Regisseurin

Nora Fingscheidt: „Eine wahnsinnige Verantwortung gespürt“

Die Durchstarterin: Regisseurin Nora Fingscheidt geht mit ihrem Langfilmdebüt „Systemsprenger“ auch ins Rennen um den Auslands-Oscar.

War überrascht, wie schnell sie ihre junge Hauptdarstellerin gefunden hatte: Nora Fingscheidt.

War überrascht, wie schnell sie ihre junge Hauptdarstellerin gefunden hatte: Nora Fingscheidt.

Foto: Jens Büttner / dpa

Wie erzählt man die Geschichte eines verhaltensauffälligen Kindes, das niemand mehr haben will? Die Regisseurin Nora Fingscheidt hat sich mit ihrem Langfilmdebüt „Systemsprenger“ dieser schwierigen Frage gewidmet. Ab Donnerstag läuft der Film im Kino.

Frau Fingscheidt, womit nahm Ihr Film „Systemsprenger“ seinen Anfang? Was war der Auslöser?

Nora Fingscheidt Die Initialzündung war vor sechs Jahren bei Dokumentarfilm-Dreharbeiten in der Frauenpension Stuttgart, einem Heim für wohnungslose Frauen. Da zog eines Tages ein 14-jähriges Mädchen ein, was ich total schockierend fand. Was macht eine 14-jährige in so einem Heim? Die Sozialarbeiterin sagte, das sei ein Systemsprenger, die dürften sie ab dem 14. Geburtstag aufnehmen. Und ich dachte: „System-was? Was ist das denn für ein Begriff?“

Klingt wenig empathisch, eher bürokratisch.

Sie sagte das so selbstverständlich. Das Wort hat ja auch etwas enorm Kraftvolles, aber dann ging es da eben doch um ein junges Mädchen. Und das hatte schon eine irrsinnige Geschichte hinter sich, mit lauter Heimen, die alle sagten: „Wir trauen uns das nicht mehr zu.“ Mich hat das persönlich schon allein deswegen berührt, weil ich selbst ein wildes Kind war und oft das Gefühl hatte, den Leuten irgendwie zu viel zu sein.

Tatsächlich?

Wobei ich dazusagen muss, dass ich ein Umfeld hatte, das damit gut umgehen konnte. Ich bin zwar mal aus der Klasse rausgeflogen, aber musste nicht die Schule verlassen oder so. Auf jeden Fall wollte ich immer schon mal etwas über ein wütendes Mädchen machen, und in dem Moment, als ich das Wort „Systemsprenger“ hörte, war mir plötzlich klar, dass sich da was verbindet. Je mehr ich dann recherchierte, umso faszinierter war ich von den Welten, die sich mir da öffneten. Ich hatte noch nie ein modernes Kinderheim gesehen, also eine Wohngruppe, wie man heute sagt. Auch hatte ich gar nicht auf dem Schirm, wie viele Kinder- und Jugendpsychiatrien es gab, denn unglückliche Kinder sind ja irgendwie ein Tabuthema. Jedenfalls habe ich schnell gemerkt, dass ich etwas darüber machen muss.

Sie haben in der Vergangenheit auch dokumentarisch gearbeitet. Wäre das in diesem Fall nicht auch eine gute Option gewesen?

Nicht für mich. Für mich war gleich klar, dass dies ein Spielfilm werden soll. Das habe ich ja auch studiert, ich komme von der Fiktion. Und ich wollte diese Energie erzeugen, die einen mitreißt. Ganz abgesehen davon, dass ich eigentlich nicht mit einer Kamera in das Leben von Kindern eindringen wollte, denen es schlecht geht.

Wie schwierig war die Suche nach der jungen Hauptdarstellerin?

Beim Schreiben dachte ich selbst auch immer, dass ich niemals ein Mädchen finden werde, das das spielen kann. Und auch nie eine Familie, die dem dann zustimmt. Aber tatsächlich war dann schon die siebte, die vorsprach, Helena Zengel.

Oh, das ging also richtig schnell!

Für mich war das ganz absurd. Erstens hatte ich mir nie so ein strohblondes Kind als Systemsprengerin vorgestellt, und zweitens war ich davon ausgegangen, dass die Suche Monate dauert. Ich hatte mich darauf eingestellt, auch in Sportvereinen, Kampfsportschulen und was weiß ich was. Dass schon die siebte die Richtige ist, konnte ich einfach nicht glauben, also habe ich weitergesucht und 150 Mädchen gecastet. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle nur an Helena abgleiche. Denn irgendwas fehlte immer, während Helena zwar diese Aggression spielen konnte und auch keine Hemmungen hatte, Schimpfwörter zu benutzen, aber trotzdem immer eine Zerbrechlichkeit und Not dabei spürbar machte. Dadurch ist das jetzt nicht einfach so ein aufmüpfiges, verzogenes Kind, das mal rebelliert, sondern Helena konnte tatsächlich das existenzielle Drama spielen.

Das Talent ist dabei natürlich das eine, aber sicherlich waren auch Sie als Regisseurin besonders gefordert. Wie genau haben Sie Helena vermittelt, worum es geht und was von ihr erwartet wird?

