Neu im Kino

„Glanz der Unsichtbaren“: Brigitte Bardot auf der Straße

In Frankreich war das ein Kassenhit: „Der Glanz der Unsichtbaren“ ist eine Sozialdramödie über obdachlose Frauen, die ans Herz geht.

Die obdachlosen Frauen und ihre Sozialbetreuerinnen wie Audrey (Audrey Lamy, Mi.) lassen sich nicht unterkriegen.

Die obdachlosen Frauen und ihre Sozialbetreuerinnen wie Audrey (Audrey Lamy, Mi.) lassen sich nicht unterkriegen.

Foto: Piffl Filmverleih

Wenn Menschen etwas besonders gut können, ist das ja meist eine erfreuliche Sache. Chantal (Adolpha van Meerhaeghe) etwa, burschikos und schon nicht mehr die Jüngste, kann so ziemlich alles reparieren. Nur findet sie keinen Job, weil sie auf die Frage, wo sie all das gelernt habe, antwortet: „Im Knast“. Sie habe ihren Mann umgebracht, erklärt sie dann jedes Mal ruhig.

Ihre Sozialbetreuerin Audrey (Audrey Lamy), deren Job bei scheiternder Reintegration ihrer obdachlosen Klientin ebenso auf dem Spiel steht, versucht diese also zum Auslassen gewisser Fakten zu bewegen. Aber Ehrlichkeit sei wichtig, beharrt Chantal. Man ersticke sonst an dem, was man für sich behalte.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Dies ist einer der vielen Momente, in dem „Der Glanz der Unsichtbaren“ von Louis-Julien Petit Brücken baut zum mehrheitlich eher nicht obdachlosen Publikum. Alle, die schon mal ein Vorstellungsgespräch versemmelt haben oder darüber verzweifelt sind, ihre wahren Fähigkeiten nicht zum Glänzen bringen zu dürfen, wissen: Zu authentisch zu sein ist schlecht, zu gekünstelt auch. Erst recht gilt das im Kino, vor allem fürs Sozialdrama, das oft ins Kitschige kippt, wo es besonders echt und ehrlich sein will.

Womit wir bei der besonderen Qualität dieses Films sind, denn „Der Glanz der Unsichtbaren“ wirkt zwar weitgehend dokumentarisch, entgeht aber der Falle des Betroffenheits-Voyeurismus. Und das, obwohl ein Teil des Ensembles aus Laienschauspielerinnen besteht, die wissen, wie sich ein Leben ohne festen Wohnsitz anfühlt.

Frauen, die nie wahrgenommen werden

Angestoßen von dem Buch und der Filmdokumentation „Sur la route des invesibles“ von Claire Lajeune über das Leben auf der Straße, recherchierte Petit monatelang selbst in Unterkünften obdachloser Frauen und kam zu dem Schluss, dass sowohl die Sozialarbeiterinnen als auch die, die sie betreuen, „unsichtbar“ seien.

Wo aber Lajeunes Geschichte aufhört, fängt Petits Film erst an: an dem Punkt, an dem eine der Protagonistinnen einen Wohnheimplatz bekommt. Bei Petit kehrt sie in eine Tageseinrichtung zurück. Die aber soll geschlossen werden, wegen zu geringer Integrations-Erfolgsquote. Weshalb sich die Betreuerinnen und ihre Schützlinge zu einer neuen Gruppe von Workshop-Leiterinnen und -Teilnehmerinnen formieren, in der jede irgendetwas (lernen) kann: Haare schneiden, Menschen zusammenbringen, altes Zeug reparieren, gut verkaufen.

Die Balance zwischen Fiktion und Dokument hält, weil der Film sich schon in grundsätzlichsten Entscheidungen Distanz verschafft zum allzu Realen. Etwa indem Petit die ehemals obdachlosen Darstellerinnen bat, sich die Namen von Frauen zu geben, die sie bewunderten. „Als Edith Piaf, Brigitte Bardot oder Beyoncé „rückte die Anwesenheit der Kamera für sie in den Hintergrund“, sagt Petit.

Stell dich als eine andere dar!

Und das funktioniert erstaunlich gut: sich selbst zu spielen - aber als eine andere. Das hat Witz und Tiefe und dürfte zumindest zum Teil erklären, warum der Film in Frankreich mit einer Million Besuchern so erfolgreich ist.

Anders als so manches „berührende Sozialdrama“ entfaltet Petits Geschichte um Frauen, die sich jenseits des Behördenkrams für Selbsthilfe und Selbstachtung entscheiden, ein dem „realen Leben“ tatsächlich ähnlich sehendes breites Spektrum an widersprüchlichen Gefühlen, ohne diese breitzutreten.

Ein elegant rhythmisiertes Kunststück

Fast beiläufig angepiekst werden da: die Wut, die Hybris, der Stolz, die Freude, die Erschöpfung, der Neid, das Mitleid, das Selbstmitleid – wie Audreys tragikomische Verzweiflungsanfall, in dem das ganze Elend ihres vermeintlich verfehlten Lebens in der Klage über ihren alten Pulli kulminiert.

Ohne zu beschönigen, gelingt Petit das Kunststück, in seinem elegant rhythmisierten Ensemblefilm jeder Figur so viel Raum zu lassen, dass sie in ihrer jeweiligen Szene den ganzen Film zu tragen scheint. Und sie alle sind am Ende schön, wie es einmal heißt, ganz beiläufig.

Komödie F 2019 102 min., von Louis-Julien Petit, mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsk.