Neu im Kino

Der Teufel prägt „Late Night“: Stutenbiss und Zickenkrieg

Im Film „Late Night“ prallen zwei großartige Komikerinnen aufeinander. Sehr zum Vergnügen des Publikums

Das Lachen wird ihr gleich vergehen: Gerade noch wird die Entertainerin Katherine Newbury (Emma Thompson) für 20 Jahre Late-Night-Shows gefeiert – da soll ihre Sendung wegen Quotenschwunds eingestellt werden.

Das Lachen wird ihr gleich vergehen: Gerade noch wird die Entertainerin Katherine Newbury (Emma Thompson) für 20 Jahre Late-Night-Shows gefeiert – da soll ihre Sendung wegen Quotenschwunds eingestellt werden.

Foto: dpa

Warum, diese Frage muss wirklich einmal gestellt werden, gibt es eigentlich so wenig Frauen im Comedy-Bereich? Das ist kein deutsches Phänomen, sonst könnte man es ja mit dem sehr speziellen deutschen Humor erklären. Man kann das Missverhältnis aber auch in anderen Ländern vermerken.

Nur: Warum ist das so? Sind Frauen einfach nicht so komisch? Ist der Drang, sich über alles lustig zu machen, eine spezifisch männliche Charaktereigenschaft? Oder lassen die Herren Platzhirsche die Damen einfach nicht ins Rampenlicht?

Buddy Movie für Frauen – ein äußerst seltenes Genre

In der amerikanischen Filmkomödie „Late Night“, die diesen Donnerstag ins Kino kommt, wird die Frage zumindest am Rande gestreift. Nicht direkt auf der Comedy-Bühne, aber doch in der Welt der Late-Night-Shows, in der es ja auch ein beherztes Comedy-Talent braucht. Und selbst wer für diese Art der TV-Unterhaltung nicht so zu haben ist – die sich ja auch in Deutschland außer bei Harald Schmidt nie recht durchgesetzt hat –, wird dabei bestens unterhalten.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Ausgerechnet eine Britin hat es da im US-Fernsehen als erste Frau zu einer Late Night Show gebracht. Seit fast 30 Jahren im Geschäft, erhält die Entertainerin Katherine Newbury (Emma Thompson) dafür gleich anfangs einen ihrer vielen Preise, den sie mit gewohnt trockenen Pointen annimmt.

Aber schon kurz darauf vergeht ihr das Lachen: Die Sendung soll eingestellt werden – wegen schwächelnder Quoten. Und es ist nicht etwa ein sauertöpfischer Mann, der mit der Frau über 50 nichts mehr anzufangen weiß. Auch der Studio-Boss ist eine Frau.

Katherine ist selbst eine Tyrannin, bei der jeder Spaß aufhört. Sie hat ein ganzes Schreibbüro, das sich Gags für sie ausdenkt. Das aber besteht ausnahmslos aus Männern. Ja, man wirft Newbury sogar einen gewissen Stutenbiss vor.

Und die muss sich plötzlich gleich doppelt beweisen. Zum einen, dass sie es noch immer draufhat und die Quoten wieder hochhieven kann. Und zum andern, dass sie auch mit dem eigenen Geschlecht zurecht kommt.

Eine Quotenfrau muss sich beweisen

Deswegen wird die erstbeste Frau, die sich bewirbt, eingestellt. Auch wenn sie aus einem Chemiewerk kommt und keinerlei TV-Erfahrung hat. Dass die Alibi-Frau auch noch indische Wurzeln hat, ist umso besser: Man kann so gleich noch Kritik an einem zu „weißen“ Humor zerstreuen. Also wird die junge Molly Patel (Mindy Kaling) auf Probe eingestellt. Und muss sich fortan mit einer äußerst kratzbürstigen und despotischen Chefin herumplagen.

Die Grundkonstellation erinnert nicht von ungefähr an „Der Teufel trägt Prada“, wo sich der Zickenkrieg in der Modewelt abspielte. Damals spielte Meryl Streep den Drachen auf dem Chefsessel, 57 war sie damals. Emma Thompson ist heute 60. Hat also das Alter, in dem Frauen im Film gern auf Hexenrollen reduziert werden: Und wie als Zitat trägt Miss Thompson auch das eis-weiße Haar von „Prada“-Teufelin Streep.

Was „Late Night“ aber zu einem ganz originären Vergnügen macht: Man hat es hier mit gleich zwei Vertreterinnen der seltenen Spezies weibliche Comedians zu tun. Emma Thompson wurde vor allem bekannt durch Kostümfilme wie „Sinn und Sinnlichkeit“ oder „Wiedersehen in Howard’s End“, in denen sie zwar für weibliche Selbständigkeit kämpfte, aber immer brav und artig in sittsam zugeschnürten Kleidchen.

Emma Thompson hat ganz ähnlich angefangen

Fast ein Missverständnis. Denn Thompson hat einst als erste Frau in der britischen Comedy-Truppe „Footlight“ begonnen. Danach bekam sie eine eigene Comedy-Show mit dem schlichten Namen „Thompson“ – die jedoch nach nur wenigen Folgen abgesetzt wurde: wegen vermeintlich männerfeindlichen Witzen.

Sie hat dennoch ihren Weg gemacht. Und sich auch später nicht das Maul verbieten lassen. Hat vielmehr selbst oft das Drehbuch zu ihren Filmen geschrieben und ist überhaupt die einzige Frau, die sowohl als Schauspielerin wie auch als Drehbuchautorin einen Oscar gewann. Dass sie nun in „Late Night“ eine Komödiantin spielt, deren Sendung ebenfalls eingestellt werden soll, wobei ihr diesmal Frauenfeindlichkeit unterstellt wird, ist von besonderer Ironie.

Dafür sorgt besagte Inderin. Auch Mindy Kaling durfte zu Beginn ihrer Karriere als erste Frau an den Gags zur US-Serie „The Office“ (dem britischen Vorbild für „Stromberg“) mitschreiben, bevor sie eine eigene Sendung erhielt, die ebenfalls ganz auf sie zugeschnitten „The Mindy Project“ hieß. In „Late Night“ spielt sie nicht nur das Gegenstück zu Emma Thompson, sie hat auch das Drehbuch zum Film geschrieben.

Herrliche Darstellerinnen, bissige Pointen

In „Late Night“ sind die beiden wie Feuer und Wasser. Die sich von Herzen aneinander abarbeiten, auch wenn sie sich doch in der sonst komplett männer-dominierten Szene zwingend zusammentun müssten. Der von Regisseurin Nisha Ganatra inszenierte Film ist damit ein weibliches Buddy Movie. Unnötig zu erwähnen, dass auch das, im Gegensatz zu den männlichen Pendants, eine äußerst seltene Spezies ist. „Late Night“ glänzt mit herrlichen schauspielerischen Leistungen und kraftvollen Pointen, bei denen sich die beiden Damen auch herzhaft selbst aufs Korn nehmen.

Dieser sehr frauenspezifische Witz in einer klaren Männerdomäne könnte eigentlich in Zeiten von #MeToo der Film zur Stunde sein. Aber genau an der Stelle hält sich der Film (und auch der Witz) auffallend zurück. Eigentlich schade. Und warum es so wenig Frauen im Comedy-Fach gibt, darauf findet „Late Night“ leider auch keine Antwort. Oder liegt es etwa daran, dass die Damen es den Herren am Ende doch nur immer recht machen wollen?

Komödie USA 2019, 103 min., von Nisha Ganatra, mit Emma Thompson, Mindy Kaling, Hugh Dancy, John Lithgow.