Weite Landschaften. Ewige Gezeiten. Wie klein nehmen sich die Menschen darin aus. Und doch: Wie ernst nehmen sie sich. Und was tun sie sich nicht alles an. Und sind am Ende doch nur kleine, unbedeutende Punkte in dieser übermächtigen Natur. Das ist der erste und auch der bleibende Eindruck, wenn man sich Christian Schwochows Verfilmung von Siegfried Lenz’ Meisterwerk „Deutschstunde“ ansieht.

Als der Roman erschien, wurde er zum Schlüsselbuch der 68er-Generation, zu einem Pflichtstoff im Deutschunterricht und überhaupt zu einem der meistgelesenen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Er wurde außerdem in 20 Sprachen übersetzt und machte seinen Autor auch international bekannt. Bei einem solchen Erfolg ist eine Verfilmung fast zwingend.

Neuer Blick einer neuen Generation

Schon 1971, drei Jahre nach dem Erscheinen, wurde der Roman erstmals adaptiert. Damals fürs Fernsehen, von Peter Beauvais. Das Drehbuch schrieb: Lenz selbst. Der Zweiteiler wurde allerdings nie wiederholt. Der Stoff schrie geradezu danach, noch einmal ­adaptiert zu werden. Und doch hat es lange gedauert, über 50 Jahre seit Erscheinen des Buchs. Und wurde nun von einem Regisseur aufgegriffen, der längst einer ganz anderen Generation angehört und einen ganz eigenen, ganz neuen Blick auf den Stoff wirft.

Noch einmal sitzen wir nun mit Siggi Jepsen (Tom Gronau) in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Hier soll er, Anfang der 50er-Jahre, einen Deutschaufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Wobei er allerdings keinen Anfang findet und ein leeres Schulheft abgibt.

Weshalb er zur Strafe Einzelarrest bekommt, bis er den Aufsatz geschrieben hat. Und er sich plötzlich alle Nöte seines Lebens von der ­Seele schreibt. In unzählige Hefte. Und nicht mehr aufhören kann, seine Pflicht übererfüllt, auch als der Anstaltsdirektor ihm die Strafe längst erlassen will.

Werden zu erbitterten Feinden: Der Polizist Jepsen (Ulrich Noethen, l.) und der Maler Nansen (Tobias Moretti)
Werden zu erbitterten Feinden: Der Polizist Jepsen (Ulrich Noethen, l.) und der Maler Nansen (Tobias Moretti)© Wild Bunch

Und mit den Augen des Jugendlichen sehen wir noch einmal die Bilder seiner Kindheit. Wo der elfjährige Siggi (Levi Eisenblätter) am Ende des Krieges hin- und hergerissen wird zwischen seinem Vater und seinem Paten, die einmal beste Freunde waren und dann zu erbitterten Feinden werden in Rugbüll, dem (fiktiven) nördlichsten und entlegensten Zipfel Deutschlands.

Aufgerieben zwischen zwei Vaterfiguren

Der Pate Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) ist ein Kunstmaler, der seine Sicht der Welt in expressionistischen Bildern wiedergibt, die als „entartet“ gelten. Eines Tages wird er deshalb schließlich mit einem Berufsverbot belegt. Und weil Siggis Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) als gestrenger und pflichtgetreuer Polizist im Ort wirkt, ist ausgerechnet er es, der dieses Mal- und Berufsverbot überwachen soll. Und dies als willfähriger Helfer pflichtschuldigst erfüllt.

Der unschuldige Junge wird zwischen den beiden Vaterfiguren und ihren Welten und Werten aufgerieben, gleich zwei Familien ins Unglück gestoßen. Bis das Kind selbst zum Täter wird. Und einige Gemälde von Nansen stiehlt. Um sie vor der Verfolgung seines Vaters zu retten.

Makabres Hobby: Siggi sammelt Tierkadaver und -knochen
Makabres Hobby: Siggi sammelt Tierkadaver und -knochen© Wild Buch

Christian Schwochow, mit Werken wie „Der Turm“, „Bornholmer Straße“ oder der Serie „Bad Banks“ derzeit einer der wichtigsten und interessantesten deutschen Filmregisseure, hat mit „Paula“ schon einmal einen Film über Malerei und die Freiheit der Kunst gedreht. Im Film über Paula Modersohn-Becker wollten Männer der Malerin vorschreiben, was Kunst ist und wer sie ausüben darf.

Zeitlose, übergreifende Mahnung

In „Deutschstunde“ ist es ein totalitärer Staat, der verordnet, was Kunst dürfen soll und was als „entartet“ oder „krank“ gilt. In beiden Fällen setzen sich die Künstler mutig darüber hinweg.

