Neu im Kino

„Verteidiger des Glaubens“: Auch ein Papst ist fehlbar

Christoph Röhl drehte einen Dokumentarfilm über den „Papst a.D.“ Joseph Ratzinger. Der verrät auch viel über die katholische Kirche.

Der Film wagt einen kritischen Blick aus der Distanz auf die Kirche. Und auf den Vatikan.

Der Film wagt einen kritischen Blick aus der Distanz auf die Kirche. Und auf den Vatikan.

Foto: Real Fiction Film

Aufs erste hört sich das nicht nach Kino-Stoff an: die 50-jährige Tätigkeit und Karriere eines gewissen Joseph Ratzinger innerhalb der katholischen Kirche. Aber egal was man von Benedikt XVI., dem jetzigen „Papa emeritus“ hält, eines muss man Regisseur Christoph Röhl nach der Sichtung seines Dokumentarfilms „Verteidiger des Glaubens“ unbedingt lassen: Er versteht es, das Interesse des Zuschauers für dieses Thema zu wecken.

Und ihm sogar die Augen darüber zu öffnen, dass damit weit mehr verbunden ist als nur die Debatte über den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Dabei wendet Röhl gar keine besonderen filmischen Methoden an.

Kehrtwende eines erzkatholischen Landes

Er sammelt Archivbilder, setzt darüber eine Kommentarstimme (die von Ulrich Tukur), die Informatives zusammenträgt, und wechselt diese Szenen ab mit Interview-Sequenzen. Es ist die erprobte Standardvariante eines Dokumentarfilms seit über 50 Jahren. Röhl organisiert sein Material jedoch so sorgfältig und durchdacht, dass viel mehr herauskommt als ein ausgedehntes Fernsehfeature.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Man erfährt nicht nur viel über Joseph Ratzinger und das, was ihn umtreibt. Man bekommt auch eine Ahnung dessen vermittelt, welche Spur sein Denken in der Kirche als solche hinterlassen hat. Dass ein Land wie Irland, das noch bis vor kurzem als „stock-katholisch“ galt, in Volksabstimmungen sowohl die gleichgeschlechtliche Ehe als auch die Möglichkeit der Abtreibung befürwortet, mag zwar nicht direkt auf Benedikts Talente beziehungsweise Unfähigkeiten zurückzuführen sein. Doch jemand, der sich so stark mit der Kirche identifiziert wie eben Joseph Ratzinger, wird sich mit dieser Entwicklung in jedem Fall im Zusammenhang sehen.

Kritischer Blick aus der Distanz

Das Bild, das der Dokumentarfilmer in „Verteidiger des Glaubens“ zeichnet, ist eines aus der Distanz. Nicht nur, dass Röhl den emeritierten Papst nicht selbst interviewt hat, er setzt nur sparsam Material ein, in dem dieser selbst spricht. Zudem ist das Porträt ein für Filmzwecke willentlich vereinfachtes: Röhls Kommentar zusammen mit den Aussagen von Menschen – meist von Männern, die mit Ratzinger in verschiedenen Graden der Vertrautheit zu tun hatten – beschreibt einen engagierten Katholiken, der sein Leben der Institution Kirche widmete.

Einer, der als junger Mann zu den Modernisierern gehörte, dann aber vom revolutionären Sturm und Drang der 68er-Bewegung so nachhaltig erschreckt wurde, dass er sich immer mehr auf einen konservativen Standpunkt der reinen Lehre zurückzog. So sehr, dass ihm instinktiv der Schutz der Institution wichtiger wurde als der Schutz der Missbrauchten.

Ein Film jenseits aller Polemik

Ohne den Hintergrund der Interviewpartner zu erläutern – was schade ist, denn über viele von ihnen hätte man gerne mehr gewusst –, lässt Röhl vor allem die zu Wort kommen, die für mehr Aufklärung und Offenheit in der katholischen Kirche plädieren und dafür manche Sanktion ertragen mussten.

Dabei gelingt Christoph Röhl das Kunststück, völlig unpolemisch zu bleiben. Sein Film stellt klar das Versagen der Kirche im Umgang mit den Skandalen heraus, er belässt aber dem Menschen Joseph Ratzinger die Würde der eben auch sehr menschlichen Fehlbarkeit.

Dokumentarfilm D 2019 95 min. von Christoph Röhl.