Neu im Kino

Ein Filmstudio wird zur Filmkulisse: „Traumfabrik“

„Traumfabrik“ ist ein Film übers Filmemachen. Dabei wird das Filmstudio Babelsberg selbst zur Kulisse – und zu einem Hauptdarsteller.

Und soooo machen wir das dann: Um Milou (Emilia Schüle) wieder nach Berlin zu kriegen, entwickelt Emil (Dennis Mojen) einen fantastischen Plan

Und soooo machen wir das dann: Um Milou (Emilia Schüle) wieder nach Berlin zu kriegen, entwickelt Emil (Dennis Mojen) einen fantastischen Plan

Wer Filme liebt, der liebt auch Filme übers Filmemachen. Weil hier dem Laien ein bisschen die Welt hinter der Kamera erzählt wird. Wie die großen Tricks und die großen Gefühle entstehen. Wobei diese Entzauberung immer nur in kleinen Dosen genehmigt wird und am Ende meist der Schein über das Sein, das Märchen über die Realität siegt. Film-Magie eben.

Nun kommt ein Film ins Kino, der das gleich im Titel verkündet: „Traumfabrik“. Und in dem das älteste Großatelier-Filmstudio der Welt selbst zur Kulisse – und zu einem Hauptdarsteller wird: Babelsberg.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Nur eine kurze Zeit lang schaffte es der deutsche Film wirklich, Hollywood Konkurrenz zu machen. Das war, wie man gerade in der sehr sehenswerten neuen Ausstellung in der Deutschen Kinemathek, „Kino der Moderne“, erfahren kann, in der Zeit der Weimarer Republik.

Als Fritz Lang hier sein kühnes „Metropolis“ entwarf und Marlene Dietrich auf dem Fass sang. Aber nicht in jenen legendären Tagen spielt „Traumfabrik“. Und auch nicht in der jüngsten Zeit, als Quentin Tarantino hier seine „Inglourious Basterds“ auf die Nazis losließ.

Der Kleindarsteller und das Lichtdouble

„Traumfabrik“ spielt ausgerechnet in den 60er-Jahren, als hier die Defa ansässig war. Auch die produzierte exotische Märchen wie „Der kleine Muck“ oder wandelte Winnetou-Filme in Gojko-Mitic-Valuta um. Aber überwiegend entstanden damals Gesellschaftsdramen, die den jungen Arbeiter – und Bauernstaat reflektieren sollten. Kritisch, aber nicht zu kritisch. Und keinesfalls zu eskapistisch. Die serielle Produktion von Träumen war in der Planwirtschaft nicht vorgesehen.

Gleich zu Anfang von „Traumfabrik“ aber sehen wir einen jungen Mann, Emil (Dennis Mojen), frisch entlassen aus der NVA und noch in Uniform, wie er eines Sommertags durch das berühmte Portal der Babelsberg-Studios schreitet. Und in eine fantastische Parallelwelt eintaucht.

Es ist immer lustig, wenn ein Unbedarfter durch Kulissen und Heere von Statisten stolpert. Wenn er durch einen Trupp falscher NVA-Soldaten stolpert, plötzlich Kamele vor ihm vorbeiziehen und er in einer märchenhaften Schneekulisse landet, irgendwas zwischen „Doktor Schiwago“ und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Der Zufall will es, oder doch Emils Bruder Alex (Ken Duken), der hier arbeitet, dass Emil Statist wird. Aber dann verliebt er sich gleich am ersten Tag Hals über Kopf in Milou (Emilia Schüle), die schöne Begleiterin einer französischen Star-Diva.

Und als er mit ihr – weil sich die großen Stars dafür ja immer zu fein sind – eine Kussszene für die Beleuchter proben muss, da macht es, vor der gesamten Crew, Klick.

Der Kleindarsteller und das Lichtdouble: Das sind die Stoffe, die der Kinozuschauer liebt. Die kleinen, unterprivilegierten Leute, die von großen Gefühlen erwischt werden, damit kann sich jeder identifizieren.

Gleich am ersten Tag eine Schneise der Verwüstung

Aus Unachtsamkeit verursacht der frisch verliebte Emil allerdings eine Kettenreaktion, die die halbe Studiohalle ruiniert. Da werden die großen Gefühle gleich wieder mit großer Ironie gebrochen.

Der Knabe soll ihm hier nie wieder unter die Augen treten, tobt der Studio-Chef (Heiner Lauterbach). Und die Liebenden flitzen bei der Flucht vor ihren Häschern durch die ganzen Weiten und verwinkelten Ecken des Studios. Mit einem zweiten Kuss auf einem Kulissen-Hebeboden. So weit, so Hollywood.

