Theater

Die Wiederkehr des Rio Reiser im Schiller Theater

Starker Abend über den berühmten Berliner: Die Uraufführung von Rio Reiser - Mein Name ist Mensch“ mit einem brillanten Frédéric Brossier.

Am Ende wird er zum „König von Deutschland“: Frédéric Brossier singt sich als Rio Reiser die Seele aus dem Leib und verausgabt sich komplett.

Am Ende wird er zum „König von Deutschland“: Frédéric Brossier singt sich als Rio Reiser die Seele aus dem Leib und verausgabt sich komplett.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Ein letztes Gespräch, ein zarter Kuss zum Adieu, während im Hintergrund leise Rio Reisers Lied „Übers Meer“ a cappella angestimmt wird. Ein poetisches Liebes- und Abschiedslied. Ein Requiem für einen eigenwilligen, unangepassten Künstler.

Der spart sich eine dramatische Sterbeszene, sondern steigt einfach die Leiter hinauf. Weilt nicht mehr unter den Lebenden und sitzt auf seiner Wolke im „Junimond“. Einer der schönsten und sicherlich der traurigste Song, den Rio Reiser je geschrieben hat. Nun singt er ihn, bevor der Vorhang endgültig fällt.

So nah an Reiser wie nie

Ein starker, berührender Moment an einem Theaterabend, der den legendären Sänger und Songwriter porträtiert und entsprechend vollgepackt ist mit denkwürdigen Szenen. Kein Wunder also, dass die Uraufführung von „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“ in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater mit einem fabelhaften Ensemble heftig umjubelt war.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Achterbahn-Vita des Ausnahme-Musikers auf die Bühne gebracht wird. Doch diesmal ist die Inszenierung so nah an Rio Reiser dran wie nie, gibt so intime Einblicke in die fragile Künstlerseele, dass man sein Leben quasi im Zeitraffer miterlebt.

Reisers Bruder hat eng mitgearbeitet

Aber schließlich hat Regisseur Frank Leo Schröder das Schauspielmusical auch gemeinsam mit Gert C. Möbius geschrieben, dem älteren Bruder von Rio Reiser, der die privaten Seiten des Musikers kannte wie kaum jemand sonst.

Schröder hatte bereits 2017 „Rio Reiser. König von Deutschland“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater inszeniert. Bühnen- und Kostümbild von Matthias Müller hat er für die Berliner Aufführung übernommen, transportieren sie doch nachdrücklich den Zeitgeist, dem Reisers Songs entsprungen sind.

So entspinnt sich seine recht weit ausholende, chronologisch erzählte Lebensgeschichte vor hohen beigegrauen Wänden mit kleinem Guckkasten auf halbem Weg zum Bühnenhimmel. Kein trendiger Shabby Chic, sondern ein Raum in typisch schmuddeliger Waschbeton-Optik der 70-er. Mal als Konzerthalle, mal als Demo-Schauplatz zahlreicher linker Gruppierungen oder als Wohngemeinschaft genutzt.

Geboren 1950 in Berlin als Ralph Möbius, war Reiser schon in seiner Jugend ein Getriebener. Ein „tödlicher Beatles-Fan“, wie er einmal sagte. Weil die Rolle ungeheuer kraftraubend ist, spielt Frédéric Brossier Reiser alternierend mit Philipp Butz. Tatsächlich verausgabt sich Brossier völlig, gibt diesen von der Musik Besessenen mit ungeheurer Wucht.

Zerrissenheit und Weltschmerz

Voller Adrenalin, aber auch sanft, dann wieder wegen einer Nichtigkeit ausrastend. Er überzeugt mimisch und gesanglich. Singt sich die Seele aus dem Leib. Dabei versucht er erst gar nicht, Rio Reiser nachzuahmen. Und trifft seinen Ton haargenau. Die innere Zerrissenheit, den Weltschmerz.

Am Anfang stehen natürlich die unsterblichen Songs von Ton Steine Scherben. Sie machen 1970 erstmals Rockmusik mit deutschen Texten, die funktioniert. Volksmusik mit politisch einfachen Botschaften. Wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder „Keine Macht für Niemand“. Dafür werden die Scherben, wie sie kurz genannt werden, zunehmend von Gruppen aus dem gesamten linksalternativen Spektrum vereinnahmt. Die Bühnenband schrammelt sich dabei nicht einfach lautstark durch die Songs, wie weiland die Scherben. Juan Garcia hat als Musikalischer Leiter für heutige Arrangements gesorgt. Mit einem gradlinigen Rocksound, der so perfekt rüberkommt, dass man sich in einem echten Scherben-Konzert wähnt.

Weil sie genug davon haben, Sprachrohr der linken Szene zu sein, fliehen die Scherben Mitte der 70-er förmlich aus Berlin und ziehen auf einen Bauernhof in Nordfriesland. Wollen nicht nur Musikerkollektiv sein, sondern auch alternative Wohngemeinschaft. Die an unterschiedlichen Vorstellungen scheitert.

Die Scherben zerfallen zu Scherben

Letztlich löst sich die Band 1985 auf, weil sie mit 300.000 Mark in den Miesen steht. Und weil Rio Reiser als kreatives Mastermind andere Wege gehen will.

Trotz kleiner Längen, die durchaus verschmerzbar sind, ist der Abend stets unterhaltsam. Verwebt die Aufführung doch Biographie und Zeitgeschehen geschickt mit der Musik. Persönlichkeiten wie die spätere Grünen-Politikerin Claudia Roth als letzte Managerin der Scherben sind zudem amüsante Sidekicks.

Später, als Rio auf Solopfaden wandelt, läuft ihm noch Marianne Rosenberg über den Weg. Sie wird eiskalt erwischt von Reisers Homosexualität, die er seinerzeit lange nicht öffentlich leben kann. 1986 kommt mit dem Hit „König von Deutschland“ sein ersehnter Erfolg. Scherben-Fans werfen Rio Reiser aber künstlerischen Verrat vor. Er selbst wird von Selbstzweifeln und öffentlicher Kritik regelrecht zermürbt, stirbt überraschend mit nur 46 Jahren.

Dass er sich mit seinem Werk als Sänger und Songwriter einen ewigen Platz im Gedächtnis der Nation erspielt hat, beweisen seine Lieder. Sie inspirieren und hallen auch über 20 Jahre nach seinem Tod noch nach. Der Abend klingt mit seiner schönsten Ballade „Für immer und dich“ so stark aus, wie er begann.

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel.: 88 59 11 88. Bis 3.11., Di.-Sbd. 19.30 Uhr, So. 18 Uhr,.