100 Jahre

Friedrichstadt-Palast-Jubiläum: Eine wechselvolle Geschichte

Mit einer Ausstellung zum Jubiläum wird im Foyer an die Bühnengeschichte des Friedrichstadt-Palastes erinnert.

Der neue Friedrichstadt-Palast an der Friedrichstraße lebt von großen Revuen und ist heute das meistbesuchte Theater in ganz Berlin.

Der neue Friedrichstadt-Palast an der Friedrichstraße lebt von großen Revuen und ist heute das meistbesuchte Theater in ganz Berlin.

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Seyfferth / picture alliance / imageBROKER

Wer am Haupteingang des Friedrichstadt-Palastes vorbei in die Johannisstraße einmündet, steht plötzlich vor einem riesigen Stahl-Artefakt. Es ist ein letztes Fragment der 1867 erbauten ersten Berliner Markthalle, aus der Jahrzehnte später – im Jahr 1919 – das Große Schauspielhaus von Max Reinhardt hervorging.

Mit der Enthüllung des Artefakts und der Eröffnung einer Foyer­ausstellung läutete das Revuetheater am Dienstag seine Feierlichkeiten zum 100. Bühnenjubiläum ein. Und offenbart die wechselvolle Geschichte des Hauses, die weit ins alte Berlin reicht.

West-Berliner Architekt kaufte Friedrichstadt-Palast für Schrottpreis

Hinter der Rückkehr des Artefakts verbirgt sich eine bizarre Ost-West-Geschichte. Als der alte, baufällige Friedrichstadt-Palast Mitte der 80er-Jahre abgerissen wurde, wandte sich der West-Berliner Architekt Helmut Maier an die DDR-Behörden, zahlte einen Schrottpreis – es seien unter 1000 DM gewesen, sagte er am Dienstag – und brachte das größte erhaltene Bauteil über die Grenze nach Kreuzberg.

Dort hing es unbeachtet auf der Rückseite des Hebbel-Theaters und wucherte langsam zu, bis es vor zwei Jahren Mitarbeiter des Friedrichstadt-Palastes wiederentdeckten.

Die ursprüngliche Markthalle hat einige Umbauten erlebt: zum Zirkus, zum Neuen Olympia-Riesentheater, zum Großen Schauspielhaus, zum Theater des Volkes bei den Nazis. Nach Kriegs­ende wurde das Haus zum Palast Varieté.

In der Schau findet sich ein Schreiben der sowjetischen Militärkommandantur vom 29. August 1946. Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes, bezeichnete es bei der Eröffnung als sein Lieblingsausstellungsstück. Das Besondere steckt in einer Zahl verborgen. Die Erlaubnis wurde gekennzeichnet als Lizenz Nr. 2, erklärt Schmidt, obwohl der Palast das erste wieder eröffnete Theater war. Aber die Nr. 1 blieb der Staatsoper Unter den Linden reserviert.

Guido Herrmann, Verwaltungsdirektor und Kurator des großen Bühnenjubiläums, zeigt in einer Vitrine auf eine alte Türklinke. Das Relikt des altes Palastes war ihm mal geschenkt worden. Zu besichtigen ist die kleine Schau im Foyer jetzt auch tagsüber. Die Tür steht offen.

Viele Ereignisse prägten das Jahr 1919

Es ist ein Jahr mit wichtigen politischen Ereignissen, über die man noch 100 Jahre später spricht. Anfang Januar 1919 kommt es in Berlin zum Spartakusauf­stand, einem von linken Kräften initiierten Generalstreik und bewaffneten Kämpfen. Bei einer Massendemonstration werden Druckereien und Verlagsgebäude besetzt. Doch Freikorps und Regierungstruppen schlagen den Aufstand nieder. Am 15. Januar werden die KPD-Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verhaftet und erschossen.

Bei den Berliner Märzkämpfen streikten erneut Arbeiter, um die sozialen Forderungen aus der Novemberrevolution von 1918 durchzusetzen. Es kommt zu blutigen Straßen- und Häuserkämpfen mit Freikorpsgruppen im Umfeld des Alexanderplatzes und in Lichtenberg. Die Regierung ernennt Gustav Noske zum militärischen Oberbefehlshaber. Er weist an, dass bewaffnete Personen, die gegen Regierungstruppen kämpfen, sofort zu erschießen sind. Rund 1000 Menschen verlieren ihr Leben.

Frauen gehen erstmals wählen

1919 ist auch das Jahr, in dem Frauen zum ersten Mal das Wahlrecht ausüben und gewählt werden dürfen. Das geschieht bei den Berliner Stadtverordnetenwahlen am 23. Februar. Ebenfalls im Februar 1919 eröffnet die Fluglinie Berlin-Weimar mit täglich zwei Flügen. Grund ist, dass eine sichere und schnelle Postverbindung zwischen der deutschen Hauptstadt und dem Tagungsort der Nationalversammlung benötigt wird.

Die Maschinen der Deutschen Luftreederei starten in Johannisthal. Am 5. Februar 1919 beginnt der Flugverkehr. Die Flugzeuge bringen auch die aktuellen Berliner Tageszeitungen zu den Abgeordneten nach Weimar. Der Kurierdienst wird überflüssig, weil ab September 1919 die Nationalversammlung im Reichstag in Berlin tagt. Doch die Fluglinie nach Weimar bleibt noch bis 1921 bestehen. Im Laufe des Frühjahrs richtet die Deutsche Luftreederei, Vorläuferin der Lufthansa, auch Passagierfluglinien ein.

Käthe Kollwitz erhält Professorentitel

Im März 1919 wird Käthe Kollwitz als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Sie erhält den Professorentitel. Auch Lovis Corinth, Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck werden in die Akademie aufgenommen. Im Sommer sorgt ein Sportereignis für Begeisterung: Der Reinickendorfer Schwimm-Club Delphin, Vorläufer der Berliner Wasserratten, organisiert im ­Juli 1919 das Schwimmfest „Quer durch die Spree“. Start ist nahe dem Reichstag, Ziel die Achenbachbrücke in Moabit.

Mehr als 100.000 Zuschauer kommen. Im September geht das Theater „Tribüne“ in Charlottenburg an den Start. Im Oktober 1919 wird das Königliche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Preußisches Staatstheater umbenannt und bekommt eine eigenständige Intendanz. Die Königliche Oper Unter den Linden wird in Preußische Oper umbenannt.