Aber dann wird den jungen Liebenden noch ein ganz anderer Stein in den Weg gelegt, den nur die deutsche Geschichte ihnen legen kann. Nicht umsonst spielt der Film im Sommer 1961. Plötzlich steht eine Mauer zwischen dem Glück.

Der französische Star und also auch seine Begleiterin kommen aus dem Westen der Stadt nicht mehr über die Glienicker Brücke. Und bald aus Angst vor der politischen Instabilität fliegen sie auch gleich nach Paris zurück. Emil bleibt gebrochen zurück.

Aber dann entwickelt er einen kühnen Plan. Weil nach dem Mauerbau das halbe Studio verwaist ist, gibt er sich dreist als Regisseur aus. Und tut so, als plane die Defa einen großen Historienfilm mit einer Traumrolle für die Film-Diva, die dafür einfach zurückkehren muss: „Cleopatra“.

Der größte Monumentalfilm, der je gedreht wurde

Der Schwindel fliegt schnell auf, der Studiochef tobt erneut. Aber auch die Stasi erfährt von dem Unterfangen, ausgerechnet aus einem Boulevardblatt des Westens. Und will nun unbedingt diesen Film. Mit oberster Unterstützung. Grimmig muss der Studiochef zustimmen. Und so wird hektisch an einem spektakulären, nie dagewesenen Monumentalfilm getüftelt. Auch wenn dessen „Regisseur“, eben jener Emil, von Tuten und Filmen keine Ahnung hat.

Man muss sich auf diese Geschichte, muss sich auf die Kinomagie einlassen. Ein solcher Stoff in der Defa wäre, gerade in Tagen des Mauerbaus, völlig undenkbar gewesen. Auch ausländische Stars wären nie in den Osten gekommen, damals wanderten ja sogar die meisten West-Berliner Produktionsfirmen ab, weil die geteilte Stadt zu unsicher schien.
Einen „Cleopatra“-Monumentalfilm hat es zu jener Zeit allerdings gegeben. Aber der wurde eben von Hollywood gedreht und gilt wegen seiner gigantischen Ausmaße bis heute als größter Flop der Filmgeschichte, der damals sein Studio fast ruiniert hätte.

Auch da ging es um ein großes Liebespaar, Liz Taylor und Richard Burton, die mit ihren Eskapaden zum Produktionsdesaster nicht unerheblich beitrugen.

Die schönste Regieanweisung der Filmgeschichte

Aber wer Filme liebt, der liebt auch Filme übers Filmemachen. Und kann auch darüber schmunzeln, wie „Traumfabrik“ all das zusammenrührt. Zumal Produzent Tom Zickler selbst einst eine große Liebe in der DDR erlebt hat, zu einer Chilenin, die plötzlich über Nacht ausgereist war, und dies hier verarbeitet. Und „Traumfabrik“ wartet zumindest mit der schönsten Regieanweisung auf, die wir je im Kino je gehört hat. „Lasst uns fliegen“, sagt Emil einmal.

Ausgerechnet das Liebespaar bleibt blass

Schade nur: Es wird dann doch nur geflattert. Die ganz großen Lacher wie auch die ganz großen Gefühle, sie wollen sich in dem Film nie so recht einstellen. Auch für Regisseur Martin Schreier („Unsere Zeit ist jetzt“) scheint seine Aufgabe wie seiner Hauptfigur eine Nummer zu groß gewesen zu sein.

Schon sein Drehbuch schreckt vor den Entladungen der Konflikte bis zum Schluss zurück, der Drive der Geschichte wird dadurch immer ausgebremst. Und dann bleibt ausgerechnet das Liebespaar reichlich blass. Emilia Schüle schlägt sich als Herzensdame noch ganz wacker, aber anstellte von Dennis Mojen hätte man sich doch einen charismatischeren Schauspieler gewünscht, der nicht nur nett anzuschauen ist, sondern dem man auch den Irrsinn seines Liebesplans hätte glauben können. Was für eine großartige Geschichte „Traumfabrik“ hätte werden können, ist immer dann zu ahnen, wenn Michael Gwisdek, Ken Duken oder die herrliche Ilona Schulz in pointierten Nebenrollen Feuer geben. Aber die Flamme züngelt immer wieder aus, wenn das Liebespaar ins Zentrum kommt.

Schade. Der Film hätte eine Leistungsschau werden sollen, wozu Babelsberg alles fähig ist. Stattdessen dokumentiert es das Gegenteil: Babelsberg ist halt doch nicht Hollywood.