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„Parasite“: Schmarotzen als Lebensform

Bong Joon-hos Film „Parasite“, der in Cannes die goldene Palme gewann, ist eine als Thrillerkomöide getarnte Kapitalismuskritik.

Wo kann ich mit dem  W-lan der Nachbarn telefonieren? Die Geschwister Kim (Park So-dam, l., und Woo-sik Choi) sind sehr erfindungsreich. -dpa

Wo kann ich mit dem W-lan der Nachbarn telefonieren? Die Geschwister Kim (Park So-dam, l., und Woo-sik Choi) sind sehr erfindungsreich. -dpa

Foto: dpa

Dieser Film ist eine Heimsuchung. Und zwar im wörtlichen Sinn. Und der Regisseur Bong Joon-ho findet dafür kräftige, scharfkantige Metaphern. Erst sind es Kerbtiere, die die im Wortsinn schäbige Souterrain-Behausung der Familie Kim heimsuchen. Der Kammerjäger muss kommen, vertreibt aber mit seinen giftig-grünen Schwaden nicht nur die Insekten. Auch die Familie hält es in ihrem Kabuff nicht mehr aus.

Die vierköpfige Familie ist buchstäblich ganz unten angekommen. Die Eltern sind arbeitslos, die Kinder verkrachte Studenten. Das Nötigste zum Leben besorgen sie sich durch kleine Gaunereien. Beim Telefonieren wanzen sie sich etwa ins W-lan der Nachbarn über ihnen ein. Den Gelegenheitsjob, für einen Lieferdienst Pizzakartons zusammenzufalten, besorgen sie höchst halbherzig. Und klagen, als man ihnen deshalb kündigen will, noch Pizzen zur Entschädigung ein.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Eigentlich haben sich die Kims mit diesem kleinen Leben abgefunden. Aber die Giftschwaden sind dann doch zu viel. Und bald tun sie es wie die Parasiten in ihrem Heim, sie befallen ein anderes Haus. Dabei müssen sie nur etwas größer denken, ihre kleine kriminelle Ader etwas ausweiten.

Die Gelegenheit bietet sich, als Sohnemann Ki-woo (Woo-sik Choi) der Tochter des Geschäftsmannes Park Nachhilfe in Englisch geben soll. Er hat zwar kein Diplom, aber da hilft die findige Schwester Ki-jung (Park So-dam) aus und fälscht ihm ein solches im Computer. So betritt er das Luxusanwesen der steinreichen Parks. Und erschleicht sich deren Vertrauen.

Unterprivilegierte wanzen sich in Luxushaus ein

Als er erfährt, dass die Parks auch für ihren kleinen Sohn einen Mallehrer suchen, schlägt er seine Schwester vor, die er als amerikanische Kommilitonin ausgibt. Und schon tüfteln sie über drastische Möglichkeiten, wie sie auch den Vater (Kang-Ho Song) und die Mutter (Hyae Jin Chang) in den Haushalt infiltrieren können. Wenn nur die argwöhnische Haushälterin nicht wäre.

Eigentlich versteht sich der vielgepriesene südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho als Genrefilmer. Wobei er die unterschiedlichsten Gattungen ausprobiert und auch wild in ihnen mäandert. „Parasite“ etwa , der in Cannes die Goldene Palme gewann, ist ein Thriller, der mehr und mehr zum Horror ausartet.

Ein Genrefilm mit brachialer Sozialkritik

Aber immer geht es in Bongs Filmen dabei um mehr: um nichts weniger als den Klassenkampf. Auch er verfolgt eine ähnliche Strategie wie seine Kims: Bong täuscht einen Genrefilm vor, um dann, einmal mehr, mit einer radikalen Abrechnung mit dem Kapitalismus zu überraschen.

Dabei sind die Dinge nicht so einfach, wie sie zunächst scheinen. Ja, die Proletarier erweisen sich hier als skrupellose Schmarotzer, die am Luxus der anderen teilhaben wollen, um jeden Preis. Aber auch die Reichen leben ja ihr schönes Leben nur, weil sie Arbeitskräfte ausbeuten. Das Elend der anderen blenden sie einfach aus, indem sie hohe Mauern gegen den Rest der Welt hochziehen.

Ein Haus als Spiegel der Gesellschaft

Das Haus der Kims wird in „Parasite“ zum Mikrokosmos, zum Spiegel der Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich, Unten und Oben immer größer wird. Jeder will nach oben. Jeder will Wohlstand. Auch wenn das heißt, andere auszustechen.

Wenn die schwarzhumorige Komödie schließlich zur bitterbösen Satire mutiert, gibt es aber keinen Sieger. Das System beutet alle aus. Und macht alle zu Opfer. Der Kapitalismus als Schädlingsbefall. Und Bong agiert quasi als Kammerjäger, der in diesem Kammerspiel sein satirisches Gift versprüht.

„Eine Komödie ohne Clowns“ nennt Bong seine „Parasites“, und „eine Tragödie ohne Schurken“. Und während man anfangs noch genüsslich mitlacht, bleibt auch dem Letzten irgendwann das Lachen im Halse stecken. So abgründig fies und klar kann einem derzeit keiner die Tücken unserer Lebensform vor Augen führen wie dieser wilde Mann aus Südkorea.

Gesellschaftssatire Südkorea 2018 132 min., von Bong Joon-ho, mit Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam