Erfolg kann echt tückisch sein. Schürt er doch immer höhere Erwartungshaltungen. Bora Dagtekin kann einem da fast leid tun. Mit den „Fack ju, Göhte!“-Filmen gelangen dem Regisseur gleich der größten Kassenhits des deutschen Kinos. Aber wie jetzt weitermachen?
Dagtekin kann sich nicht ewig im selben Genre austoben. Aber noch eine Fortsetzung seines zweiten Hits „Türkisch für Anfänger“, der ja selbst schon eine Zweitverwertung seiner TV-Serie war, das ging auch nicht. Umso größer war also die Spannung, womit Dagtekin wohl seine Post-Göhte-Ära einläuten würde.
Rückgriff auf Bewährtes
Nun ist es raus. Er setzt vor allem auf Bewährtes. Dagtekin versammelt einfach die Stars seiner Göhte-Filme, Elyas M’Barek, Karoline Herfurth und Jella Haase um einen Tisch, dazu Florian David Fitz aus seiner Serie „Doctor’s Diary“ und Frederick Lau aus seinem „Türkisch für Anfänger“-Film. Dazu lud er noch Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring, Novizen im Dagtekin-Reich, aber welche, die ebenfalls Zugkraft versprechen.

Mit ihnen verfilmte er einen italienischen Komödienhit neu, „Perfetti Sconosciuti“, der bei uns nie lief, aber auch schon in vielen anderen Ländern adaptiert und damit ein weltweites Phänomen wurde. Es ist das erste Mal, dass der so originelle Dagtekin auf eine fremde Idee zurückgreift. Auch wenn er das Drehbuch dabei ganz aufs hiesige Publikum zuschneidert.
Seelenstriptease mit Smartphones
Vier Freunde, die sich als Kinder ewige Blutsbrüderschaft geschworen haben, wollen sich mal wieder mit ihren Partnerinnen zum Dinner treffen. Einer von ihnen (Fitz) kommt jedoch allein und will nicht verraten wieso.
Aber überhaupt hat jeder so seine Geheimnisse. Das wird schon bald klar, als die Therapeutin Eva (Jessica Schwarz) meint, sie wolle gar nicht wissen, wie viele Paare zerbrechen würden, wenn sie in die Handys ihrer Partner gucken würden.
Daraus entsteht prompt ein Spieleexperiment. In das alle nur widerwillig einstimmen. Aber man will sich ja keine Blöße geben. Also werden alle Handys auf den Tisch gelegt. Und jede SMS und Whatsapp, die hereinkommt, wird vorgelesen, jeder Anruf auf Lautsprecher gestellt. Und die Therapeutin soll recht behalten.

Schlimm genug, wie oft die Handys an einem Abend klingeln oder plingen. Aber ständig gehen dabei Botschaften ein, die nicht nur die Partner der Adressaten irritieren. Und als man trotzdem tapfer für ein Gruppen-Selfie posiert, ploppt auf dem Display, für alle lesbar, die höchst verfängliche Message „Ich hab Lust zu ficken“ auf.
Der All-Star-Cast spielt mit Lust und Verve
Menschen, die noch ein analoges Leben vor dem Mobiltelefon kennen, werden an Doris Dörries Film „Nackt“ denken müssen, in dem sich vor 17 Jahren schon mal zugkräftige Stars vor einander nackt gemacht haben. Damals sogar noch im buchstäblichen Sinn. Das ist heute gar nicht mehr nötig: Die Parallelexistenz im Handy reicht dafür völlig aus. Seelenstriptease mit Smartphones: Das ist ein Spiel, das man keinesfalls nachahmen sollte. Oder, um im Dagtekin-Sprech zu bleiben: Fack ju, Händy!
Es macht natürlich großen Spaß, gleich so viele Stars des jüngeren deutschen Films zu erleben, quasi als Kollektiv in einem Kammerspiel, das überwiegend an einem einzigen Ort spielt. Dagtekin gelingen dabei kräftige Figuren und Pointen, und sein All-Star-Cast spielt das mit Lust und Verve aus.

Das perfekte Promi-Dinner ist dennoch nicht daraus geworden. Wie den Freunden hier die Menügänge ihres Gastgebers nicht munden mögen so will auch dem Zuschauer der Film nicht recht schmecken. Auch wenn hier, wie in der Küche des Gastgebers, alle Zutaten stimmen und das Rezept eigentlich erfolgsbewährt ist.
Schaler Nachgeschmack
Denn auch wenn die Erkenntnisse am Tisch immer mehr in Richtung Tragikomödie kippen, macht Dagtekin weiter beharrlich auf Komödie und gerät dabei in Schieflage. Traurig genug, dass ein überraschendes Schwulen-Coming-Out im Jahr 2019 vermeintliche Kumpels noch zu ziemlich reaktionären Reaktionen treibt.
Aber dann halten am Ende, trotz all der Scherben nach diesem Abend, die alten Freunde weiter macho-mäßig zusammen, als sei nichts gewesen. Und helfen einem der Ihren sogar aus der Klemme, indem sie einen Fremden krankenhausreif prügeln. Was uns auch noch als Happy-End verkauft wird.
Das alles hinterlässt nicht nur einen schalen Nachgeschmack, sondern eine regelrechte Magenverstimmung.


