Wiederaufnahme

„Cabaret“: Eine Aktualität, die sich immer mehr verschärft

Im Tipi am Kanzleramt feiert das Musical „Cabaret“ sein 15-jähriges Jubiläum. Was einst nostalgisch schien, wird immer brisanter.

Nostalgie mit Gänsehaut: Im Tipi am Kanzleramt entführt „Cabaret“ den Zuschauer in das Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre, zeigt aber auch das Erstarken der Demokratiefeinde und Faschisten.

Nostalgie mit Gänsehaut: Im Tipi am Kanzleramt entführt „Cabaret“ den Zuschauer in das Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre, zeigt aber auch das Erstarken der Demokratiefeinde und Faschisten.

Foto: XAMAX

Ab Freitag heißt es wieder „Willkommen! Bienvenue! Welcome!“ Einmal mehr wird das Erfolgsmusical „Cabaret“ im Tipi am Kanzleramt wiederaufgenommen und, inzwischen schon traditionell, den ganzen Sommer über gespielt. Diesmal kann die legendäre Inszenierung des Regisseurs und Madonna-Choreographen Vincent Paterson sogar ein Jubiläum feiern: Die Berliner „Cabaret“-Version wird 15 Jahre alt.

Premiere feierte sie im Jahr 2004, damals noch in der Bar Jeder Vernunft, wo sie auch die ersten sechs Jahre spielte. Bis sie wegen der großen Nachfrage 2010 ins größere Tipi umzog.

Das Musical in der Stadt, in der es spielt

Die Berliner dürften die Inszenierung allmählich schon alle gesehen haben, aber auch bei Touristen ist die Show sehr gefragt. „Cabaret“ kennt man nicht zuletzt durch die berühmte Verfilmung mit Liza Minnelli von 1972. Die Geschichte über Bohemiens und Überlebenskünstler in den frivolen 20er-Jahren in eben jener Stadt zu sehen, in der sie auch spielt, hat einen ganz eigenen Reiz.

Das Stück wird dabei allerdings immer aktueller. Als Bar- und Tipi-Chef Holger Klotzbach „Cabaret“ vor 15 Jahren auf die Bühne brachte, ging es ihm vor allem um die großartigen Songs, die Nostalgie, die (vermeintlich) Goldenen Zwanziger und natürlich den Berlin-Bezug.

Das Stück basiert ja auf den Erfahrungen von Christopher Isherwood, der Ende der 20er-Jahre sein Glück in Berlin suchte und in seinem Bestseller „Leb wohl Berlin“ mit dem Blick des Außenseiters sehr genau das Aufkommen der Nazis und damit verbunden das nahende Ende der Demokratie, des freien Geistes, der Freizügigkeit und der lockeren Moral beschrieb.

Wer nichts dagegen tut, ist dafür

2004 schien dieses Thema rein historisch und der Faschismus für alle Zeiten überwunden. In den jüngsten Jahren aber vergleichen immer mehr Menschen die gesellschaftliche Lage – nach Pegida, nach dem Aufkommen der AfD und anderer Populisten – mit der Ende der Weimarer Republik.

Erste Eindrücke: der Trailer zur Show

Und selbst wer „Cabaret“ schon mal im Tipi gesehen hat, sieht es jetzt möglicherweise mit anderen Augen, wenn Sally Bowles etwa meint: „Politik? Was hat das mit uns zu tun?“ Und Cliff Bradshaw, Isherwoods Alter Egos, entgegnet: „Aber Sally, verstehst du denn nicht – wenn man nichts gegen diese Rassisten-Politik unternimmt, dann ist man dafür. Oder so gut wie.“

Applaus aus Protest oder Zustimmung

„Das Stück hat eine Aktualität, die immer mehr zunimmt und sich verschärft“, sagt denn auch Holger Klotzbach kurz vor der Premiere in seinem Tipi. Das werde sich nach den Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern im Herbst sicher noch zuspitzen. „Aber genau deshalb spielen wir ,Cabaret’ umso dringlicher.“ Über die Jahre hat Klotzbach verfolgt, dass es oft anderen Applaus gibt als früher, teils würde auch an Stellen geklatscht, bei denen es früher gar keine Reaktion gegeben habe – aus Protest oder Zustimmung.

Der Zelte-Chef steht auch oft am Ausgang und schaut sich die Zuschauer nach der Vorstellung sehr genau an. „Das Stück löst eine andere Art der Betroffenheit aus, weil es so eminent aktuell ist.“

Es freut ihn, dass immer mehr Schulklassen, die aus anderen Bundesländern auf Klassenfahrt in Berlin sind, das Stück besuchen. Klotzbach findet, dass es für 10. Schulklassen sogar obligatorisch sein sollte: „Weil es unterhaltsam, aber auch sehr politisch ist.“ Klotzbach war ja selbst mal Lehrer, er weiß: „Daraus kann man viel machen.“

Bernd Schmidt hatte vor knapp zwei Jahren eine heftige Debatte ausgelöst, als er sich nach der Bundestagswahl als erster Intendant einer deutschen Bühne klar gegen Rechts positioniert hat und Anhänger der AfD von einem Besuch seines Friedrichstadtpalastes („Ich will all deren Geld nicht“) abriet.

Klares Statement, klares Engagement gegen Rechts

Das hält Klotzbach für den falschen Weg. „Ich kann nicht verhindern, dass AfD-Wähler zu uns kommen, ich kann auch nicht verlangen, dass die Zuschauer ihre Parteiausweise vorlegen.“ Für sie sei das Stück ja vielleicht gerade interessant: weil ihnen damit ein Spiegel vorgehalten wird.

Die AfD hatte einmal sogar versucht, über Strohfirmen das Tipi für eine Parteiveranstaltung zu mieten. Das hat Klotzbach herausgekriegt. Und brüsk abgelehnt. Diese Gesinnung passt nicht in sein Zelt.

„Bei uns arbeiten Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Religionen, Hautfarben und sexueller Orientierung“, betont der Chef. Er habe auch Flüchtlinge beschäftigt, „so gut es geht“, wie er einschränkt: „Die kriegen ja jeden Stein in den Weg gelegt, damit sie nicht arbeiten können.“ Und auch unter seinen Auszubildenden seien viele Ausländer. Das sei, so Klotzbach, auch ein politisches Anliegen in seinem Betrieb, der immerhin 150 Menschen beschäftigt.

Farbe bekennen am Tag der Wiederaufnahme

Deshalb zeigen seine Zelte auch Flagge. Und bekennen Farbe. Das Tipi und die Bar unterstützen die Arbeit des Vereins „Gesicht zeigen!“ und sind Gründungsmitglieder von „Die Vielen“, ein Verein „für ein weltoffenes Deutschland“, der sich für die Freiheit der Kunst einsetzt. Das schlägt sich nun auch beim Jubiläum 15 Jahre „Cabaret“ nieder.

Zur Premiere werden alle Plakate für andere Programme der Zelte gegen solche der „Vielen“ eingetauscht. Und Rebecca Weis vom Vorstand von „Gesicht zeigen!“ wird vorab eine Ansprache halten. Die freut sich, Teil des Premierenabends zu sein und betont: „Wir alle sind gefragt, heute und in Zukunft wachsam zu sein und uns mutig für eine offene und tolerante Gesellschaft einzusetzen.“

Termine: Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tiergarten. Kartentel.: 39 06 65 50. Di-Sa, 20 Uhr, So 19 Uhr. Bis 15. September