Neu im Kino

Verblüffend echt, das viele Vieh: „Der König der Löwen“

Walt Disney hat seinen Trickfilm „Der König der Löwen“ neu verfilmt. Mit verblüffend echt wirkenden Tieren. Die dennoch wieder singen.

Täuschend echt: Der Löwe Mufasa zeigt seinem Sohn Simba das Reich der Tiere.

Täuschend echt: Der Löwe Mufasa zeigt seinem Sohn Simba das Reich der Tiere.

Foto: Walt Disney

Es ist ein ewiger Kinderwunsch. Mit seinen Tieren zu sprechen. Bei Haustieren klappt das nicht so recht. Bei Plüschtieren schon. Mit denen kann man spielen, die kann man hüpfen, springen, kriechen machen. Man kann sie auch prima reden lassen. Mit der eigenen, verstellten Stimme.

Insofern sind Trickfilme, in denen Tiere wie Menschen sprechen, wohl so etwas wie ein wahr gewordener Traum. Das mag ein wenig den weltweiten Erfolg von Micky Maus, Donald Duck und all den anderen viehischen Figuren von Walt Disney erklären. Erst recht den Erfolg von „Der König der Löwen“, der 1994 zum erfolgreichsten Trickfilm der Geschichte wurde.

Wieder animiert, nur diesmal mit Software statt Pinsel

Nun kommt am 17. Juli „König der Löwen“ wieder ins Kino. Aber diesmal als Realfilm. Nun ja. „Real“ ist da sehr relativ. Vor einigen Jahren hat das Disney-Studio damit begonnen, all seine Trickfilme noch mal neu zu verfilmen, mit echten Menschen und mit Tieren, die fotorealistisch animiert sind.

Im „Dschungelbuch“ flitze also ein realer Knirps durch eine Blue-Screen-Halle, die später zum Urwald mit Affen und Schlangen wurde. Und in „Dumbo“ sauste jüngst ein am Computer generierter Elefant echten Filmstars um die Ohren.

Aber „Der König der Löwen“ war 1994 ein Trickfilm, der ganz ohne Menschenfiguren auskam. Deshalb sind am Remake nur die Hintergrundaufnahmen echt: sagenhafte Panoramen von Savannenlandschaften. Alles andere ist wieder animiert. Nur nicht mehr mit Stift und Pinsel. Sondern mit digitaler Software.

Erste Einblicke: der Trailer zum Film

Wir kennen die Bilder. Wie ein Löwenjunges geboren wird. Und alle Tiere der Savanne hin pilgern, um ihn zu sehen und ihm zu huldigen. Wir kennen sie aus dem Trickfilm. Doch es ist immer wieder verblüffend, wie echt das viele Vieh jetzt ausschaut.

Die alten Songs von Elton John, und zwei neue dazu

Die Löwen, die majestätisch über die Gräser schreiten. Die Hyänen, die linkisch daher trotten. Und erst die Horde aufgescheuchter Gnus, die in Panik durch eine Schlucht rast. Stellenweise fühlt man sich an spektakuläre Dokumentarfilme wie „Unser Planet“ erinnert. „Der König der Löwen“ kommt manchmal so täuschend an sie heran, dass man fast schon zweifeln mag, ob die Kamerateams der BBC bei ihren Langzeitdokumentationen wirklich Monate lang die Tierwelt belauern oder nicht auch wie Disney Fake-Bilder am Computer kreieren. Der große Unterschied aber: Bei Disney sprechen die Tiere halt. Und sie singen sogar. Die längst berühmt gewordenen Songs von Tim Rice und Elton John. Und sogar noch zwei mehr, die extra für den neuen Film komponiert wurden.

Müssen wir noch mal die Handlung erzählen? Gibt es ernsthaft jemanden, der sie nicht kennt, die Geschichte des kleinen Löwen Simba, der werden will wie sein Vater Musafa. Der aber fliehen muss, als Musafa von dessen Bruder Scar getötet wird. Der als Ausgestoßener neue Freunde findet. Und schließlich zurückkehrt, um sich seiner Verantwortung zu stellen.

