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"Prélude": Die Klaviatur des Drucks

In „Prélude“ zweifelt und verzweifelt ein junger begabter Pianist mehr und mehr an sich selbst. Eine Paraderolle für Louis Hofmann.

Prélude

Prélude

Foto: X Verleih / X VERLEIH

Wie oft hat man das schon im Film gesehen! Ankunft in der großen Stadt. Aufbruch eines jungen Menschen. Und dann nicht selten: herbe Enttäuschung. Und je größer die Stadt, desto größer die Einsamkeit.

Die deutsch-ungarisch-iranische Regisseurin Sabrina Sarabi erzählt diese Geschichte in ihrem Spielfilmdebüt „Prélude“ einmal mehr. Aber so, als ob wir sie noch nie gesehen hätten. Und als Sinnbild für etwas ganz anderes: Leistungsdruck. Der Druck der anderen. Aber erst recht der, den man sich selbst auferlegt.

Erst Ausnahmetalent, dann einer unter vielen

Anfangs das klassische Bild: Ein junger Mann sitzt im Zug und blickt erwartungsvoll in die Zukunft. Der 18-jährige David (Louis Hofmann) träumt von einem Leben als Konzertpianist. In der Provinz, wo er aufwuchs, war er mit seiner Begabung ein Ausnahmetalent.

Voller Zuversicht tritt er nun sein Studium am Musikkonservatorium an, in einem Programm für Hochbegabte. Und bezieht ein schmales Zimmer in einem recht sachlichen Plattenbau, in dem aber allerorten musiziert wird, er also unter Gleichgesinnten ist.

Zunehmend auto-aggressive Züge

Die neue Umgebung stimuliert ihn zunächst und treibt ihn zu Höchstleistungen an. Seine Professorin Matussek (Ursina Lardi) scheint sehr zufrieden und stellt ihm gar ein Stipendium in New York in Aussicht. Und dann lernt David auch noch die Sängerin Marie (Liv Lisa Fries) kennen. Alles scheint eitel Sonnenschein.

Aber dann erste Irritationen. Plötzlich kritisiert ihn die Professorin nur noch, Marie spielt ein Spiel mit ihm. Und der forsche Walter (Johannes Nussbaum), ein Klavierstudent wie er, der zunächst ein Freund, ein Seelenverwandter scheint, wird immer mehr zum Rivalen. Sowohl was Marie als auch was das Stipendium angeht. Das leichte Spiel seiner Finger über der Tastatur gelingt immer schwerer.

Anfangs können die Selbstzweifel noch weggelacht und weggetanzt werden. Aber der Druck wird immer größer, das Stipendium gerät ernsthaft in Gefahr. Und David übt sich nicht nur die Finger blutig, er verletzt sich auch mal absichtlich, in Anflügen von Selbsthass. Und wird schließlich auch gegen andere aggressiv. Was den Ruf am Konservatorium erst recht ruiniert.

Zunehmende Misstöne, auch auf der Tonspur

Schon als Jugendliche konnte Regisseurin Sarabi nie still sitzen. Immer war da eine innere Unruhe in ihr. Als sie sich dem stellte, erkannte sie, dass es vielen so ging. Dass Gefühl, nicht gut genug und in unserer Leistungsgesellschaft den ständigen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, war also – das zumindest war ein Trost – kein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem.

In ihrem Film überträgt sie das auf ein sehr spezielles, extrem auf Leistung getrimmtes Umfeld, in dem sie die ganze Klaviatur des Drucks und der latenten Überforderung abspielt. In der Musikwelt sind Misstöne, Disharmonien und Dissonanzen ganz deutlich und buchstäblich anzuspielen.

Das Präludium wird zum Endspiel

Sarabi findet aber auch andere feine optische und visuelle Einfälle. Der Film beginnt mit klaren, hellen Bildern, die sich zunehmend verdüstern. Die anfangs statische Kamera wird immer hektischer. Dazu hört man ständig ein Pingpongspiel von fern, das wie das Metronom am Klavier ewigen Antrieb fordert. Und die Nebengeräusche werden immer penetranter und verzerrter. Da gerät einer zunehmend aus dem Takt. Ist nicht mehr im Einklang mit sich. Und droht daran irre zu werden.

Keine schlechte Wahl, dass Sarabi dafür Louis Hofmann besetzen konnte. Der Schauspieler konnte zwar bis dato nicht wirklich Klavierspielen und musste sich die Grundzüge erst antrainieren. Aber als einer, der in kürzester Zeit mit preisgekrönten Filmen wie „Unter dem Sand“ und der Serie „Dark“ zum Star aufstieg, kennt Hofmann die Hölle des Erwartungsdrucks und des eigenen Anspruchs nur zu gut. Und lässt das auch in seine Figur mit einfließen. Auch wenn das Präludium hier zum Endspiel wird.

Drama D 2018 95 min., von Sabrina Sarabi, mit Louis Hofmann, Liv Lisa Fries, Johannes Nussbaum, Ursina Lardi