Gedenktag

50 Jahre Stonewall: Wie eine Nacht die Welt veränderte

Heute vor 50 Jahren wehrten sich Homosexuelle in New York erstmals gegen Polizeigewalt. Es war die Geburtsstunde der Schwulenbewegung.

Polizisten verüben am 28. Juni 1969 eine Razzia im „Stonewall Inn“. Aber erstmals wehren sich die Betroffenen gegen die Staatsgewalt.

Polizisten verüben am 28. Juni 1969 eine Razzia im „Stonewall Inn“. Aber erstmals wehren sich die Betroffenen gegen die Staatsgewalt.

Foto: New York Daily News Archive

Es sind oft die kleinen Dinge, die große Bewegungen ins Rollen bringen. Die Afroamerikanerin Rosa Park etwa, die sich 1955 weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen und damit die Bürgerrechtsbewegung in den USA auslöste. Oder die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die 2018 begann, freitags die Schule zu schwänzen und damit eine globale Klimaschutzbewegung auslöste.

Oder der Stein, der am frühen Morgen des 28. Juni 1969 in der Christopher Street im New Yorker Bezirk Greenwich Village gegen Polizisten geschleudert wurde – und zur Geburtsstunde der Schwulen- und Transgender-Bewegung wurde.

Auch der CSD Berlin feiert 50 Jahre Stonewall

Wer den ersten Stein geworfen hat, ist nicht bekannt. Aber was er bewirkte, wird jedes Jahr in zahllosen Städten rund um den Globus am Christopher Street Day aufs Neue zelebriert: die „ Gay Pride“, der Stolz, anders zu sein als die anderen und dies nicht als Makel zu begreifen. In diesem Jahr jährt sich das Ereignis zum 50. Mal. Und wird überall gefeiert. Auch der Berliner CSD am 27. Juli steht diesmal unter dem Motto „Stonewall 50 - Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“.

Was für ein Name: Stonewall. Als sei das Steineschmeißen Programm gewesen. Dabei rührt der Name von jener Schwulenbar her, in der die Ausschreitungen ihren Anfang nahmen. Das Stonewall Inn war eine der wenigen Kneipen, in der Homosexuelle sich heimlich treffen konnten. Schäbige Bars, betrieben von der Mafia, die die Polizei schmierte. Dennoch gab es ständig willkürliche Razzien. Um die Schwulen und Lesben einzuschüchtern. Und schon auch, um einfach mal ein bisschen Macht und Gewalt an anderen auslassen zu können.

Plötzlich kehrten sich die Machtverhältnisse um

Homosexualität war damals in den USA erboten. Wer beim schwulen Sex auf öffentlichen Toiletten erwischt wurde, wurde zwangsgeoutet: Minderjährige vor ihren Eltern, Erwachsene am Arbeitsplatz. Nicht wenige Betroffene nahmen sich deshalb das Leben.

Auch wer nur Schwulenkneipen besuchte, wurde in einen Zustand permanenter Angst getrieben, wenn bei Razzien die Personalien aufgenommen wurden. Ein obskures Bekleidungsgesetz der Stadt schrieb außerdem vor, dass Personen mindestens drei Bekleidungsstücke tragen mussten, die eindeutig ihrem Geschlecht zuzuordnen waren. Womit Transvestiten und Transsexuelle zusätzlich diskriminiert und verfolgt wurden.

Razzien gab es immerzu. In jenen Tagen war es bereits die vierte in New York, weil dort gerade Bürgermeisterwahlen anstanden und die Stadt sich besonders hart gerieren wollte. Aber diesmal ließen sich die Betroffenen nicht demütigen und abführen. Sie sangen gegen die Polizisten an. Sie warfen Münzen, um die Cops als bestechlich zu diskreditieren. Sie warfen mit Müll. Und schließlich mit Steinen.

Stonewall als Inbegriff der Schwulenemanzipation

Die Machtverhältnisse kehrten sich um. Die Polizisten mussten sich, bis Verstärkung kam, in der bereits geräumten Bar verschanzen, um der Wut auf der Straße zu entkommen. Der Aufstand weitete sich zu tagelangen Straßenschlachten aus. Und die Nachricht ging um die Welt. Schwule waren nicht länger verweichlichte Typen, die man nach Belieben drangsalieren konnte. Sie wehrten sich. Sie fanden gerade über den Druck, den man gegen sie ausübte, zu ihrem Selbstverständnis. Und verschmolzen zu einer Gay Community.

