Peter Prange

Roman über VW in der NS-Zeit: Ein Mythos wird hinterfragt

Zwischen Wolfsburg und Auschwitz: Peter Prange hat einen Roman über die Verwicklungen von VW in der NS-Zeit vorgelegt. Ein Treffen

Bestsellerautor Peter Prange in Berlin

Bestsellerautor Peter Prange in Berlin

Foto: Sergej Glanze

Berlin. „Es ist ein Roman über die Verführbarkeit des Menschen in politisch prekären Zeiten“, sagt Peter Prange. Der zweite Teil seines Bestsellers „Eine Familie in Deutschland“ ist gerade erschienen, und der Tübinger Schriftsteller tourt damit lesend und diskutierend durchs Land. Aber es ist diesmal kein Stoff, über den man mal so schwadroniert.

Der Roman „Am Ende der Hoffnung“ beschreibt auf 816 Seiten die Zeit vom Kriegsbeginn bis zum Tag der Kapitulation und spielt zwischen Wolfsburg, Berlin und Auschwitz (S. Fischer, 24 Euro). Es ist eine Geschichte von Mitläufern und Verrätern, Opfern und Tätern. „Wir sind heute sehr kritisch gegenüber den Menschen damals, weil sie doch alles hätten wissen müssen“, sagt Prange: „Ich versuche, die Menschen aus dem Dunkel des gelebten Augenblicks heraus zu verstehen, wie sie damals empfunden haben. Kein Mensch rennt durch seine Welt mit dem Blick eines Historikers.“

Die VW-Zentrale war bis 1945 im Berliner Grunewald

In einem Café am Kurfürstendamm findet unser Gespräch statt, und Prange spricht detailbewusst sein bislang berlinischstes Buch. „Meine Geschichte beginnt in Wolfsburg mit der Entwicklung der VW-Fabrik, aber in der Zeit des Krieges hat sich das Geschehen immer weiter nach Berlin verlagert. Ich war gerade in der Taunusstraße im Grunewald, wo die Firmenzentrale bis 1945 war.“ Als Historien-Autor ist Prange, Jahrgang 1955, immer auch ein Rechercheur. Der Durchbruch gelang ihm 1999 mit der deutsch-deutschen Familiengeschichte „Das Bernstein-Amulett“, die für die ARD verfilmt wurde. Seine bekannte Weltenbauer-Dekalogie umfasst acht historischen Romanen wie „Die Principessa“, „Die Philosophin“ und „Der Kinderpapst“.

Seine Bücher wurden bereits in 24 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von drei Millionen Exemplaren. Darüber hinaus versteht sich Prange als europäischer Aufklärer. Sein Sachbuch „Werte“, ein Reiseführer durch die abendländische Kulturgeschichte, diente Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Antrittsrede als EU-Ratspräsidentin im Januar 2007 vor dem Europaparlament zur Begründung ihrer Europavision.

Als seine Lieblingsgeschichte in dem bei Fischer Scherz erschienenen Buch bezeichnet Prange „die große Liebe von Charly und Benny“, die es schwer habe in Zeiten der Barbarei. Aber genau genommen handelt es sich um einen großen VW-Roman. Es ist viel Gründerleidenschaft im Spiel. Bei seinen Recherchen ist der Autor auf etwas ihn Überraschendes gestoßen. „Der VW-Käfer ist ja ein deutscher Mythos und wir verbinden das Auto mit dem Namen Ferdinand Porsche. Aber die Idee eines Volkswagens ist bereits in den 20er-Jahren vom jüdischen Autokonstrukteur Josef Ganz konzipiert worden“, sagt Prange. Der aus Ungarn stammende Ingenieur hatte einen Prototypen gebaut und seinen „Maikäfer“ zwei Wochen nach der Machtergreifung durch die Nazis auf der Berliner Automobilausstellung 1933 vorgestellt.

