Konzert im Tempodrom

New Order in Berlin: Klassiker für kommende Generationen

Blauer Montagabend - die Briten spielen im ausverkauften Tempodrom. Jeder Fan bekommt, was er von der Band am liebsten mag.

Bernard Sumner am Vorabend des Berliner Konzerts in München.

Bernard Sumner am Vorabend des Berliner Konzerts in München.

Foto: imago images/Stefan M Prager

Berlin. Ihr neuester Release ist ein Live Album mit dem griffigen Titel „∑(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick: So it goes…“. New Order, die Band, deren Musik schon gestern klang wie morgen, und heute dann am schönsten ist, wenn sie Handwerk und Knarzigkeit von damals zurück bringt, führt auf der Platte noch einmal vor, wie sicher, forsch und wagemutig sie sich in den Jahrzehnten ihres Bestehens zwischen digital und analog bewegte. Um sich von dieser, seiner besten Seite zu zeigen, hätte das Quintett aus Manchester am Montagabend im Tempodrom vielleicht weniger auf die Singles setzen müssen.

Wie beim letzten Auftritt 2015 geht es los mit „Singularity“, bebildert mit einem bunt-chaotischen Zusammenschnitt des unvermindert großartigen Films „B-Movie…“ ihres Freundes und ehemaligen Factory-Records-Botschafters im geteilten Deutschland, Mark Reeder.

Elektrisch, eklektisch, aber mit Schmutz unter den Fingernägeln

Beim vierten Stück hat die Band dann richtig Fuß gefasst. Der transparente Sound von „She‘s lost control“ und die teutonisch-präzise, minimalistische Instrumentierung von New-Order-Vorgängerband Joy Division treffen in diesem Moment genau den Publikumsnerv. Das Design des ersten Albums flattert auf der Leinwand. In Berlin und aller Welt trifft man Teenager, die es auf dem Pullover und dem Baumwollbeutel tragen. Eine zeitlose Musik.

„Transmission“ bietet Schlagzeuger Stephen Morris neuerlich Raum für sein einmaliges Spiel, bei dem jede der Toms kracht wie gut gestimmte Kanonenschläge. „Your silent face“ ist danach New Order in ihrer imperialen Phase, elektrisch, eklektisch, neugierig nach den Sternen greifend - aber mit Schmutz unter den Fingernägeln.

„Love will tear us apart“ beendet den Abend

Wer an diesem Abend wieder schmerzlich fehlt – auch auf dem jüngsten Studioalbum „Music Complete“ - ist der Unberechenbarkeitsfaktor Peter Hook. Erstens konnte der live seinen Bass knöcheltief spielen wie kein anderer. Und mochte er sich – zweitens - auch mitunter aufführen wie ein Wikinger auf Hafturlaub, steuerte er bis zu seinem Ausstieg 2007 Melodien von raubtiergleicher Eleganz bei, die die Songkonstruktionen zusammenhielten. Nun liegt die ganze Publikumsaufmerksamkeit auf Sänger und Gitarrist Bernard Sumner. Die benebelnden, hypnotisierenden Visuals hinter ihm entlasten ihn etwas.

Lange dauert der Mittelteil aus populärerem Material, „Subculture“, „True Faith“ etwa, und tanzbarem Schund von „Music Complete“. Aber die Halle bebt und das Sektglas neben Keyboarderin Gillian Gilbert könnte jeden Augenblick überschwappen.

Mit „Blue Monday“ und „Temptation“ kriegt die Band dann die Kurve gen großes Finale. „Decades“ sang einst Ian Curtis. Als der 1980 Verstorbene zu den unerbittlichen Synth-Drum-Beats von Stephen Morris auf der Leinwand zu sehen ist, erhält der Sänger Applaus, als stünde er noch einmal live auf der Bühne. „Love will tear us apart“ beendet die Nacht, in der jeder ein bisschen von den New Order bekam, die er am liebsten mag. Ein Kompromissabend also.