Berlin ist eine Oberfläche. Berlin ist unterirdisch. Durch Berlin laufen lauter Smombies und
Besoffene. „Das Besondere an der Stadt ist ihre Magie“, sagt der Erzähler in Erik Schmitts Debüt „Cleo“, und just in diesem Moment übergibt sich jemand im Hintergrund. Wer will da nicht sagen: Ja. So isses.
Ist das noch deutsches Kino oder schon Michel Gondry?
Als „Cleo“ im Februar auf der Berlinale lief, leuchteten vielen Kritikern die Augen, anderen dagegen stieß eine zuckrige Schablonenhaftigkeit übel auf. Auf jeden Fall hat der Film auf allen Ebenen so viel Versponnenes und Märchenhaftes zu bieten, dass viele sich fragten: Ist das noch deutsches Kino oder schon Michel Gondry? Ist das „Cleo“ oder „Amélie“?
Da wird die Leinwand wie ein Bilderrahmen knarzend auseinandergeschoben, werden Perspektiven verrückt, Straßenbahnen mit einem Fingerwisch angeschubst, als wäre die Stadt ein Touch Screen. Schwupps, saust der Film zurück bis zum Urknall, siedelt am Alexanderplatz eine urzeitliche Sippe auf grüner Wiese. Und dann wird am 9. November 1989, mitten im Maueröffnungs-Stau, die kleine rothaarige Cleo geboren.

Nach einer Kindheit voller Berlin-Expeditionen mit ihrem Vater (Fabian Busch) sehen wir Cleo als melancholische junge Frau (Marleen Lohse) aufwachsen.
Ihr Herz, das zeigen niedliche Animationen, ist eingemauert, ihre Freude dahin. Eine doppelte Suche beginnt: die nach ihrem Glück, das bald in Gestalt von Paul (Jeremy Mockridge) auftaucht, und die nach dem legendären Diebesgut der Brüder Sass, das Paul finden will.
Marlene und Einstein lassen schön grüßen
Historische Figuren wie die beiden Räuber treten in körnigem Schwarzweiß auf, Cleos seit der Kindheit geprägte Vorstellungswelt verschmilzt also ganz selbstverständlich mit dem Stadtbild. Mit sichtlichem Spaß dürfen sich hier Schauspieler in Nebenrollen austoben, etwa Jean Pütz als Albert Einstein, der zwar kein Berliner ist, aber in Cleos imaginärer Stadtlandschaft eben doch.
Diese grenzkitschige Botschaft lehrt der Film: Irgendwo in dieser Stadt ist immer noch ein Schatz vergraben, und in der Bereitschaft, ihn zu suchen, liegt schon fast das Ziel, die Liebe.

Der Beweis dafür ist die schiere Existenz Berlins: „Ohne die Liebe“, raunt Marlene Dietrich an der Bar, „wäre diese Stadt eine Wüste“. Die sie ja auch immer wieder mal war, etwa nach ein paar Weltkriegsbomben. Und die sie durch Investoren-Architektur und Ballermann-Tourismus auch wieder werden könnte. Aber wäre es wirklich besser, die Uhr zurückzudrehen, wie Cleo es sich wünscht?
In allen Fasern auf Charme gebürstet
Eigentliches Thema von „Cleo“ ist also die Zeit und wie man sich mit ihr versöhnt. Deshalb lässt sich der Filmtitel auch als eine Verbeugung vor Agnès Vardas „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“ von 1961 lesen, in dem die Titelfigur in Echtzeit auf eine Arztdiagnose wartet und dabei durch Paris streift. Auch bei Varda ging es vordergründig um eine Frau im psychischen Ausnahmezustand, doch porträtierte sie eigentlich die Seele von Paris.
Man sieht es dem in allen Fasern auf Charme gebürsteten Film zunächst nicht an, aber mit seiner ein wenig dahinsuppenden zweiten Hälfte und seiner Neigung zum visuellen Geklimpere polarisiert er doch, nervt die einen, verzaubert die anderen. Insofern hat Schmitt mit „Cleo“ tatsächlich die Seele Berlins getroffen.
Komödie D 2019 101 min., von Erik Schmitt, mit Marleen Lohse, Jeremy Mockridge, Max Mauff


