Konzert-Kritik

Wenn Musiker Robert Schumann tanzen lassen

Die Berliner Philharmoniker finden unter Paavo Järvi zum passionierten Spiel. Und Janine Jansen entdeckt Tschaikowsky neu.

Geigerin Janine Jansen

Geigerin Janine Jansen

Foto: © Decca/Marco Borggreve

Janine Jansen ist eine Künstlerin mit Wow-Effekt. Mit ihrer Vitalität und Perfektion kann sie einen schwindelig spielen. Tschaikowskys Violinkonzert hält heute niemand mehr für unspielbar wie vor der Uraufführung. Im Gegenteil, es gehört zu den Herzstücken im Repertoire jedes Geigenvirtuosen. Wie oft mag die Niederländerin das Stück schon gespielt haben? Wenn sie in der Philharmonie anfängt, wird die Frage irrelevant, weil sie das Konzert in jedem Moment mit allen Fasern ihres Körpers neu entdeckt.

Die Ganzkörpergeigerin musiziert passioniert, kommunikativ und geistesgegenwärtig. Ihr Spiel wirkt riskant und trifft doch immer den Nerv. Vor allem ist es aber die Unmittelbarkeit, die das Publikum mitreißt. Man möchte glauben, dass Janine Jansen immer im Hier und Jetzt gestaltet und niemals etwas Vorproduziertes abruft.

Daneben haben es Sibelius und Schumann wirklich nicht leicht. Der allseits beliebte Paavo Järvi gehört zu den Stammdirigenten der Berliner Philharmoniker. Die Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren intensiviert. Zwei Mal pro Jahr steht er am Pult. Diesmal lässt er sich von der Geigerin, mit der er oft zusammenarbeitet, die Show stehlen. Der Programmrahmen fällt grundsolide aus, aber nicht spektakulär.

Das nordische Repertoire liegt dem Esten immer am Herzen. Mit seiner letzten Tondichtung „Tapiola“ ist Jean Sibelius 1926 noch einmal in die Welt des finnischen Nationalepos „Kalevala“ eingetaucht. Das Stück ist nach dem Gott des Waldes benannt, und tatsächlich beginnt es wie ein romantischer Märchenwald mit ein paar vorbeihuschenden Schatten. Doch Järvi entzieht der Tondichtung bald den Boden der Gemütlichkeit und lässt eine spukhafte Gegenwelt zur Realität aufleuchten. Hier sind keine pittoresken Waldgeister am Werk, eher abgründige Gestalten.

Umso fröhlicher klingt Robert Schumanns Rheinische Sinfonie. Järvi nimmt sie musikantisch, ausgelassen, da hängt kein Klotz am Bein. Im Entstehungsjahr 1850 ging es dem Komponisten gut und er warf seine „Sinfonienskrupel“ über Bord. Der ewige Grübler fand Halt in seiner neuen Stellung als Städtischer Musikdirektor von Düsseldorf und schrieb seine heiterste Sinfonie. Der Dirigent lässt sie schlank und rhythmusbetont spielen. Die Musiker drehen kräftig am Schwungrad und setzen viel quirlige Energie frei. Sie lassen Schumann nicht nur singen, sondern auch tanzen.