne Menschenleben hat Priorität.“ Also um die Grenzen der vermeintlich objektiven Analyse. Und um das Recht auf Schweigen.

Der hintere Teil der Ausstellung zeigt unter dem Titel „Conflicted Phonems“ („Laute im Widerstreit“) eine wandgroße blaue Grafik. Sie stellt die komplexe Geschichte Somalias von 1972 bis 2011 dar, die zu Binnenmigrationen und neuen Durchmischungen der Bevölkerung geführt hat. Die Grafik entstand 2012 anlässlich der Beschäftigung des Künstlers mit den Zeugenanalysen von zwölf somalischen Asylbewerbern. Niederländische Behörden haben sie einer Akzentanalyse unterzogen, einem Verfahren, das von Skandinavien ausgehend auch nach Deutschland fand. Acht der zwölf Bewerber wurden in der ersten Runde aussortiert, die Akzentanalyse hatte ergeben, dass sie aus einem sicheren Gebiet stammten. Angesichts der Wandgrafik erschließt sich die Fragwürdigkeit der Analyse von selbst. Für die Ausstellungsbesucher liegen zusätzlich grafische Voice-Maps (Stimmen-Karten) zum Mitnehmen bereit, hier kann für jeden Asylbewerber nachvollzogen werden, welchen Einflüssen seine Sprache im Laufe der Migration ausgesetzt war.

Die Klammer, die beide Kunstwerke verbindet, ist eine Videoinstallation: „The whole time there were no landmines“ („Während der ganzen Zeit gab es keine Landminen“): Die Aufnahmen entstanden 2011 auf den von Israel besetzten Golanhöhen im Gebiet der Drusen, die durch die Grenzziehung von ihren Familien getrennt wurden. Sie verständigten sich lange Zeit über die Grenzen hinweg mit Megafonen, das Gebiet wurde auch „Das Tal der Rufe“ genannt. Als Ausstellungsbesucher geht man durch dieses Tal, links und rechts flackern Monitore auf: Stimmen sind zu hören, die rufen, warnen, skandieren. Menschen klettern auf Schultern, flüchten, rennen.

Es macht uns im Westen fassungslos, was im Nahen Osten geschieht, gleichzeitig wissen wir fast nichts. Lawrence Abu Hamdan gibt keine Antworten, hinterfragt aber die Methoden, mit denen wir urteilen und vermittelt ein Gefühl für die hohe Komplexität der Zusammenhänge.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Mitte. Geöffnet Di.-Mi. u. Fr.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr. Eintritt 14 Euro, ermäßigt 7 Euro.