Schon Siegfried Lenz hat seinen Roman in einen über-zeitlichen Raum gestellt. In einen Flecken, an dem der Krieg noch kaum Verheerungen angerichtet hat und in dem es nicht konkret um den Nationalsozialismus ging, der aber zu einem Mikrokosmos der Gesellschaft wurde. Schon der Roman war eine zeit­lose, übergreifende Mahnung gegen die Deformierung der Moral und des Geistes durch staatliche Repressionen.

Schwochow, der den Stoff schon seit seinem Filmstudium verfilmen wollte und bereits vor elf Jahren erste Verhandlungen darüber führte, hat das noch entscheidend weitergeführt. In seinem Film, bei dem, wie so oft, seine Mutter Heide Schwochow das Drehbuch geschrieben hat, wird Lenz’ Roman in eine kräftige Bildsprache übertragen, die mit erstaunlich wenig Dialogen auskommt und alles in starken, bleibenden Kino­bildern erzählt. Angefangen vom ersten Bild, das brennende Bilder auf Staffeleien am Meer zeigt.

Eines Tages wird Nansen abgeholt. Und muss sich  von seiner Frau (Johanna Wokalek) verabschieden.
Eines Tages wird Nansen abgeholt. Und muss sich von seiner Frau (Johanna Wokalek) verabschieden.© Wild Bunch

Dabei wird die Landschaft bei Schwochow noch stärker als bei Lenz zu einem eigenen Protagonisten. Eine abweisende Welt voller Schlick, Watt und Kadaver, die immer zu frieren scheint, selbst wenn die Sonne einmal darauf scheint. Ein Raum, der Weite, Luft und Freiheit suggeriert und doch für den kleinen Siggi zu einem Gefängnis wird, aus dem es kein Entkommen gibt. Die spätere Zelle in der Anstalt ist da kein krasser Kontrast, eher eine bekannte, vertraute Situation.

Lauter Assoziationen, die man weiterdenken muss

Lenz’ starken Bildern fügt Schwochow weitere, prägende Metaphern hinzu. Siggis makabrer Drang etwa, Tierskelette und -knochen zu sammeln. Die versteckt der Junge nicht, wie im Roman, in einer verfallenen Mühle, sondern in einem leerstehenden Haus, das offenbar Hals über Kopf verlassen wurde. Von, wie man vermuten muss, Menschen, die deportiert wurden. Was aber nie ausgesprochen wird. Hier werden nur Assoziationen geweckt. Und der Zuschauer ist aktiv gefordert, sie zu interpretieren.

Dabei hängt kein Hitler-Bild an der Wand, und keine Flagge weht im Wind. Die klassischen NS-Insignien und -klischees fehlen ganz. Lediglich das Hakenkreuz im Helm des Polizisten verweist auf die konkrete Situation. Der Film soll nicht als bloße Geschichtslektion und Verarbeitung der Vergangenheit verstanden werden, er will eine deutliche und klare Parabel auf die heutige Zeit sein.

Regisseur Christian Schwochow mit seiner Mutter und Drehbuchautorin Heide Schwochow bei der Premiere des Films auf dem Filmfest in Hamburg.
Regisseur Christian Schwochow mit seiner Mutter und Drehbuchautorin Heide Schwochow bei der Premiere des Films auf dem Filmfest in Hamburg. © dpa | Georg Wendt

Schwochow hat klug daran getan, die Bezüge zu Emil Nolde, die Lenz bei seiner fiktiven Figur Nansen hat einfließen lassen, auszusparen. Nolde galt als entartet und hatte sich nach dem Krieg als Verfolgter stilisiert. Dieses Bild, auf das sich Lenz bezog, haben auch Noldes Stiftung in Seebüll und seine Biografen lange aufrechterhalten.

Bezüge zu Emil Nolde bewusst vermieden

ass Nolde sich dennoch dem Nationalsozialismus angebiedert hat, zeigte erst im Frühjahr dieses Jahres eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin. Schwochow hat sich indes schon weit früher dazu entschieden, Bezüge zu Nolde bewusst zu vermeiden.

Schon vor der großen öffentlichen Diskussion habe man Texte von Nolde lesen können, so Schwochow, die belegten, dass er Antisemit und Nationalsozialist gewesen sei. Der Regisseur verweist allerdings darauf, dass auch Lenz sich von Nolde lediglich inspirieren ließ, aber eine ganz eigene literarische Figur erschaffen hat, eine echte Lichtgestalt in dunkelster Zeit.

Sinniger Kinostart am Tag der Deutschen Einheit

Der Film ist ein echter Glücksfall. Er wird seinem doppeldeutigen Titel mehr als gerecht und wird wirklich zu einer Deutschstunde. Einen passenderen Starttermin als den Tag der Deutschen Einheit hätte man für Schwochows Film kaum finden können, wird er doch auch zu einer Bestandsaufnahme unserer eigenen Zeit, in der allerorten wieder totalitäre Strömungen auf dem Vormarsch sind, die erneut ihr Gift der Ausgrenzung versprühen.