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„Nurejew: The White Crow“: Ein Gott, der flüchten will

Ralph Fiennes, den man nicht mit Ballett verbindet, hat dem berühmten Tänzer ein filmisches Denkmal gesetzt: „Nurejew - The White Crow“

Üben, üben, immer wieder üben: Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) muss allen beweisen, dass er der Beste ist.

Üben, üben, immer wieder üben: Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) muss allen beweisen, dass er der Beste ist.

Foto: Alamode Film

Dabei sein oder nicht. Die Tänzer des Kirow-Balletts stehen im Juni 1961 aufgeregt um den Besetzungsplan im Pariser Garnier-Theater, ob sie bei dem ersten Auslands-Gastspiel der berühmten russischen Tanztruppe seit Ende des Krieges auftreten werden. Nicht so Rudolf Nurejew.

Als eine Tänzerin ihm steckt, dass er nicht zur Erstbesetzung erwählt wurde, tut er das mit einem Achselzucken ab: „Es macht keinen Unterschied. Es dauert nicht mehr lang, bis mich jeder kennt.“ Da werden schon die Arroganz und das ausgesprochen schwierige Temperament dieses Tänzers deutlich. Aber auch die Zuversicht in sein Talent.

Die Anfänge des späteren Idols

Wirklich sollte Nurejew schon bald zur Ikone des Tanzes werden – und zum Popstar des Balletts. Und gerade jenes Gastspiel sollte das Sprungbrett in die Weltkarriere werden. Weil dem damals 23-Jährigen in Paris eine dramatische Flucht aus den Klauen der Sowjetunion gelang. Davon handelt Ralph Fiennes’ Film „Nurejew – The White Crow“.

Kein klassisches Biopic, das die ganze Karriere des Ausnahmetänzers (1938–1993) nachzeichnet. Sondern ein Drama, das sich klug auf dessen nicht so bekannte Frühphase beschränkt. Und das Gastspiel in Paris als Rahmenhandlung wählt, von dem aus der Film in Rückblenden immer wieder in verschiedene Zeitebenen springt und die Vorgeschichte in Schlaglichtern bebildert.

Ein Glücksgriff bei der Titelfigur

Filme über Tänzer sind immer problematisch, wie etwa „Nijinsky“ (1980) über die andere männliche Tanz-Ikone des 20. Jahrhunderts schmerzlich zeigte. Man muss für die Hauptrolle nämlich einen Tänzer finden, der zumindest halbwegs in die großen Fußstapfen des Idols passt. Er muss aber auch schauspielerisch überzeugen. Das ist den meisten Tänzern nicht gegeben.

Ralph Fiennes ist da in „Nurejew“ ein Glücksgriff gelungen: Er hat mit dem russischen Tänzer Oleg Ivenko einen Darsteller gefunden, der dem jungen Nurejew nicht nur verblüffend ähnlich sieht. Auch seine etwas steife Art passt ganz gut zu dem Umstand, wie linkisch der tatarische Provinzler Nurejew sich in der Großstadt und im Westen zu behaupten versuchte.

Ralph Fiennes, ein erwiesener Charakterdarsteller, amtierender Chef von James Bond und auch beim jüngeren Publikum bekannt als Gegenspieler von Harry Potter, hat erst zweimal selbst Regie geführt. Und sich dabei immer selbst in der Hauptrolle inszeniert: in der Shakespeare-Adaption „Coriolanus“ und im Drama „The Invisible Woman“ über die heimliche Liebe von Charles Dickens.

Überraschendes Thema für den Teilzeit-Regisseur

Ein Biopic über einen der legendärsten Tänzer der Geschichte, in dem obendrein zu weiten Teilen Russisch gesprochen wird, überrascht in dieser Agenda. Hat Fiennes doch selbst kaum Berührung mit dem Ballett.

Interessant ist denn auch vor allem, was sein Film alles nicht ist. Kein Tanzfilm, in dem ständig große Choreografien gemeistert werden. Im Gegenteil. Die Eleven üben zwar immerzu an der Stange, aber es gibt nur zwei Bühnenauftritte in immerhin zwei Kinostunden. Auch sonst ist der Film nicht, wie zu erwarten wäre, eine einzige Symphonie aus Anspannung, Schweiß und Körperlichkeit. Selbst Sexualität wird nur am Rande gestreift. Ausführlich wird dagegen gezeigt, wie Nurejew in Museen antike Statuen studiert. Oder mit wie viel Mühe er nach einem Spielzeugmodell jener Transsibirischen Eisenbahn sucht, in der er einst geboren wurde.

Der nicht ganz unwichtige Fakt, dass Nurejew erst mit 17 Jahren ans Choreographische Institut in Leningrad kam und eigentlich schon zu alt war, um Tänzer zu werden, wird dagegen nur angerissen. Dass er drei, vier Jahre älter als alle anderen war, wird gar nicht thematisiert. Und recht unvermittelt liegt Nurejew plötzlich mit einem anderen Mann im Bett. Ständig betont der Film, dass Nurejew ein „White Crow“ ist, ein schwarzes Schaf also, ein ewiger Außenseiter. Dass auch seine Homosexualität damit zu tun hat, deutet Fiennes indes nur äußerst dezent an.

Große Nebenrolle für den Regisseur selbst

Der Fokus wird stattdessen auf Nurejews Förderer Alexander Puschkin gelenkt. Damit findet Fiennes auch noch eine Rolle für sich. Nicht ganz uneitel beginnt der Film denn auch nicht mit der Titelfigur, sondern mit ihm. Wie er, nach der Flucht seines Eleven, vom KGB verhört wird.

Was Fiennes indes gut gelingt, ist, der omnipräsenten, erdrückenden Atmosphäre in der Sowjetunion jener Zeit nachzuspüren. Kulturlose Bürokraten, die willkürlich über Künstlerkarrieren entscheiden. Und KGB-Agenten, die die Tänzer bei ihren Gastspielen auf Schritt und Tritt verfolgen. Und mit diversen Stufen von Zuckerbrot bis Peitsche auf Staatslinie halten. Den stets rebellierenden Nurejew treiben sie damit geradezu zum Fluchtversuch an. Und der ist dann wirklich ein dramaturgischer Höhepunkt, dessen Spannung kaum zu ertragen ist. Auch wenn man doch genau weiß, wie er ausgegangen ist.

Die ganz große Hommage auf die Ikone ist „Nurejew – The White Crow“ nicht geworden. Aber sie befindet sich damit in bester Gesellschaft. Rudolf Nurejew hat sich schließlich auch mal als Filmschauspieler versucht. In einem Biopic über ein anderes Jahrhundertidol, den Stummfilmstar Rudolfo Valentino. Auch so ein bildschöner Mann voller Aura und Präsenz, aber auch voller Arroganz und Anmaßung. „Valentino“ von 1977 genießt heute Kultstatus als schräges Camp-Event.

Große Idole kann man schwer wiedergeben

Aber wenn Nurejew auch alles war, Genie und Gott, ein Tänzer, der das Ballett für die Männer revolutioniert hat und Geschichte schrieb – ein Schauspieler war auch er nicht. Die Größe eines Idols zeigt sich wohl auch darin, dass man kaum jemanden findet, der das in einem Film wiederzugeben weiß.

Drama GB 2019 130 min., von Ralph Fiennes, mit Igor Ivenko, Ralph Fiennes, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova, Louis Hofmann.