Schaubühne

„Jugend ohne Gott“: ein Abend mit Rhythmus und Präzision

Thomas Ostermeier inszeniert Ödön von Horváths Roman über einen Lehrer in der NS-Zeit mit Jörg Hartmann in der Hauptrolle.

Schüler T (Moritz Gottwald) und der Lehrer (Jörg Hartmann) in „Jugend ohne Gott“

Schüler T (Moritz Gottwald) und der Lehrer (Jörg Hartmann) in „Jugend ohne Gott“

Foto: Arno Declair

Der deutsche Wald ist tot. Kahl und bleich streben seine Äste in den Himmel, ein Dickicht ohne Zukunft. Lebendig wirkt er nur, wenn gespensterhaft Licht drüberflackert. Hier lockt keine blaue Blume, hallt allenfalls die innere Wildnis wider. Wer hier überleben will, muss hart sein.

So wie die Schüler in Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“. 1937 im Exil erschienen, erzählt der schmale Roman von einem Lehrer, dessen Klasse gegen ihn revoltiert, als er sich gegen die unmenschliche Haltung in einem Aufsatz positioniert. Er versucht sich anzupassen, seine Stellung nicht zu gefährden. Bei der Fahrt ins Zeltlager mit vormilitärischer Ausbildung stirbt einer seiner Schüler, er selbst trägt eine Mitschuld. Erst bei der Gerichtsverhandlung findet er den Mut, die Wahrheit zu sagen – und löst so eine Kettenreaktion aus.

Heile Welt auf der Leinwand

„Jugend ohne Gott“ wirkt, als wäre er fürs Theater geschrieben: kurze, einfache Sätze, innere Monologe, direkte Rede. Entsprechend oft wird der Roman inszeniert. Tilmann Köhler lieferte 2013 Routine am Deutschen Theater, Alexander Nerlich 2012 in Potsdam eine faszinierende Studie aus Klangexperiment und Handgreiflichkeiten im Dreck. Thomas Ostermeier geht an der Schaubühne mit der ihm eigenen Mischung aus realistischen Szenen und choreografierten Übergängen an die Sache. Die Inszenierung kam bereits im Sommer bei den Salzburger Festspielen heraus.

Zwei Stunden lang bleibt er dicht am Lehrer, dem Erzähler, und an der Zeit, den 1930ern. Anfangs verwandeln sich die Schauspieler auf der Bühne vom Heute ins Gestern, tragen weit geschnittene Anzüge, kurze Hosen, Dirndl. Stühle, Tische, Betten rollen sie so beiläufig ins Zentrum der Bühne und wieder ab, dass sich filmische Effekte ergeben. Behutsam lässt Ostermeier dazu eine Handkamera kreisen, die Bilder aus dem Zelt und aus dem Wald zeigen. Einmal flackern auch Szenen einer heilen Welt über die Zelt-Leinwand: glückliche Menschen der 30er-Jahre in bunten Farben, Bilder, wie sie in jenen Köpfen spuken mögen, die vom „Vogelschiss der Geschichte“ reden, aber eigentlich denken: war ja nicht alles schlecht.

Momente größter Unmittelbarkeit

Ostermeier und seine Ausstatter Jan Pappelbaum und Angelika Götz trauen ihrem Publikum zu, solche Analogien selbst herzustellen, auch jene zu Sachsen und Brandenburg, wo es vermutlich Lehrer gibt, die sich gerade ebenso „Humanitätsduselei“ vorwerfen lassen müssen wie Horváths Lehrer. Das Schöne an Ostermeiers Inszenierung ist, dass ihm, obwohl er seine Mittel offenlegt, immer wieder Momente äußerster Unmittelbarkeit gelingen. Hat sich eine Szene erst gefügt, glaubt man jedem Blick, jedem Wort, weil alles so genau dosiert ist. Wenn Jörg Hartmanns Lehrer fragt, wer den Brief geschrieben hat, in dem ihm die Schüler das Vertrauen entziehen, blicken ihn sechs Augenpaare mit einer Mischung aus Neugier, Abgefeimtheit und Verachtung an, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Das „Zeitalter der Fische“ nennt Horváth im Roman den Nationalsozialismus.

Hartmann, im Nebenberuf „Tatort“-Kommissar, ermittelt als Lehrer in eigener Sache. Auch er ist lange Zeit ein Beobachter, der denkt, statt zu handeln. Einer, der in Gedanken schon Indizien sammelt, als es noch gar keinen Fall gibt, nur Verdachtsmomente um ihn her. Seine Beobachtungen, das Raunen in seinem Kopf sprechen zuweilen andere Schauspieler in die zwei Mikrofone an der Rampe. Sein Lehrer ist ein Jedermann, ein Publikums-Stellvertreter: gebildet, menschlich, auf der richtigen Seite. Aber zu lange kriegt er den Mund nicht auf, staunt über den rasanten Verfall von allem, was lange selbstverständlich war.

Manche Übertreibungen irritieren

Hartmann aber wäre schrecklich allein ohne das Ensemble, das sich durch die zahllosen Nebenrollen spielt: Laurenz Laufenberg duckt sich als Schüler Z erst weg, dann markiert er den verstockten Helden; als Pfarrer ist er von einer derart argumentativen Fröhlichkeit, dass man die Faszination des Lehrers für dessen Thesen begreift. Moritz Gottwald verströmt als T blasierte Kälte, Damir Avdic in mehreren Rollen fiese Aggressivität. Alina Stiegler hat als verwilderte Eva vielleicht ein, zwei Tics zu viel, skizziert aber überzeugende Mutter-Rollen.

Bis zur Gerichtsszene ist das alles genau gearbeitet, gibt es trotz der vielen kleinen Rollen kaum Übertreibungen. Doch dann nimmt eine Verhandlungskomödie Fahrt auf, die einen mit ihren Zuspitzungen irritiert. Auch den Schockmoment zu Beginn – da tritt Hartmann nahezu privat auf die Bühne und spricht den Text eines Briefes, der Hitler verherrlicht, als wäre er von ihm – und die Leiche zwischen den Bäumen hätte es nicht gebraucht.

Dennoch: „Jugend ohne Gott“ besitzt (auch dank Nils Ostendorfs treibender Musik) Rhythmus und Präzision. In einer unaufgeregten Art fordert der Abend Haltung ein. Am Ende ist es an uns, die Geschichte ernst zu nehmen, uns zu positionieren. Damit das Schweigen der Mehrheit nicht in ein neues Zeitalter der Fische mündet.

Schaubühne, Lehniner Platz, Charlottenburg, Karten: 890 023. Nächste Vorstellungen: 9.-12. September