„Ganz hatte die Eröffnungsrede von Hitler gehört“, sagt Prange, „wo der Autobahnen und ein Auto von der Industrie forderte, das für jedermann erschwinglich ist. Ganz sah die Chance seines Lebens, drei Monate später verwüstete die Gestapo sein Büro in Frankfurt.“ Über die Schweiz emigrierte Ganz schließlich nach Australien. Sein Name ist heute weitgehend vergessen und verschwiegen. „Man will offenbar nicht am Mythos von Ferdinand Porsche kratzen“, glaubt Prange: „Aber die Grundidee eines Volkswagens stammt nicht von Porsche, die hat Ganz entwickelt.“

Peter Prange bezeichnet sich selbst übrigens als „scheu und größenwahnsinnig“. Vielleicht muss man als Bestsellerautor auch selbstironisch und immer originell sein. So liebe er es, Gott zu spielen und Menschen und Schicksale zu erfinden. „Aber das Schreiben selbst ist ein quälender Prozess. Ich schreibe zwar dicke Bücher, aber ich bin kein Schnellschreiber. Ich schreibe drei bis vier Seiten pro Tag.“ Prange glaubt, dass ein Historienroman immer auch ein Gegenwartsroman ist. Diese Art von Neugierde auf das Leben, das ihn umgibt, hatte bereits seine Dissertation zur Philosophie und Sittengeschichte der Aufklärung beeinflusst. Der Auslöser war, sagt Prange, „dass es damals in jeder Fußgängerzone Peepshows gab. Ich habe mich gefragt, wo kommt die Allgegenwart von Sexualität eigentlich her? Die große These war: Im 18. Jahrhundert hat wie in den 1960er-Jahren eine Aufklärung stattgefunden.“

Das Grauen offenbart sich im scheinbar Alltäglichen

Die Spitze der Aufklärung sei immer die Sexualität gewesen, sagt Prange. „Im 18. Jahrhundert wurden Hardcore-Pornos verfasst von allen, die Rang und Namen hatten. Auch die heutige Freizügigkeit setzt die Triebhemmung durch Anstand, Moral und religiösen Wurzeln voraus.“ Rückblickend auf die von den 68ern propagierte sexuelle Freiheit meint Prange, dass dabei noch nicht viel vom Gleichheitsgedanken zu spüren war. „Männer sollten sich austoben, Frauen möglichst hübsch wie Uschi Obermaier aussehen. Das Gretchen vom großen Revolutionsführer Rudi Dutschke war doch ein richtiges Heimchen am Herd.“

In seinem Familienroman kommt die Figur Horst Ising, ein überzeugter Nazi, auch nach Auschwitz, um Ingenieure zu rekrutieren. „Was er dabei erlebt, traumatisiert ihn“, begründet Prange die Szene. Der Autor versucht immer wieder, das Grauen im scheinbar Alltäglichen aufzuspüren, er schreibt Klartext, was manchmal befremdet in der Affirmation. Der Jude an sich sei unverschämt, lässt er Schwester Johanna im Buch dahin sagen. „Ich halte meine Leser nicht für so naiv, dass sie den Kontext nicht mitverstehen“, sagt Prange: „Wie selbstverständlich diese Schäbigkeiten gesagt wurden, das gehört mit in einen historischen Roman. Als ich anfing zu schreiben, wusste ich noch nicht, wie sehr es ein Gegenwartsroman wird.“ Denn wieder seien Rattenfänger unterwegs. „Auf einmal werden Dingen gesagt, die vor einigen Jahren noch unsagbar waren.“

Das Thema des Nationalsozialismus beschäftigt Prange seit seiner frühesten Kindheit. „Da gab es noch Kriegsversehrte und Kriegerwitwen, ein Nachbarsjunge trug einen Mantel, der aus dem Wehrmachtsmantel seines toten Vaters geschneidert war.“ Als Kind habe er auch mitbekommen, wie die Namen Hitler, Göring oder Goebbels von den Erwachsenen leise ausgesprochen wurden. „Ich habe sie in einem Lexikon nachgeschlagen – das dabei empfundene Gefühl von Faszination und Schmuddligkeit habe ich heute noch.“