Es freue ihn, heute Abend auch viele Kinder im Publikum zu sehen, sagt Sänger Jeff Tweedy, dessen Augen unter der Krempe seines weißen Cowboyhuts im Schatten verschwinden. Dann fügt er scherzend hinzu: „Unsere Fans werden nämlich langsam alt und sterben.

“Ganz so dramatisch ist es um das Publikum von Wilco am Donnerstagabend im Tempodrom nicht bestellt. Die Band aus Chicago ist gekommen, um ihr neues Album „Ode To Joy“ vorzustellen, das am 4. Oktober erscheinen wird. Allerdings dauert es gut eine halbe Stunde, bis sie ihre Fans von diesem Vorhaben auch unterrichten. Zunächst spielen sie unkommentiert eine Handvoll unveröffentlichter Songs, dann bemerkt Sänger Tweedy ganz nebenbei, dass die Nummern dem bald erscheinenden Album entstammen.

Saal bei Wilco nicht ausverkauft

Die Lieder der neuen Platte sind weitgehend unaufgeregt, eine Art Rückbesinnung der Band, die den Alternativen Country ihrer frühen Jahre irgendwann gegen experimentellen Indie-Rock eintauschte. Die ruhigen Nummern werden durchgehend wohlwollend aufgenommen, die großen Jubelstürme sind allerdings den Klassikern der Band vorbehalten. Darunter die Ballade „Jesus, Etc.“ und der Song „Handshake Drugs“ vom Album „A ghost is born“, das der Band 2004 gleich zwei Grammys einbrachte.

Zu ihren Liedern liefert die Band wenig Show. Abstrakte Animationen laufen zurückhaltend im Hintergrund, während der Fokus klar auf der Musik liegt. Da der Saal nicht ausverkauft und zudem voll bestuhlt ist, dauert es einige Lieder, bis die Stimmung sich löst. Doch nach und nach erspielen sich die sechs Musiker ihr Publikum, bis auch der letzte Fan sich von seinem Sitz erhoben hat. Sänger Tweedy dankt es, indem er anerkennend seinen Hut zieht.

Bestuhlung erweist sich als Ärgernis

Was die Band auf der Bühne darbietet, ist das formvollendete Produkt einer seit 15 Jahren unveränderten Besetzung. Da ist es nachvollziehbar, wenn Gitarrist John Stirratt sich während seiner Soli schmunzelnd und mit geschlossenen Augen im eigenen Sound suhlt. Beeindruckend ist, wie die Band ihr Publikum immer wieder überrascht. So im Song „Via Chicago“: Die Nummer startet mit akustischer Gitarre und sanftem Gesang. Dann beginnt Schlagzeuger Glenn Kotche, so unvermittelt und brutal auf sein Instrument einzuschlagen, dass nicht wenige im Publikum zusammenzucken. Doch so schnell, wie der rhythmische Sturm aufgezogen ist, zieht er auch wieder vorbei. Dann findet die Band gemeinsam in die gediegene Melodie zurück, und das Publikum applaudiert, während es sich vom Schreck erholt.

Gegen Ende wird die Bestuhlung des Saals immer mehr zum Ärgernis. Vor allem während der Zugabe, als die Band mit dem Song „Random Name Generator“ noch einmal ihre tanzbarste Seite nach außen kehrt. Kurz darauf verklingen die Gitarren, Sänger Tweedy zieht noch einmal seinen Hut und kann unter dröhnendem Applaus getrost davon ausgehen, dass er einige Fans für das neue Album gewonnen hat.