Konzertkritik

Cher live in Berlin: Zwischen Grammy und Karaoke-Party

Ein Superstar in der Mercedes-Benz Arena: Cher ist das erste Mal seit 15 Jahren auf Deutschlandtour. Eine Show mit besonderem Duett.

Cher singt zum Auftakt ihrer "Here we go again tour" in der Mercedes-Benz Arena in Berlin. Der Superstar liebt Perücken.

Cher singt zum Auftakt ihrer "Here we go again tour" in der Mercedes-Benz Arena in Berlin. Der Superstar liebt Perücken.

Berlin. Es ist ein besonderer Moment. Cher, im knallpinken 70er-Anzug, steht neben einer von der Decke gelassenen Videoleinwand. Darauf: Ihr 1998 gestorbener Ex-Mann Sonny. Gemeinsam singen sie so "I Got You Babe". Es ist ein rührender Moment in einer Show, die die großen Momente von Chers Karriere feiert. Und das sind einige.

Los geht es auf der ersten Station der "Here We Go Again"-Europa-Tournee aber erst einmal mit ordentlich Wumms. Bilder einer dekadenlangen Karriere flackern über den Vorhang, ehe dieser fällt und den Blick freigibt auf die 73-Jährige. Auf einem Glitzerpodest steht sie, langsam fährt sie von der Decke. Sie erklärt: “It’s A Woman’s World”, unten tanzen leicht bekleidete Gladiatoren, sie selbst trägt eine türkise Perücke, Kitsch as Kitsch can. Las Vegas im herbstlichen Berlin, die Mercedes-Benz Arena ist ausverkauft.

Cher in Berlin: Zurückhaltung war nie ihre Stärke

Für Zurückhaltung war Cher nie bekannt. “When you’re old doesn’t mean you're over”, sagt sie auf der Bühne nach dem Opener und dem ersten Hit, "Strong Enough". “Alle Mädchen sollen wissen, dass sie alles tun können", ruft sie dem Publikum entgegen. Ein, zwei Schwänke aus der Jugend, dann zeigt sie ihre Deutschkenntnisse ("Du hast ein Affengesicht") und erklärt, sie liebe Thomas Gottschalk. Als nächstes reitet sie auf einem künstlichen Elefanten durch eine Bollywood-Welt. Die Produktion ist aufwendig, minutiös durchgeplant. Keine Selbstverständlichkeit, dass Künstler ihre gesamte Vegas-Show mit auf Tour nehmen. In der Spielerstadt hat Cher seit Jahren ein festes Engagement.

Zuletzt lief es generell wieder richtig rund für sie. Eine Rolle im Kinofilm "Mamma Mia 2", das passende Abba-Cover-Album, dazu ein Auftritt bei der strahlkräftigen "Met-Gala" der "Vogue" in New York. Auch dort sang sie einen Abba-Song. Das Motto des Abends: "Sei camp". Und mehr Camp als Cher geht kaum. Camp sein ist, im Englischen, der Hang zur Übertreibung, zum Großen, Bunten, Schrillen, aber mit einer ironischen Note: Ich weiß, dass das hier von allem zu viel ist. Aber genau so soll es sein.

Genau das erleben die 10.000 Berliner (und viele Angereiste, Cher hat Deutschland lange warten lassen auf eine Tour, 15 Jahre). Die Kostüme? Größer als bei der Konkurrenz. Die Haare, wechselnde Perücken, noch viel größer als bei der Konkurrenz. Dabei ist sie so abgebrüht wie sympathisch. Als einfach galt Cher in der Branche nie. Aber auch nie als langweilig.

Cher ist ABBA-Botschafterin und Schwulen-Ikone

Cher ist die Ikone der 60er, der 70er, der 80er, der 90er, mal Rock, mal Hippie, immer ein wenig Außenseiterin in einem Business, das sich bis heute mit starken Frauen noch regelmäßig schwer tut. Allein die Unverschämtheit, nicht irgendwann in Rente zu gehen und sich nicht dafür zu rechtfertigen, dass nicht alles an Cher echt ist. Na und?

