Konzert in Berlin

Roger Norrington, der spitzbübische Dirigent

Immer für Überraschungen gut: Der 85-jährige Roger Norrington dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie.

Sir Roger Norrington

Sir Roger Norrington

Foto: Manfred Esser

Berlin. Ist es okay, wenn man zwischen den Sätzen klatscht? Eindeutig ja, wenn es sich um einen Philharmonie-Auftritt von Sir Roger Norrington mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) handelt. Denn Norrington ist ein Dirigent, der sein Publikum regelrecht auffordert, nach jedem Satz zu klatschen: durch schwungvolle Drehungen in den Saal, kombiniert mit einem spitzbübischen Grinsen.

Für die Drehungen braucht der 85-jährige Norrington allerdings mittlerweile einen Chefsessel. Und für den Gang zum Dirigier-Pult zuvor sehr behutsame Schritte. Doch sobald sich Norrington am Podest-Geländer hochgezogen hat, scheint die Last des Alters von ihm abzufallen: Blitzwach und tatkräftig wirkt Mozarts „Prager“ Sinfonie KV 504 unter seiner Führung.

Disziplin und Spielfreude werden verbunden

Es ist ein Mozart, der Ernst und Disziplin mit virtuoser Spielfreude verbindet. Schlank und gradlinig die Streicher des DSO, kompakt und zugespitzt die Bläser. Dass Mozart in dieser Sinfonie seine Opern „Figaro“ und „Don Giovanni“ anklingen lässt, merkt man erst im finalen Presto. Dort setzt Norrington ganz auf überschäumende Dramatik und überraschende Effekte. Der Kopfsatz dagegen wirkt wie absolute Musik, die an Bachs Kontrapunkt geschult ist. Das Schöne daran: Norrington bietet viel Futter für den Geist – und vernachlässigt trotzdem nicht die intimeren Momente der Partitur.

Was Norrington dabei von anderen Vertretern der historisch-informierten Aufführungspraxis unterscheidet, sind vor allem die natürlichen Tempi und die atmende Artikulation. Wie ein einziger Organismus mutet das DSO an diesem Abend an.

Martinůs Dritte Sinfonie ein sehr persönliches Werk

Problematisch allerdings, dass Norrington seine historisierende Klangästhetik des 18. Jahrhunderts ebenfalls auf Bohuslav Martinůs Dritte Sinfonie aus dem Kriegsjahr 1944 anwendet: Auch hier sind vibratolose Streicher unter Norrington Pflicht, auch hier herrschen Transparenz und Frische. Norrington befreit die Partitur von vermeintlich unnötigem Gefühlsballast, sorgt für scharfsinnige Hörerlebnisse. Doch eigentlich ist Martinůs Dritte Sinfonie ein sehr persönliches Werk, wie Norrington selbst im Interview verraten hat. Eine Sinfonie, die laut Norrington von den drohenden Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs kündet, von der schrecklichen Situation in Martinůs Heimat, der Tschechoslowakei.

Doch gerade diese persönliche Dramatik fehlt nun in Norringtons Interpretation. Was freilich bleibt, ist die Faszination: Faszination über die freigelegten Strukturen des Werks, Faszination über Martinůs Techniken der Themenbildung und Motivverarbeitung. Und natürlich ist es ein hoher Genuss, das DSO am Sonntag so einträchtig und konsequent unter Norrington musizieren zu hören. Bereits im April 2020 wird es übrigens weitergehen mit Norringtons DSO-Martinů-Zyklus: Martinůs Vierte Sinfonie steht dann zur Disposition, kombiniert mit Mozarts Requiem KV 626.