Filmfestspiele

Bilanz vom Filmfest in Venedig: Alles ist völlig offen

Am 7. September werden beim Filmfestival von Venedig die Löwen verliehen. Bis zum Schluss zeichnet sich dabei kein klarer Favorit ab.

Heute werden beim Filmfestival von Venedig die Löwen verliehen. Bis zum Schluss zeichnet sich kein klarer Favorit ab.

Heute werden beim Filmfestival von Venedig die Löwen verliehen. Bis zum Schluss zeichnet sich kein klarer Favorit ab.

Foto: ddp images/LaPresse

Präsidentin Lucrecia Martel und ihre Wettbewerbsjury auf dem Filmfestival von Venedig sind wohl ein bisschen in der Zwickmühle. Wie gehen sie bei ihren Entscheidungen für den Goldenen und die anderen Löwen, die alle am heutigen Sonnabend verliehen werden, am besten mit Roman Polanski und seinem historischen Krimidrama „J’accuse“ um? Sollte er keinen Preis bekommen, könnte der Jury Voreingenommenheit vorgeworfen werden, zählte der von der Kritik hochgelobte Film doch zu den starken Beiträgen des diesjährigen Wettbewerbs.

Die Gretchenfrage der Jury: Wie hältst du’s mit Polanski?

Aber was für ein Signal wäre es wiederum in Zeiten von #MeToo, den 86-jäh­rigen Regiealtmeister mit einem der großen Preise auszuzeichnen? Immerhin geht es in seinem Fall um Sex mit einer Minderjährigen in den 70-Jahren und Vorwürfe sexueller Übergriffe. Oder was, wenn die Jury ihn, verglichen mit anderen Konkurrenten, einfach nicht wirklich auszeichnungswürdig findet? Es ist schwierig, wie man es auch dreht und wendet – und wird womöglich bei einem der Nebenpreise enden.

Der Wettbewerb bot immerhin mit einigen löwenverdächtigen Alternativen durchaus Auswege – auch wenn das Festival auf den letzten Metern noch keinen klaren Favoriten hervorgebracht hat. Pablo Larrains „Ema“ dürfte auf jeden Fall zum engeren Kreis der Verdächtigen zählen: die Geschichte eines unkonventionellen Paares (Gael Garcia Bernal und Mariana Di Girolamo), das nach der gescheiterten Adoption die Koordinaten der eigenen Beziehung neu festlegt.

Frauen konnten starke Akzente setzen

Der Chilene inszeniert das sperrig, mitunter anstrengend, aber auch mit hoher audiovisueller Energie im Rhythmus bebender Tänze und aus der Perspektive einer modernen weiblichen Hauptfigur, die eine passende Antwort ist auf aktuelle Diskussionen über Frauenbilder und Gleichberechtigung: sexuell offen, eigenwillig, frei.

Vom französischen Auftakt-Duo Juliette Binoche und Catherine Deneuve bis zu Kristen Stewart, die außer Konkurrenz in „Seberg“ als die 1979 verschwundene Schauspielerin Jean Seberg aufspielte – Frauen konnten auf der 76. Mostra manch starken Akzent setzen. Trotz der Tatsache, dass nur zwei Regisseurinnen in den Wettbewerb eingeladen waren, was die ewige Diskussion um die Berücksichtigung von Filmemacherinnen in Konkurrenz und die Idee einer Quote noch einmal befeuerte.

Beide Filmemacherinnen steuerten interessante Beiträge bei, die auf der Preisträgerliste heute durchaus auftauchen könnten: Die australische Regie­debütantin Shannon Murphy zeigte mit „Babyteeth“ ein vielleicht nicht immer stimmiges, aber doch sensibles und gut gespieltes Familiendrama um eine krebskranke Schülerin, die sich zu einem drogensüchtigen Mittzwanziger hingezogen fühlt.

Erster Oscar-Alarm

Haifaa Al Mansour hingegen gab mit der deutschen Koproduktion „The Perfect Candidate“ einen Einblick in die verschlossene Gesellschaft ihrer Heimat Saudi-Arabien und beleuchtete die kleinen Schritte der Veränderung – auch für Frauen in der patriarchalen Gesellschaft.

Bei den Männern sorgte derweil Brad Pitt in James Grays „Ad Astra“, der wuchtig introspektiven Space-Meditation mit Vater-Sohn-Problematik, für einen von zahlreichen Glamour-Schüben am roten Teppich. Der Film könnte durchaus ein Kandidat für den Regiepreis sein und sorgte wie ein paar andere Beiträge schon für ersten Oscar-Alarm. Als beste Darsteller – und ebenfalls mit hohem Oscar-Potenzial – drängen sich andere auf.

Acht Minuten Standing Ovations etwa bekam Joaquin Phoenix für sein beängstigend intensives Spiel als Joker im gleichnamigen Film, der im Comic-Blockbuster-Genre neue Wege geht und die Entstehung des späteren Batman-Gegenspielers als düsteres Psychogramm anlegte. Ob das die Jury beeindrucken kann?

Star-Auftrieb in dichter Taktung

„Star Wars“-Star Adam Driver, der in Noah Baumbachs Scheidungsdramödie „Marriage Story“ mit einer gleichsam hervorragenden Scarlett Johansson im Trennungs- und Sorgerechtskrieg liegt, wäre dagegen die deutlich feinfühligere Alternative.

Wie so oft in Venedig verlor das Festival nach der ersten Hälfte an Schwung. Nachdem Highlights und Stars in den ersten Tagen in hoher Taktung auf dem Lido zu sehen waren, mischten sich zunehmend etablierte Autoren in mittelmäßiger bis schwacher Form in die Auswahl. Doch bei Festivals können nach einem Zwischentief auch Beiträge auf den allerletzten Metern die Spekulation noch einmal auf den Kopf stellen. Vielleicht gelang es ja der italienischen Doku-Groteske „The Mafia Is No Longer What it Used To Be“, die Jury zu überzeugen.

Unwahrscheinlicher scheint das bei „Waiting for the Barbarians“, der nach dem Roman und einem Drehbuch von Nobelpreisträger J.M. Coetzee entstand und mit prominenter Besetzung verfilmt wurde. Das Drama setzt sich mit der Kolonialismus-Thematik in einer Gut-Böse-Gegenüberstellung auseinander.

Viele Fans am Lido trotz stürmischen Wetters

Mark Rylance verkörpert dabei den Magistrat in einer nicht genauer verorteten Wüsten-Grenzstadt: gütig, demütig, rücksichtsvoll und mit Respekt für die einheimischen Nomaden. Johnny Depp und Robert Pattinson hingegen stehen als sadistische Folterer und harte Kolonialknochen im denkbar groben Kon­trast dazu. Recht betulich und plakativ stellt der Film in dieser Konstellation die Frage nach den wahren Barbaren.

Immerhin aber brachte er zum Festivalfinale mit Depp und Rylance letzten Starrummel an den Lido und gab den Fans, die trotz des stürmischen Wetters am roten Teppich ausharrten, noch einmal etwas zum Jubeln.