Theater

„Germania“ an der Volksbühne – mit einem Hauch von Castorf

Claudia Bauer inszeniert an der Volksbühne „Germania“. Die Regisseurin adaptiert Heiner Müllers Deutschland-Dramen sehr bilderstark.

Westwaren und die alliierten Verbündeten warten: Willkommen in Heiner Müllers „Germania“-Welt.

Westwaren und die alliierten Verbündeten warten: Willkommen in Heiner Müllers „Germania“-Welt.

Foto: Julian Röder

„Wer sind die Deutschen?“ fragt Stalin einmal in die Männerrunde, die es sich im Plattenbau gemütlich gemacht hat. Eine Antwort hat er auch: „Ein Haufen Kleinvieh am Westrand von Asien.“ Das Kleinvieh hat ziemlich viel Mist gemacht und einer, der besonders viel und besonders tief in diesem Misthaufen gewühlt hat, war der Dramatiker Heiner Müller.

An der Volksbühne stattet ihm Regisseurin Claudia Bauer einen Hausbesuch ab. Ein Klingelschild wird eingeblendet: „H. Müller“ steht da. Auf der Bühne: Ein mehrstöckiger Plattenbau-Container mit ein paar Zimmereinsichten auf der einen und einer an diesem Abend sehr oft als Videoprojektionsfläche dienenden Wellblechfront auf der anderen Seite.

Auch Heiner Müllers Hausnummer kommt zu Ehren

Auf der ist in einer oberen Ecke groß zu lesen: „Nr 9“. Heiner Müllers Hausnummer, damals in seiner Wohnung im Plattenbau in der Lichtenberger Erich-Kurz-Straße, wo er von 1979 bis 1993 lebte. Mit seinem „Germania“-Stoff hatte er schon viel früher angefangen.

Zwischen 1956 und 1971 entstand der erste Teil namens „Germania Tod in Berlin“. Erst nach dem Mauerfall, zwischen 1990 und 1995, schrieb Müller dann „Germania 3 Gespenster am Toten Mann“. Es war sein letztes Stück, bevor er 1995 starb.

Geschlossene Dramen sind das nicht, sondern allenfalls lose Szenenfolgen, mythologisch aufgeladen, verfremdet, stilistisch disparat, die Regisseurin Claudia Bauer als Rohmaterial dienen für einen überbordenden Abend, bei dem sie auf Müllers historischen Schlachtfeldern alles ausbreitet, was das Theater so zu bieten hat.

Mehr als 40 Menschen stehen auf der Bühne, ein Männerchor, drei Sopranistinnen, ein Orchester, dazu ein achtköpfiges Schauspielensemble plus drei Puppenspieler.

Es gibt Chöre, gesungen und gesprochen, Bombast-Musik (vom hervorragenden Orchester unter der Leitung von Mark Scheibe) und zarte Arien, Handkameraträger quetschen sich durch die winzigen Wohnzellen in Innern des auf der Bühne kreisenden Hausbaus und übertragen ihre Bilder nach draußen auf die Fassade. Was die Optik und die Ästhetik angeht, weht hier durchaus ein bisschen Castorfscher Geist durchs Haus.

Man haut sich die Rübe ein

In der Hauptsache treten auf: Hitler und Stalin im Blutrausch in der Badewanne, Ulbricht und Thälmann als plappernde Totenköpfe, Rosa Luxemburg, ein paar grün aufgepumpte AIDS-Viren, die Nibelungen samt sabbernder Kriemhild mit Gehhilfe. Goebbels gebiert die Bundesrepublik als einen von Hitler gezeugten „Contergan-Wolf“ mit verkrümmten Gliedmaßen, der „ewige Maurer von der Stalinallee“ verweigert sich dem Aufstand, im Kessel von Stalingrad futtern zwei Grinse-Totenschädel einem Soldaten die Gliedmaßen vom Leib.

Mit von der Partie ist auch Friedrich Zwo, der Große. Volksbühnen-Gast Peter Jordan spielt ihn, mit dem „Müller von Potsdam“ (Sebastian Grünewald) als Gegenpart, als Comedy-Nummer, man haut sich die Rübe ein, das Orchester verstärkt jeden Schlag mit Comic-Sound.

Von den Nibelungen bis nach der Wiedervereinigung

Dazu trägt die Schauspiel-Truppe Trikots, wie man sie vom American Football kennt, grotesk aufgehübscht mit Tüllärmeln und Röckchen. Jeder mit eigener Nummer auf der Brust. Friedrich trägt zartes Orange mit der Nummer Drei, Hitler die Nummer Eins auf Altrosa.

Alle zusammen beginnen den Abend mit dem im Mannschaftssport üblichen Motivationskreis, sie rücken zusammen, als wollten sie sich Mut zusprechen für das, was da vor ihnen liegt. Und das ist ja auch ein Brocken, ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, Heiner Müllers Bruchstücke irgendwie in eine Ordnung zu bringen, sein Geschichtsverständnis darin aufzudröseln, die losen Fäden irgendwie zu fassen zu kriegen oder zumindest einige davon, seine Schreckensbilder in Theaterbilder zu übersetzen.

Doch Ehrfurcht wäre hier falsch am Platz. Und tatsächlich packen Regisseurin Claudia Bauer und ihr hervorragendes Ensemble extrem beherzt zu. Hier und da sträubt sich der Text, doch sie lassen nicht locker, sie zerren uns durch die wenig rühmlichen Stationen deutscher und deutsch-deutscher Geschichte mit all ihren Klippen und Abgründen.

Ungeheuer, die keinesfalls ungefährlich sind

Dabei gerät manches gnadenlos überzeichnet, aber vieles auch ganz klar, es ist ein durchwachsener Abend geworden, einer, der in den knapp drei Stunden, die er dauert, mit seinen gespenstischen Parodien und surrealen, grotesk-komischen Zwischenspielen viel fordert, aber durchaus auch anregt.

Einen Horrortrip von den Nibelungen bis nach der Wiedervereinigung zeigt Claudia Bauer, bevölkert von den Untoten der Geschichte, lauter lose miteinander verknüpften deutschen Ungeheuern, die im Slapstick, den Müller ihnen ja selbst eingeschrieben hat, zwar einigermaßen lächerlich daherkommen, aber deswegen noch lange nicht ungefährlich sind. Ein gerade in der aktuellen politischen Landschaft kein ganz unbekanntes Phänomen.

Schon Müller hat den Bogen so weit gespannt

Aber in die Gegenwart, und das ist dann doch ein Vorwurf, den man diesem Abend machen kann, reicht Claudia Bauers Inszenierung nicht. Das ist bei diesem Thema, diesem Autor und in diesen Zeiten bedauerlich. Vor allem, weil Müller selbst den Bogen ja so unglaublich weit spannt.

Also halten wir uns an ihn, obwohl das natürlich alles andere als tröstlich ist. „Das Massengrab“, lässt er Stalin in einer Szene sagen, „geht mit der Zukunft schwanger“. Es sind Momente und Sätze wie dieser, die einen an diesem an der Oberfläche grell getünchten Abend, immer wieder schaudern lassen.

Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Kartentel. 24 065 777. Nächste: Termine: 31.10., 10.11. und 16.11.