Doppel-Interview

Was Vladimir Jurowski und Barrie Kosky verbindet

Schlagkräftiges Duo: Dirigent Vladimir Jurowski und Regisseur Barrie Kosky zeigen Henzes Oper „The Bassarids“ an der Komischen Oper.

Dirigent Vladimir Jurowski (li.) und Regisseur Barrie Kosky im Foyer der Komischen Oper.

Dirigent Vladimir Jurowski (li.) und Regisseur Barrie Kosky im Foyer der Komischen Oper.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Gegensätze ziehen sich an. Auf den ersten Blick wirken Vladimir Jurowski und Barrie Kosky grundverschieden, zurückhaltend der eine, übersprudelnd der andere. Beim Thema Hans Werner Henze ist allerdings Jurowski gesprächiger. Die Künstlerfreunde bereiten gerade dessen „The Bassarids“ an der Komischen Oper vor, am Sonntag ist Premiere. Ein Gespräch am Rande der Proben.

Wenn Sie sich treffen, worüber reden Sie am liebsten?

Vladimir Jurowski Es geht nicht immer um Musiktheater.

Barrie Kosky Wir legen uns eigentlich selten auf bestimmte Themen fest, sondern lassen den Dingen ihren Lauf. Vladimir und ich lieben das Kino. Manchmal sprechen wir über Politisches oder Musik.

Jurowski Oder über Bücher.

Wer hat die „Bassarids“ ins Spiel gebracht?

Kosky Wir beide, das war in München. Es war nach „Moses und Aron“ in Berlin, wo wir nicht mehr dazu kamen, über weitere Pläne zu sprechen. Zuallererst kam die Kalenderplanung, wann etwas in dieser Saison geht. Klar war, dass Vladimir eine zweite Produktion mit mir an der Komischen Oper Berlin machen wollte. Und dann sind wir relativ schnell bei „The Bassarids“ gelandet.

Jurowski Weil wir beide das Stück von früher kannten und es einmal machen wollten. Es gehört zum klassischen Erbe des 20. Jahrhunderts. „Die Soldaten“ war nicht möglich, weil das Stück 2014 schon an der Komischen Oper gelaufen ist.

Kosky Wir arbeiten beide an großen internationalen Häusern. Vladimir hat als ehemaliger Kapellmeister eine lange Verbindung mit der Komischen Oper. Das ist ein Grund, warum wir ihn für Produktionen am Haus gewinnen können. Der zweite ist unsere Flexibilität bei den Proben.

Jurowski Hier sind mehr Proben möglich als anderswo üblich. Es ist auch interessant, weil Barrie und ich anfangs über Stücke sprachen, die auf Deutsch aufgeführt werden. Aber wir waren uns einig, dass wir „The Bassarids“ auf Englisch machen müssen. Der Text kommt von Auden und Kallman - das gleiche Duo, das das Libretto zu „The Rake’s Progress“ geliefert hat. Es ist ein literarisches Meisterwerk. Inzwischen spielt die Komische Oper ja viele Stücke in Originalsprache. Ich glaube, die „Bassariden“ hatten es in Deutschland schwerer, weil sie seit der Uraufführung 1966 meistens auf Deutsch gespielt wurden. Der deutsche Text ist zwar von Henze abgesegnet, aber nicht gut.

Was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an Hans Werner Henze?

Kosky Ich bin ihm nie begegnet, aber mich begeistern Vladimirs Geschichten.

Jurowski Wir hatten ein sehr herzliches Verhältnis, er war für mich wie ein Großvater. Wir sind uns zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren an der Komischen Oper während der „König Hirsch“-Inszenierung von Harry Kupfer begegnet. Er kam damals oft nach Berlin, weil er seinen 70. Geburtstag hier groß gefeiert hat. Ich habe mehrere seiner Sinfonien dirigiert. Ich durfte ihn befragen, einmal sogar im Krankenhaus. Da war er während Proben an der Berliner Staatsoper zusammengebrochen. Später habe ich ihn und seinen Lebenspartner Fausto öfter in Marino bei Rom besucht. Bis zu seinem Tod 2012 waren wir in engem Kontakt. Als ich 2006 seine Neunte in Rom zur Erstaufführung brachte, kam er im Rollstuhl. Am Ende der Aufführung stand er aus seinem Rollstuhl auf, um uns zu applaudieren.

War das eine Art Wunder oder nur Selbstinszenierung?

Jurowski Für Henze waren Lebenskraft und Ästhetik sehr wichtig. Er war als junger Mann sehr attraktiv und sportlich. Seine Schüler haben mir erzählt, er konnte aus dem Stand auf einen hohen Tisch springen. Und das mit über 50. Diese dionysische Seite war in ihm lebendig. Er war ein Pazifist und ein Antifaschist. Aber er wollte um jeden Fall die Jugend behalten. Er muss eine ziemlich dämonische Persönlichkeit gewesen sein.

Wie haben Sie sein Verhältnis zu anderen Komponisten wahrgenommen?

Jurowski Auf seiner Terrasse in Marino hatte er zwei Pfauen, der männliche hieß Riccardo, der weibliche Cosima. In seinem Arbeitszimmer war ein Regal mit allen Bänden von Richard Wagner besetzt. Er hasste Wagner, aber er war immer präsent. Auf der anderen Seite stand alles von Arnold Schönberg.

Hat Ihr Wissen über Henze Auswirkungen auf die Neuproduktion?

Jurowski Natürlich. Henze schrieb die Oper direkt in der Mitte seines Lebens. Er war 40, hatte fünf Sinfonien hinter sich und fünf vor sich. Es war der Scheidepunkt, der junge Henze hörte auf zu existieren. Das findet sich im Stück im ewigen Kampf zwischen Pentheus und Dionysos wieder. In jedem von uns leben beide, sagte Henze selbst. Ein Mönch und ein Hedonist. Er war mit sich selbst im Kampf. Er hat sich abgewandt von der für ihn nach Asbest schmeckenden seriellen Musik, das klingt hier noch ein letztes Mal an. Er ging damals nach Kuba, seine 6. Sinfonie war aggressiv, eine Art Befreiung. Danach folgte vor allem Schönheit. Mit dem Dionysos hat er erstmals die Schönheit in seine Musik hineingelassen. Pentheus Musik ist dagegen physisch unangenehm.

Kosky Und verklemmt.

Jurowski Der Dionysos bringt die Elemente der tonalen Musik, wie wir sie von Henze heute kennen. Die ganzen Kollegen von Donaueschingen und Darmstadt wandten sich von ihm ab. Sie mussten ihre umjubelten und bepfiffenen Uraufführungen in schlechten Sälen machen, Henze dagegen bekam einen großen Auftrag von den Salzburger Festspielen.

Herr Kosky, was spüren Sie davon im Stück?

Kosky Viel von der mediterranen Sonne. Henze komponierte eine Art Götterdämmerung. Euripides hatte bereits Dionysos als Halbgott dargestellt. Es gibt in der Handlung den Kampf zwischen Pentheus und Dionysos, zwischen rational und irrational oder Intellekt und Ekstase. Aber der Halbgott Dionysos führt auch einen inneren Kampf zwischen Rache und Schmerz. Man erfährt im Stück, warum er das alles macht, es ist die Rache für den Tod seiner menschlichen Mutter Semele. Deswegen kommt er nach Theben. Ich habe das Theaterstück von Euripides 2006 in Australien inszeniert und es hochrealistisch in einer Männertoilette spielen lassen. Die Henze-Oper ist natürlich ganz anders.

Welche Figur im Stück steht uns heute am nächsten?

Kosky Es ist ein Stück über zwei sehr gegensätzliche Männer. Pentheus und Dionysos sind beide interessante Figuren. Die Polarität gehört zum Leben. Sie ist das Leben.

Jurowski Man hat Mitleid mit Pentheus, weil er unterliegt. Dionysos hasst man, aber man kommt nicht gegen ihn an, denn er bringt die Befreiung. Er erinnert mich ein bisschen an die Geschichte der Bhagwan-Sekte. Wie ihr Führer verkündet Dionysos im Grundsatz sehr wahre, richtige Dinge, kann aber auch sehr gefährlich sein.

Was ist Dionysos in Ihrer Geschichte?

Kosky Das Kultische kommt bei uns über die Darsteller und die Musik. Pentheus verkörpert Theben. Es gibt kaum Requisiten. Wir spielen eine zeitgenössische Berliner Indoor-Fassung eines antiken, griechischen Amphitheaterspektakels. Das Licht im Saal bleibt an, denn das Publikum darf nicht in der Dunkelheit sitzen.

Jurowski Dionysos hat im Stück sogar Züge von Jesus.

Kosky Egal, ob der Mann im Anzug einen religiösen oder politischen Kult vertritt, er ist ein Führer. Die Menschen folgen ihm. Die Geschichte ist merkwürdig und grandios.