Neu im Kino

Säure ist auch keine Lösung

Der junge russische Filmregisseur Alexander Gorchilin lässt seine Generation zwischen Langeweile und Todessehnsucht driften: „Acid“.

Gleich wird Pete (Alexander. Kuznetsov) die Säure schlucken.

Gleich wird Pete (Alexander. Kuznetsov) die Säure schlucken.

Foto: salzgeber

Alles kreist um den Schwanz. Wo immer Sasha (Filipp Avdeev) auftaucht, wird er nach seinem Penis gefragt. Es muss irgendein medizinisches Problem geben, aber wir bekommen es nicht zu Gesicht. Ein Künstler will Sasha nackt fotografieren.

Beim Gruppensex im Atelier muss Sasha passen. Bis ihm seine Oma irgendwann ein Marmeladenglas mit heilsamer Flüssigkeit reicht. Oma ist die Beste, aber sogar sie versucht einen Blick auf das Unzeigbare zu erhaschen.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Natürlich hat der 27-jährige russische Schauspieler Alexander Gorchilin mit seinem auf der Berlinale gezeigten Regiedebüt „Acid“ etwas Anderes vor, als die Zuschauer auf die Folter zu spannen, was es mit Sashas Körperteil auf sich hat. Aber dieses fungiert stellvertretend für eine gigantische Abwesenheit und Trauer im Zentrum des Films.

Als hätte sich die Leere der kühlen, eleganten Bilder (Kamera: Kseniya Seredas) in den Augen der jungen Protagonisten festgesetzt, blicken sich Sasha und seine Freunde wie der knicknasige Pete (Alexander Kuznetsov) im russischen Plattenbau-Nirgendwo um, haben ihren ignoranten Eltern nichts zu sagen, stürzen sich bisweilen von Balkonen und sehen ansonsten nur ihre ausgehöhlten Leben zwischen Techno, Sex und Drogen. Ätzend. Und altbekannt für die Älteren unter uns.

Wo Grenzen und Sinn fehlen

Mit Reminiszenzen an Danny Boyles „Trainspotting“ (1996) oder Larry Clarks „Kids“ (1995) spart Gorchilin nicht. Zu diesen düsteren Sex- und Drogen-Dramen verhält sich „Acid“ jedoch wie ein veganes Frühstückscafé im heutigen Kreuzberg zu den dunklen Ecken im Berghain in den 90-ern. Was auch am ziellosen Driften des Drehbuchs liegt, das zwar entschlossen ist, die Geschichte einer materiell abgesicherten Generation im modernen Russland zu erzählen, aber doch nicht recht weiß, welche Geschichte das sein soll. Grenzen fehlen, Sinn fehlt. Pete kostet irgendwann von der Säure, mit der der Künstler die Büsten gefeierter Russen verunstaltet. Provokation, sagt der Künstler, sei wichtig.

Eigentlich ist „Acid“ also ein nostalgischer Film: Seine Melancholie speist sich daraus, dass die Elterngeneration etwas hatte, das früher mal provokativ war und heute nur noch als Bildreservoir kränkelnder Schönheit dienen kann.

Drama RUS 2018 93 min., von Alexander Gorchilin, mit Filipp Avdeyev, Aleksandr Kuznetsov, Aleksandra Rebenokalelu