Neu im Kino

Eine Killerin auf dem Laufsteg: Luc Bessons „Anna“

Er war einmal Frankreichs Kultregisseur. Doch in seinem jüngsten Action-Knaller „Anna“ zitiert Luc Besson sich nur noch selbst.

Niemand kann Anna (Sasha Luss) aufhalten. Auch diese beiden bedauernswerten Statisten nicht.

Niemand kann Anna (Sasha Luss) aufhalten. Auch diese beiden bedauernswerten Statisten nicht.

Foto: Studiocanal

Geheimagenten heißen ja so, weil sie im Geheimen agieren. Nicht aber im Kino. Von James Bond kennen wir das schon zur Genüge, dass er immer in den teuersten Hotels absteigt. Arnold Schwarzenegger hat in „True Lies“ auch mit dem Image des Einsamen Wolfs aufgeräumt als Spion, der auch ein liebevoller Familienvater ist. Und nun „Anna“ von Luc Besson: Die attraktive Blonde ist ein Star-Model und stakst über alle Laufstege der Welt. Wenn sie nicht gerade im Auftrag des KGB Menschen abmurkst.

Anfangs glaubt der Zuschauer noch, dass sie zufällig auf einem Markt in Moskau entdeckt wird, wo sie Matroschka-Figuren verkauft. Sie kommt nach Paris, muss sich mit anderen Models eine enge Wohnung teilen und für zynische Fotografen posieren. Und als ein russischer Waffenhändler sie umgarnt, landet sie bald mit ihm im Bett.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Das alles sind schreckliche Klischees: Jaja, diese oberflächliche Modewelt. Bis die Lady eine Pistole zieht und den Russen so kaltblütig wie zielgenau erschießt. Großer Schock. Und eine Rückblende um drei Jahre, die die Vorgeschichte erzählt. (Wir dürfen das verraten. Es ist nur eine von vielen Überraschungen.)

Der Franzose Luc Besson wurde mit seinen visuell brillanten und ästhetisch revolutionären Filmen zum Kultregisseur. Er unterhält auch eine eigene Firma, die nach seinen Ideen weitere coole Actionreißer entwickelt. „Anna“ scheint nun die Quintessenz aus allem: von Bessons eigenen Werken wie denen, die er nur produziert.

Lauter Frauen mit „a“ im Namen

Besson hat es mit Frauenfiguren, deren Namen mit „a“ enden. Sei es Héléna (Isabelle Adjani in „Subway“), Johana (Patricia Arquette in „Im Rausch der Tiefe) oder Mathilda (Natalie Portman in „Léon – der Profi“).

Andere Filme tragen den Namen gleich im Titel wie „Angel-A“, „Anna“ und vor allem „Nikita“: ein Film, in dem schon mal eine Frau aus der Gosse zur Killermaschine des Geheimdienstes zwangsrekrutiert wurde.

Kein Zufall wohl auch, dass Hauptdarstellerin Sasha Luss (die selbst ein Top-Model war, bevor Besson sie entdeckte) frappant an Milla Jovovich erinnert. Die war einst Bessons Lebensgefährtin und Muse, er hat sie mit „Johanna von Orléans“ zum Star gemacht hat und ihr mit „Das fünfte Element“ wohl ihren besten Film geschenkt. Bis Jovovich andere Wege ging.

„Anna“ mutet deshalb irgendwie wie ein einziges Déjà-vu an. Entweder zitiert Besson sich voller Lust selbst. Oder er greift aus Mangel an neuen Ideen in seine Standardschatulle. Jedenfalls hat man alles irgendwie schon mal gesehen. Und irgendwie auch schon besser.

Und dann ist da noch die Matroschka-Metapher (noch so eine Frauenfigur mit „a“!). Die dient keineswegs nur als russisches Folklore-Accessoire. Wie man bei diesen Puppen immer eine öffnet und auf eine nächste stößt, so verfährt Besson auch dramaturgisch.

Immer wieder hält sein Film in einem Schockmoment an, dreht die Zeit zurück und legt eine weitere Schicht frei, die alles noch mal mit ganz anderen Augen zeigt.

Spielball, Waffe und Objekt der Begierde

Gerade noch kämpft Anna darum, dass sie dem Würgegriff ihrer KGB-Ausbilder (Luke Evans in der „Nikita“-Rolle von Tchéky Karyo und Helen Mirren in der von Jeanne Moreau) entkommt, da gerät sie auch noch in die Fänge eines CIA-Mannes (Cillian Murphy). Und alle nutzen die Titelheldin ständig aus. Als Spielball. Als Waffe. Und auch als Objekt der Begierde.

Aber mag man, angesichts all der starken Frauen in Bessons Oeuvre, wirklich glauben, dass Anna immer nur das arme Opfer bleibt? Das Matroschka-Prinzip verrät sich selbst. Immer erwartet man noch eine andere Volte und traut den Bildern längst nicht mehr. Dass Besson das Matroschka-Prinzip dann auch noch erklären muss, belegt, dass der Film seinen eigenen Mitteln nicht vertraut. Wie schade.

Besson war mal ein Kultregisseur. Hier wirkt er wie sein eigener Epigone.

Thriller F 2019 119 min., von Luc Besson, mit Sasha Luss, Helen Mirren, Luke Evans