Ach ja, das liebe Geld. Wer träumt nicht davon, dass er einfach mal einen Sack davon sein eigen nennen darf! Aber was würde man damit tun, wenn der wirklich plötzlich auf der Straße läge? Genau das passiert in dem Film „Der unverhoffte Charme des Geldes“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, einem jungen Mann, Pierre-Paul (Alexandre Landry), der eigentlich Philosophie studiert hat, sich nun aber als einfacher Kurierfahrer verdingen muss. Weil selbst ein Bote besser verdient als ein Assistenzlehrer.

In einem langen, großartigen Einstiegsmonolog – der an sich schon ein kleines Kabinettstückchen ist – hat sich dieser Pierre-Paul gerade regelrecht in Rage geredet über die Ungerechtigkeit der Welt, wo die Dummen zu Präsidenten gewählt werden, die Gerechten aber nicht belohnt werden.

Aber dann gerät er mit seinem Kurierwagen in einen Überfall, wo plötzlich zwei Tote, ein Räuber und ein Sicherheitsmann, vor seinen Füßen liegen. Und zwei Taschen Geld. Kurz zaudert Pierre-Paul, der eigentlich eine grundehrliche Haut ist, dann nimmt er die Taschen an sich. Sitzt dann zuhause vor einer unmöglichen Summe Geld. Und muss sich fragen: Wohin damit?

Gelungener Mix aus Komik und Kritik

„Der unverhoffte Charme des Geldes“ ist keine Krimikomödie im klassischen Sinn. Regisseur Denis Arcand ignoriert einfach alle Spannungsbögen und Erwartungshaltungen. Er stattet seinen Film stattdessen mit jeder Menge Kapitalismuskritik und philosophischen Diskursen aus.

Und schafft damit die Quadratur des Kreises: den Zuschauer damit nicht etwa abzuschrecken. Seine Auslassungen sind vielmehr so amüsant, dass sie den eigentlichen Kern, den unverhofften Charme des Films ausmachen.

Sie ist eine käufliche Dame und kennt sich in Gelddingen weit besser aus als ihr Kunde: Aspasia (Maripier Morin).
Sie ist eine käufliche Dame und kennt sich in Gelddingen weit besser aus als ihr Kunde: Aspasia (Maripier Morin). © MFA

Pierre-Paul ist ein klassischer Antiheld. Einer, der sein Leben nicht auf die Reihe bringt und dem doch alle Sympathien sicher sind. Einer, der an keinem Bettler vorbeigehen kann, ohne ihm was zuzustecken, und in seinem bisschen Freizeit noch in einem Obdachlosenheim aushilft. Einer, der moralischen Prinzipien folgt und immer einen philosophischen Leitspruch auf Lager hat.

Alle Klischees erfolgreich ausgehebelt

Mit dem vielen Geld, das eigentlich einem Mafia-Clan gehört, könnte man viel Gutes tun. Aber der Coop ist eindeutig eine Nummer zu groß für ihn. Bei dem, was er im Folgenden tut, mag man sich ständig die Haare raufen. Aber auch hier unterläuft Regisseur Arcand immer wieder alle Klischees.

Pierre-Paul wendet sich an Bigras „The Brain“ (Rémy Girard), einen Geldwäscher, der, gerade aus dem Knast entlassen, ihm als Geldberater zur Seite stehen soll. Der schlägt vor, das Geld erst mal in einem Depot zu lagern. Als Pierre-Paul das Nächste dort hinkommt, ist das Geld weg. Klar, denkt man, „The Brain“ hat es geklaut. Aber eben nicht: Er hat es an einen noch sichereren Ort gebracht.

Dann leistet sich Pierre-Paul einmal etwas und bestellt sich die edelste Prostituierte der Stadt (Maripier Morin). Vor allem, weil sie Aspasia heißt, wie die Frau, die im antiken Milet einen philosophischen Salon gegründet hat. Die Escort-Lady sieht, wie ihr Freier das Geld aus der Kommode holt.

Und alle sind hinter dem Geld her

Aber auch sie erleichtert ihn nicht darum, die käufliche Dame scheint tatsächlich etwas für den Unbeholfenen zu empfinden. Dann macht sie ihn sogar mit einem ihrer früheren Kunden, den Offshore-Banker Pete LaBauve (Pierre Curzi), bekannt. Aber auch der zieht den Möchtegern-Kriminellen nicht über den Tisch.

So beginnt ein Crash-Kurs in Ökonomie, Finanzwesen und Geldwäsche. Und das, während alle hinter ihnen her sind: der Clan, der um sein Geld betrogen wurde. Die Polizei, die den Fall bearbeitet. Und – das Finanzamt.

Altmeister des frankokanadischen Kinos: Denis Arcand
Altmeister des frankokanadischen Kinos: Denis Arcand © MFA

Arcand, der Altmeister des frankokanadischen Kinos, wurde berühmt mit Filmen wie „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“, „Jésus von Montréal“ und der oscar-prämierten „Invasion der Barbaren“, in denen er ganz mühelos große Gesellschaftskritik in launisch-lakonische Komödien gießt, ohne je belehrend zu wirken.

Der Zuschauer wird zum Komplizen

In der ihm eigenen Art macht er den Zuschauer vielmehr zum Komplizen. „Der unverhoffte Charme“ knüpft mühelos an diese Vorgänger an.

Besonders an den „Untergang des amerikanischen Imperiums“ – weil der jüngste Film des mittlerweile 78-Jährigen im Original „Der Fall des amerikanischen Imperiums“ heißt. Um Amerika geht es dabei zwar nicht, sehr wohl aber über Kapitalismus und ein kriminelles Finanzsystem, ein Bazillus, der die ganze Welt befallen hat. In feinen Pointen kriegt hier jeder sein Fett weg, Donald Trump wie der IOC, die Schweizer Banken wie eine verlogene Gesellschaft, in der man Finanzskandale locker übersteht und nur über Sexskandale stürzt.

Zugleich richtet Arcand sein Augenmerk auf die Verlierer dieses Prinzips: auf all die Obdachlosen, die auch in einem Land wie Kanada immer zahlreicher werden. Dafür hat Arcand auch mit echten Obdachlosen gedreht. Sie sind immer wieder im Film zu sehen. Und der endet mit Großaufnahmen von ihnen. Ihnen, bei denen man sonst so gern wegschaut, gibt Arcand ein Gesicht. Und gibt ihnen ihre Würde zurück.

Krimikomödie Kanada 2018 123 min., von Denis Arcand, mit Alexandre Landry, Maripier Morin, Rémy Girard, Pierre Curzi