Zunächst einmal war es mir wichtig, dass Helena schon vor einer weiteren Casting-Runde das komplette Drehbuch liest. Ich wollte nicht, dass sie sich auf einen Spielfilmdreh freut, aber nicht weiß, wie hart auch die Szenen sind, die sie erwarten werden. Als klar war, dass wir den Film zusammen drehen werden, gab es eine Vorbereitungszeit von sechs Monaten, in der wir uns immer wieder getroffen und über Benni gesprochen haben. Was könnte sie für Klamotten mögen, wie würde sie sich in welcher Situation verhalten – solche Dinge. Auch bei allen Castings für jede noch so kleine Nebenrolle war Helena dabei, um Bennis Welt kennenzulernen. Und beim Dreh war natürlich wichtig, ihr in jeder Szene auch immer eine Begründung zu geben. Wir haben also nicht gesagt: „Benni rastet aus, jetzt mach mal das Fenster kaputt“. Sondern: „Benni rastet aus jetzt gerade, weil ...“

Einem jungen Mädchen eine solche Rolle anzuvertrauen, ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Kinderspiel...

Nein, ich habe als Regisseurin da eine wahnsinnige Verantwortung gespürt. Auch wenn Helenas Mutter in jeden Schritt eng involviert war. Aber das Mädchen läuft immer noch gut gelaunt durch die Gegend und ist stolz auf den Film. Also freue ich mich, dass sie von uns nicht traumatisiert wurde. (lacht)

In „Systemsprenger“ verzichten Sie sowohl auf den erhobenen Zeigefinger als auch auf eine generelle Abrechnung mit dem deutschen Sozialsystem. Packte Sie bei den Recherchen nie die Wut?

Doch, absolut. Und natürlich habe ich auch mal einen Erzieher getroffen, dessen Tonfall mir nicht gefallen hat. Aber ich habe nie jemanden erlebt, der in böser Absicht agiert. Und das System besteht ja aus Menschen, die alle höchst unterschiedlich sind. Deswegen finde ich es falsch, das böse System als Schuldigen darzustellen. Dazu habe ich zu oft das Gegenteil erlebt. Der Antagonismus ist in Benni selber, das war das Besondere an der Geschichte, was ich herausarbeiten wollte. Dass man eben nicht nur Bennis Blickwinkel hat, sondern auch den der Erwachsenen, die daran scheitern.

Wie leicht ist es in Deutschland, einen solchen Film auf die Beine zu stellen, der nicht unbedingt in die Kategorie „feel good“ fällt oder allzu große kommerzielle Aussichten mitbringt?

Man braucht da viel Ausdauer. Bei einem Debütfilm ist sowieso klar, dass es eine gewisse Budgetgrenze gibt, und unser Projekt war besonders anspruchsvoll. Das Drehbuch war sehr lang, und es war klar, dass wir sehr viele Drehtage brauchen, weil Kinder ja nicht so viel drehen dürfen. Was die Finanzierung erleichtert hat, war aber einmal, dass das Drehbuch drei Preise und damit eine Art Gütesiegel bekam, obwohl ich noch keine riesige Filmografie mitschicken konnte. Und zum anderen half es, dass mein Abschlussfilm den Max-Ophüls-Preis und den First Steps Award gewonnen hatte.

Mit dem ersten großen Film gleich in den Berlinale-Wettbewerb eingeladen zu werden, ist trotzdem ein wenig surreal, oder?

Als Dieter Kosslick anrief, um mir das mitzuteilen, war das das tollste Weihnachtsgeschenk. Meine Freude war wirklich riesig. Ich war damals gerade in Wien, noch im Schneideraum, und bin wirklich auf dem Sofa herumgesprungen.

Und die Premiere selbst?

Die war dann wirklich surreal. Vor allem in einem langen Kleid auf dem roten Teppich zu stehen, für mich, die sich hinter der Kamera eigentlich viel wohler fühlt. Außerdem haben sich da für mich so viele Welten verbunden: meine Eltern waren da, Kindergartenfreunde aus Braunschweig, ganz viele Menschen aus meinem Leben, die diese Filmwelt gar nicht kennen. Und umgekehrt auch viele Leute aus den Anfangstagen meiner Karriere, noch von der filmArche oder Kommilitonen von der Filmakademie.

Inzwischen ist „Systemsprenger“ auch der deutsche Oscar-Beitrag. Setzt es Sie irgendwie unter Druck, damit in direkter Konkurrenz zu Filmemachern wie Pedro Almodóvar oder Bong Joon-ho zu stehen?

Das ist in allererster Linie eine riesengroße Ehre! Wir sind so stolz, der deutsche Beitrag zu sein. Und ob es jetzt wirklich weitergeht, wird sich zeigen. Das ist noch ein langer Weg. Über 80 Filme werden eingereicht und fünf davon kommen weiter. Da ist ja klar, dass die Chancen eher gering sind.

Was erwarten Sie sich denn von der sogenannten „Awards Season“? Werden Sie Zeit haben, in Los Angeles Werbung in eigener Sache zu machen?

Ich bin sehr neugierig, was da auf uns zukommt. Bei ein paar Screenings werde ich sicher dabei sein und den Film persönlich vorstellen.