Und inzwischen? Ist Cher eben offizielle ABBA-Botschafterin. Easy money, schnell verdient mit Nostalgie - und vielen Schwulen im Publikum, die Cher regelrecht vergöttern. Ihre Musik, ihre Schlagfertigkeit, ihre Kraft, mit der sie sich durch Dekaden der Musikgeschichte kämpfte. Als Underdog, ewig unterschätzt, aber bis heute vor vollem Haus.

Die Fans von Cher kommen aus allen Generationen

Überhaupt, es sind nicht nur Menschen in Chers Alter, die ein bisschen in Erinnerungen schwelgen. Die Fans kommen aus allen Generationen, da sind Damen in bunten Kleidern, junge Männer in Glitzerjacken, Drag Queens, herausgeputzte Paare in den besten Jahren. Es ist eine große Party, eine Cherlebration, eine Feier des Lebens. Manchmal Playback, aber doch oft live von dieser außergewöhnlichen Stimme getragen.

Der ganze Abend in der Mercedes-Benz Arena ist entsprechend ein Homerun für die bühnenerprobte Dame. In Interviews erklärte sie fortwährend ihre Selbstständigkeit: "Ich sitze jedenfalls nicht zu Hause, verrichte Näharbeiten und warte darauf, dass ein Mann anruft", hatte sie 2010 dem "Spiegel" erzählt. Auch in Berlin - sie reiste Dienstag an, schlief im "Hotel de Rome" - ging sie lieber in die legendären Hansa-Studios in Kreuzberg, als auf die Show zu warten.

Cher erzählt Musikgeschichte im Vegas-Style

Es ist diese Mischung aus völliger Unverfrorenheit - einige große Stücke des Abends wie "Walking In Memphis" und natürlich die Abba-Klassiker "Waterloo", "SOS" und "Fernando" sind eiskalt geklaut, nicht mal kreativ in ihren Neuinterpretationen. Und lebender Musikgeschichte - "If I Could Turn Back Time" ist immer noch ein sagenhaftes Lied, und publikumsfreundlich im legendären Original-Outfit vorgetragen.Die Zugabe "Believe" ist ein ewiger Popsong. Einfach: gut.

So hat Cher am Ende ihre eigene Dokumenation geschaffen, alles dabei, alles drin. Zwar nur die gefälligen Nummern, aber genau das funktioniert hier hervorragend. Zeitbewusst wurde alles auf 100 zackige Minuten ausgewalzt (dank clever gesetzter Einspieler fällt kaum auf, dass sie davon einige Minuten gar nicht auf der Bühne ist), inklusive der besten Filmszenen und "Burlesque"-Performance.

Das ist ein bisschen Oscar, ein bisschen Friedrichstadtpalast. Ein bisschen Grammy, ein bisschen Karaoke am Kotti. Zeitreise mit einer der ganz, ganz Großen. Man weiß nicht, ob es nochmal 15 Jahre dauert, bis sie wiederkommt. Oder ob sie es überhaupt tut. Es war ein schönes Wiedersehen.

Cher in Berlin - das war die Setlist

  1. Woman's World
  2. Strong Enough
  3. Gayatri Mantra
  4. All or Nothing
  5. The Beat Goes On (Sonny & Cher song)
  6. I Got You Babe (Sonny & Cher song)
  7. Welcome to Burlesque
  8. Waterloo (ABBA cover)
  9. S.O.S (ABBA cover)
  10. Fernando (ABBA cover)
  11. After All
  12. Walking in Memphis (Marc Cohn cover)
  13. The Shoop Shoop Song (It's in His Kiss) (Betty Everett cover)
  14. Guitar Solo - Bang Bang (My Baby Shot Me Down)
  15. I Found Someone (Michael Bolton cover)
  16. If I Could Turn Back Time
  17. Believe