Atze Musiktheater

„Des Kaisers neue Kleider“ ist ein urkomischer Absturz

Rasant, zeitgemäß, sozialkritisch – und ein großer Spaß für Kinder ab fünf Jahren: Kay Dietrich inszeniert Andersens berühmtes Märchen

Gibt dem Affen Zucker: Martin Wagner als Kaiser.

Gibt dem Affen Zucker: Martin Wagner als Kaiser.

Foto: David Ausserhofer

Sein Volk haust in Bretterverschlägen, hat kaum das Nötigste zum Leben. Der Kaiser indes ist selbst nachts à la mode gekleidet. Trägt zur Schlafbrille einen geblümten Zweiteiler, rosa Söckchen und Kitten Heels Pantoletten. Er schläft sogar in seiner geräumigen Garderobe. Seinem privaten Heiligtum. Als sein Diener ihn weckt und an seine Pflichten erinnert, wird er bockig wie ein kleines Kind. Ein Vorgeschmack auf spätere Wutanfälle. Das Faktotum, das sich mit einem geflickten Gehrock begnügen muss, weiß von einem ganz besonderen Schneider zu berichten. Dessen Kleider sollen die Eigenschaft besitzen, für jeden unsichtbar zu sein, der seines Amtes nicht würdig oder dumm ist.

Man kennt Hans Christian Andersens populäres Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ eigentlich als gemütliche Posse um einen selbstverliebten Modenarren. In der Studiobühne des Atze Musiktheaters feierte nun aber eine rasante, zeitgemäße und durchaus sozialkritische Version für Menschen ab fünf Premiere.

Die Inszenierung von Kay Dietrich, der auch für die witzige Textfassung verantwortlich zeichnet, fesselt Zuschauer aller Altersklassen. Animiert aber vor allem die Kleinen in Reihe 1 zum Durchkichern und zu manchem bemerkenswerten Zwischenruf. Als der Kaiser seinen Diener mit „Schnauze“ anfährt, kommt prompt ein Echo. Und sein Spruch „Nackig durch die Kartoffeln“ wird mit großer Begeisterung verlacht.

Der Monarch erinnert an Donald Trump

Derweil gibt Martin Wagner als Kaiser dem sprichwörtlichen Affen Zucker. Er gackert grell und hysterisch, klettert umständlich auf seinen Thron, der nicht von ungefähr an einen Babystuhl erinnert. Auch die orangefarbene Tolle des Kaisers weckt Assoziationen. Und zwar an Donald Trump, der bekanntlich oft genug wie ein trotziges Kind agiert, um seinen Willen durchzusetzen. Wie der Kaiser, der in die leeren Taschen seines Volkes greift, um sich ganz egoistisch den Luxus neuer Kleider leisten zu können.

Natascha Petz spielt den Schneider im unschuldigen Nonnenkostüm herrlich doppelbödig. Speichelleckend und betrügerisch zugleich. Dabei mit einem sichtbaren Ekel vor dem Kaiser, der zwar äußerlich auf Schick setzt, ansonsten aber schmutzig ist und stinkt.

Begleitet von der stoischen Miene und dem Cellospiel seines Dieners (Nikolaus Herdieckerhoff) irrlichtert der eitle Monarch auf die neue Ausstattung wartend durch den Tag. Gibt dabei dem Begriff „Fast Fashion“ eine neue Dimension, indem er seine alte Kleidung mit dem Ausruf „Hässlich!“ klafterweise in die gelbe Tonne versenkt.

Ein Kind spricht die Wahrheit aus

Als er dann endlich im vermeintlich neuen Zwirn nackt vor seinen Untertanen steht, kichert nicht nur Reihe 1. Ein Kind (Olivia Meyer Montero) spricht aus, was alle sehen: „Er hat nichts an.“ Und Unsummen für nichts ausgegeben. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Siehe BER. Hier rechnet das Volk daraufhin in einem Song mit dem Kaiser ab. Der hielt sich gerade noch für gottgleich. Ein toll gespielter, urkomischer Absturz in den Orkus.

Atze Musiktheater, Luxemburger Str. 20, Wedding, Tel. 81 79 91 88, nächste Vorstellungen 24. 25.9., 11., 15. 31.10. um 10 Uhr, 12. 13.10. um 15 Uhr, Tickets 9,50 Euro