West-Eastern Divan Orchestra

“Wir fühlen uns wie eine große Familie“

Im West-Eastern Divan Orchestra spielen junge Musiker aus arabischen Ländern und Israel. Ein Probenbesuch vor dem Waldbühnen-Konzert.

Daniel Barenboim probt mit dem West Eastern Divan Orchestra im Pierre-Boulez-Saal

Daniel Barenboim probt mit dem West Eastern Divan Orchestra im Pierre-Boulez-Saal

Foto: Daniel-Barenboim-Stiftung

Berlin. „Es war wie ein Schock: Ich reiste zum ersten Mal nach Deutschland, traf erstmals Menschen aus arabischen Ländern und arbeitete mit einem Maestro wie Daniel Barenboim zusammen. Alles war neu und aufregend“, erinnert sich die israelische Geigerin Miriam Manasherov an die allererste Saison des West-Eastern Divan Orchestra (WEDO) im Jahr 1999. 18 Jahre alt war sie damals und hätte sich niemals vorstellen können, dass sie einmal das 20-jährige Jubiläum des israelisch-arabischen Friedensorchesters mitgestalten würde.

Daniel Barenboim und Edward Said, Künstler und Intellektueller, Israeli und Palästinenser, hatten sich 1999 entschlossen, einen Orchester-Workshop für junge Musiker aus Israel und den verschiedenen arabischen Staaten des Nahen Ostens ins Leben zu rufen. Als 200 Bewerbungen aus den arabischen Ländern kamen, war Barenboim erstaunt. Aus der Workshop-Idee wurde ein Orchester. In der Anfangsphase des WEDO hatten 60 Prozent der Musiker noch nie in einem Orchester gespielt. Manche hatten noch nie ein Orchester live gehört.

Die Probenzeit wurde über die Jahre immer kürzer

„Heute ist das Niveau viel höher als damals. Das Durchschnittsalter ist natürlich auch gestiegen, viele spielen schon in professionellen Orchestern“, erzählt Miriam Manasherov. Die Sommertournee führt nach Sevilla, Buenos Aires, London, Salzburg, Berlin und Luzern. Beim jährlichen Waldbühnenkonzert am 17. August spielt das WEDO Beethovens Violinkonzert mit dem Solisten Michael Barenboim, dem Sohn des Dirigenten. Außerdem steht genauso wie im ersten Konzert vor 20 Jahren Beethovens 7. Sinfonie auf dem Programm. Damals hatte das Orchester allerdings drei Wochen Probenzeit für ein Programm, jetzt muss alles viel schneller gehen.

Geigenblitze zucken, das Orchester steckt voller Energie, Daniel Barenboims Arme fliegen in die Luft. Die Proben finden im Berliner Pierre-Boulez-Saal statt. Instrumentenkästen liegen überall im Saal. Die Musiker tragen Shorts, T-Shirts und Sommerkleider, der Maestro sitzt barfuß auf einem hohen Hocker. Immer wieder schlägt Barenboim mit dem Taktstock auf das Pult, fordert mehr Spannung, Legato oder Pianissimo. „Das waren 80 Prozent – nicht gut genug. Wir brauchen 100 Prozent“, spornt er seine Musiker an.

Heimlich war der Ägypter zum Vorspiel gekommen

In der Probenpause legt der Ägypter Mahmoud Said freundschaftlich den Arm um die israelische Bratschistin Tal Riva Theodorou. Ein Bild der Harmonie, das sich verstärkt, wenn man die Beiden entspannt reden und scherzen hört. Er ist seit elf, sie schon seit 15 Jahren im WEDO. „Ich wurde neugierig, als ich hörte, dass man in diesem Orchester mit den Menschen musizieren kann, die man in unseren Ländern als Feinde betrachtet“, erzählt der Ägypter. Heimlich ging er damals zum Vorspiel, das nicht in der Musikakademie stattfinden durfte und deshalb ein Ausweichquartier im Goethe-Institut fand.

In der arabischen Welt wird Daniel Barenboims musikalischer Beitrag zur Verständigung durchaus kritisch gesehen. „Wir können überall auf der Welt spielen, nur nicht in unserer Region. Wir hoffen sehr, dass sich das irgendwann ändert“, meint Said. Nicht mit jedem seiner Freunde und Bekannten in Ägypten redet er über seine Erfahrungen im WEDO.

„Mich hat immer interessiert, ob die Unterschiede zwischen uns so groß sind, dass wir wirklich nicht zusammen leben können. Deshalb spiele ich in diesem Orchester. Und natürlich wegen der Chance, mit Daniel Barenboim zu arbeiten“, sagt Tal Theodorou. Die israelische Musikerin stellte fest, dass die arabischen Kollegen dieselbe Mentalität und dieselben Zukunftswünsche haben wie sie: eine Familie, ein Leben als Musiker und vor allem ohne Krieg. Inzwischen fragt sie sich eher: „Wie können wir gemeinsam für den Frieden arbeiten?“

Verschiedene Sichtweisen auf die Kriegsgeschichte

Natürlich sind viele politische Fragen schwierig zu beantworten. Die Musiker kennen keine Lösung für den Nahostkonflikt, und in den Diskussionen darüber kann es auch schon einmal laut werden. Doch sie haben gelernt, einander zuzuhören, den Standpunkt der anderen Seite nicht zu ignorieren. Tal Theodorou hat am meisten überrascht, dass Araber und Israelis ganz unterschiedliche Dinge über den Konflikt und seine Geschichte in der Schule lernen.

„Weder wir noch sie bekommen objektive Informationen, und das macht den Graben immer größer. Ägypter lernen zum Beispiel, dass sie den Jom-Kippur-Krieg von 1973 gewonnen hätten“, erklärt die Bratschistin. „Ich glaube das eigentlich immer noch, wir haben Land zurückgewonnen“, wirft der Ägypter Mahmoud Said ein und seine Musikerkollegin entgegnet: „Bei uns gelten aber die Israelis als Sieger. Wir haben euch das Land gegeben.“ Am Ende lachen beide herzlich über ihr kleines Wortgefecht. Die Musiker hoffen, mit dem Orchester als Vorbild zu wirken und zu zeigen, dass ein friedliches Miteinander möglich ist. „Wenn unsere Länder Krieg führen, heißt das nicht, dass wir das auch wollen“, sagt Mahmoud Said.

Das Waldbühnen-Konzert ist eine wichtige Erfahrung

Daniel Barenboim glaubt daran, dass man niemanden hassen kann, mit dem man gemeinsam musiziert. Er ist für die Musiker ein großes Vorbild, in erster Linie natürlich in musikalischer Hinsicht. „Wenn man mit jemandem wie ihm arbeitet, muss man in jeder Sekunde darauf gefasst sein, ein neues Geheimnis über Musik zu erfahren“, schwärmt Said. Das Konzert in der Waldbühne ist für ihn jedes Jahr eine große Erfahrung: „Es ist doch unglaublich, dass da 22.000 Menschen kommen, um uns zu hören.“ Mahmoud Said hat inzwischen eine Stelle als Geiger im Philharmonischen Orchester Kiel, und Tal Theodorou hat sich als freiberufliche Musikerin in Helsinki niedergelassen. Im Sommer kann sie aber nichts davon abhalten im WEDO zu spielen: „Wir sind alle schon so viele Jahre zusammen, wir fühlen uns wie eine große Familie.“