Geklaut bei Hamlet, Bambi und Dschungelbuch

Jeder kennt die Geschichte. Sie war ja nicht nur Trickfilm, sondern wurde dann auch zum Musical. Und sie hat sich auch dreist an anderen Geschichten bedient. An Shakespeares „Hamlet“ etwa. Aber auch an Disneys eigenen Klassikern.

An „Bambi“ etwa. Oder noch deutlicher am „Dschungelbuch“. Wobei man aus Moglis Freunden, dem Puma und dem Bär, ein Erdmännchen und ein Warzenschwein gemacht hat. Die nicht mehr „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ singen, sondern „Hakuna Matata“. Was aber in etwa aufs Gleiche herauskommt.

Nein, man muss die Handlung nicht noch mal erzählen. Das aber ist auch ein bisschen die Krux am neuen „König der Löwen“. Keine Frage, die visuellen Effekte sind herausragend. Sensationell. Oder sagen wir ruhig mal: tierisch gut. Jon Favreau, der schon das Remake vom „Dschungelbuch“ inszeniert hat, hat sich beim „König der Löwen“ noch mal selbst übertroffen.

Aber irgendwann hat man sich doch etwas satt gesehen. Denn während andere Disney-Remakes die Handlungen zum Teil (wie beim „Dschungelbuch“) oder auch komplett (wie bei „Dumbo“) umgeschrieben haben, folgt „Der König der Löwen“ seiner Vorlage sehr getreu, bis in einzelne Einstellungen hinein. Das ist auf Dauer doch überraschungsarm.

Politische Allegorie auf den Rechtsruck der Gesellschaft

Und so fein sich auch jedes einzelne Haar der Löwenmähne im Wind wiegt, die Gefühlsregungen der „real animierten“ Tiere können nicht so verblüffend imitiert werden. Das aber macht ja gerade den Reiz der alten Trickfilme aus. Dass da zwar Tiere zu sehen sind, die aber ganz menschlich handeln.

In ihnen kann sich jeder Zuschauer wieder erkennen. Mit einem echten Löwen identifiziert man sich nicht. Mit einem echten Warzenschwein schon gar nicht. Und wenn die Tiere der Savanne dann auch noch singen, wirkt das noch künstlicher und gestellter als im Zeichentrickfilm.

Bleibt immerhin genug Zeit, um auf Nebengedanken zu kommen. Dem alten „König der Löwen“ wurde ja bei aller Niedlichkeit auch der nicht unberechtigte Vorwurf gemacht, dass hier ein Hohelied auf eine Diktatur angestimmt wurde, eine Führer-Phantasie. Das ganze Getier neigte ja damals sein Haupt vor dem frisch geborenen Simba, während der Papa auf erhöhtem Felsen steht. Auch das war eindeutig geklaut, bei Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“. Dass immerhin haben sich die Macher des Remakes verkniffen: Die Tiere beugen sich dem König nicht mehr, sie hüpfen und blöken nur vor Freude.

Appell ans Publikum: Wehret den Anfängen

Die politische Allegorie auf die Diktatur aber bleibt: durch den bösen Scar, der sich mit windigen Hyänen zusammenschließt. Das wirkt heute, nicht nur wegen der „Real“-Animation, noch düsterer. Die Handlung hat sich nicht geändert, aber dafür der Lauf der Zeit – muss man doch in vielen westlichen Demokratien einen deutlichen Rechtsruck verzeichnen. Geißelte man den alten „König der Löwen“ noch als „Reichsparteitag der Tiere“, wirkt der neue Film da im Gegenteil wie ein Ertüchtigungs-Werbefilm: Wehret den Anfängen. Nicht das Schlechteste, was man einem Disney-Film nachsagen kann.