Flüchtlingsboot

Die Rückkehr der Arche Noah im Jüdischen Museum

Das begehbare biblische Flüchtlingsboot ist Herzstück des Kindermuseums im Jüdischen Museum, das im Mai 2020 in Kreuzberg eröffnet.

US-Architekt Alan Maskin in der von ihm entworfenen begehbaren Arche Noah im Kindermuseum „Anoha“ des Jüdischen Museums. Sie ist sieben Meter hoch.

US-Architekt Alan Maskin in der von ihm entworfenen begehbaren Arche Noah im Kindermuseum „Anoha“ des Jüdischen Museums. Sie ist sieben Meter hoch.

Foto: Arne Immanuel Bänsch / dpa

Berlin. Das Kindermuseum des Jüdischen Museums Berlin nimmt Form an. Im Zentrum steht eine begehbare Arche Noah, gezimmert aus duftendem Fichtenholz. Die faszinierende Raumskulptur ist das Werk des US-amerikanischen Architekten Alan Maskin. Dem ausgebildeten Lehrer geht es nicht nur darum, kindgerecht zu bauen, sondern Kinderwünsche im Entstehungsprozess zu berücksichtigen. Gemeinsam mit Berliner Schulkindern ist auch der Name für das neue Museum entstanden: „ANOHA“. Die Abkürzung nimmt Rücksicht auf kleinere Kinder, die „Arche Noah“ schwer aussprechen können.

Am Donnerstag war Baustellenbegehung. Die sieben Meter hohe Holzarche mit einem Durchmesser von 28 Metern ist weitgehend fertig. Der Architekt hat eine runde Form gewählt. Tatsächlich finden sich in manchen Keilschriftüberlieferungen runde Archen beschrieben. Inspiration boten neben der Geschichte von Noah aus der Genesis das Raumschiff aus Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Um die hölzerne Konstruktion legen sich Funktionsräume: ein Bastellabor, ein Kino, ein Bällebad für Vorschulkinder und eine Cafeteria für wartende Eltern.

Ungewöhnlich ist nicht nur die Form des Kindermuseums, sondern auch der Standort. Das Flüchtlingsboot aus archaischen Zeiten ist in einer luft- und lichtdurchfluteten 1960er-Jahre-Halle gelandet, der ehemaligen Blumengroßhalle gleich gegenüber dem Jüdischen Museum. Von Daniel Libeskind stammen Einbauten in charakteristischer expressiver Manier für die W. Michael Blumenthal Akademie. Im hinteren Teil entsteht nun für rund neun Millionen Euro, überwiegend aus Bundesmitteln, das Kindermuseum in CO2-neutraler Holzbauweise. Geplante Eröffnung ist am 17. Mai 2020.

Raum für Fantasie und Fabelwesen

Schon beim Betreten des 2700 Quadratmeter großen Museums werden Teile des Schiffsrumpfes und Tiere zu sehen sein. Eine Show aus Lichteffekten, Projektionen und Sound wird eine Sturmflut simulieren. In einem anschließenden Labor werden Kinder unter Anleitung Überlebensdesign kreieren. Den Höhepunkt aber wird die eigentliche Arche darstellen. Man kann in sie hineinklettern oder auch hineinrutschen.

Rund 150 Tiere, von winzigen Kakerlaken bis zu Mammuts und Einhörnern, warten darauf, von Kindern entdeckt und in die Arche gebracht zu werden. Die Tiere bestehen aus recycelten Materialien. „Es geht um Bewegung, Spiel, anfassen und auch rütteln“, betont der Geschäftsführende Direktor des Jüdischen Museums, Martin Michaelis. Dass auch ausgestorbene Tiere und Fabelwesen Platz in der Arche finden sollen, hat sich der Kinderbeirat des Museums gewünscht.

Jeder fünfte Besucher des Jüdischen Museums ist unter 20 Jahre alt, was für ein kulturhistorisches Museum eine ungewöhnlich hohe Zahl ist. Zielgruppe des Kindermuseums sind drei bis zehnjährige Kinder. Vorbilder sind amerikanische Kindermuseen, in denen Besucher in Erlebnisräumen in andere Welten oder Zeiträume eintauchen können und gleichzeitig Angebote zum Selbermachen parat stehen. Stichworte lauten „Partizipation“, „Hands-On – Minds-On“ oder „Early-Excellence-Ansatz.

Kreativer Umgang mit Tradition

Das pädagogische Konzept für ANOHA hat Barbara Höffer entwickelt. Die Expertin für „Dialogische Kunstvermittlung“ unterrichtet an der Universität der Künste Berlin. Höffer betont, dass die Geschichte von Noah aus dem ersten Buch Mose ein Ausgangspunkt sein kann für ein tieferes Nachdenken über ein respektvolles Miteinander von Menschen, Tieren und Natur.

Auch an eine rabbinische Quelle knüpft das Museum an: das „Tikkun Olam“, die „Weltverbesserung“. Im Zentrum aber steht der transkulturelle und interreligiöse Dialog. Gemeinsam mit Kindern sollen Visionen für eine nachhaltige Lebensweise und bessere Welt entwickelt werden. Religionsunterricht wolle man nicht erteilen, betonen die Verantwortlichen.

Im Sommer hatte es heftigen Streit um unterschiedliche Auffassungen von Museumsarbeit im Jüdischen Museum gegeben. Der Zentralrat der Juden hatte die Politik des Hauses kritisiert, der Direktor trat zurück. Mit der Neuordnung der Dauerausstellung im Haupthaus und dem ersten religionsspezifischen Kindermuseum Deutschlands möchte das Museum, das jährlich von rund 700 000 Menschen besucht wird, neue und selbstbewusste Zeichen setzen.