Dabei waren die Ausschreitungen am Stonewall Inn nicht der erste Fall von Widerstand gegen die Polizeigewalt. Schon 1966 war es in San Francisco zum Compton’s Cafeteria Riot gekommen, und 1968 wehrten sich Lesben und Schwule in Philadelphia gegen eine Razzia in der Lesbenkneipe Rusty’s. Warum wurde gerade Stonewall zum Auslöser und Inbegriff der Schwulenbewegung?

Lauter Minderheiten kämpften Seite an Seite

Es hatte natürlich damit zu tun, dass es in jener Zeit keine größere Schwulenbar gab, nicht in New York und auch sonst nirgends. Dann waren an dem Widerstand auch viele beteiligt, die selten am Türsteher vorbei in diese Bar gekommen wären. Das Stonewall Inn blieb überwiegend weißen Männern vorbehalten. An dem Aufstand beteiligten sich aber auch Latinos, Schwarze, obdachlose Stricher und Transvestiten, die in dem Viertel quasi auf der Straße lebten. Und alle formierten sich plötzlich zu einer Zwangsgemeinschaft.

Und dann brodelten in jenen Tagen allerorten Freiheitsbewegungen, von den Studentenunruhen bis zum Prager Frühling. Und dieses allgemeine Streben nach Freiheit und Rebellion verschmolz in diesem ganz speziellen Fall noch mit der sexuellen Revolution der Hippie-Bewegung.

Vor- und Leitbild für nationale Bewegungen

Vor allem aber wurde schon ein Jahr später dieses Aufstands gedacht mit dem ersten „Christopher Street Liberation Day“, der seither jedes Jahr in New York begangen wird. Und nicht nur dort. Sondern etwa auch in Berlin. Dort hatte sich bereits 1971 die Homosexuelle Aktion Berlin gegründet, die erste Demonstrationen über den Ku’damm organisierte. Aber zum zehnten Jahrestag von Stonewall wurde auch hier der erste Christopher Street Day begangen. Der Berlin-CSD feiert deshalb in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum, den 40.

Und längst gibt es CSDs in zahllosen Städten weltweit. So wurde Stonewall auch zum Vor- und Leitbild für viele nationale Bewegungen. Auch wenn das wichtigste Wort im ursprünglichen Namen, „Liberation“, bald verloren ging und nur noch der Christopher Street Day blieb. Und viele, die heute mitmarschieren, gar nicht mehr wissen, was der Name eigentlich bedeutet.

Über die Ereignisse am Stonewall Inn gibt es inzwischen einen unschönen Streit um die Deutungshoheit. Dafür sorgte unfreiwillig Roland Emmerich, der erfolgsverwöhnte deutsche Hollywood-Regisseur, der den Aktivisten der ersten Stunde mit seinem „Stonewall“-Film 2015 eigentlich ein Denkmal setzen wollte.

Streit um die Deutungshoheit

Er wurde dafür allerdings des „White-Wasshng“ beschuldigt, weil seine Hauptfigur, der auch den ersten Stein wirft, eine klassisch-normative weiße Identifikationsfigur ist und eben kein Schwarzer, kein Latino, keine Transe, die diesen Aufstand maßgeblich bestritten.

Aber auch die Tatsache, dass es zeitgleich zu Stonewall auch in einem New Yorker Frauengefängnis, in das Lesben gern gesteckt wurden, zu einer Rebellion kam, ist nur wenig bekannt. Längst hat sich die Gay Community zur LGBT-Szene erweitert, wird Wert darauf gelegt, alle Minderheiten in ihrer Diversität, also Lesben wie Schwule, Bisexuelle wie Trangender-Personen zu berücksichtigen. Und die wollen denn auch alle in dieser Geschichte angemessen vorkommen.

Aber das schmälert den Wert von Stonewall nicht. Es zeigt nur, dass Stonewall keine leere Gedenk-Folklore ist, sondern der Kampf noch lange nicht zu Ende ist. Auch heute noch steht Homosexualität in vielen Staaten unter Strafe, in einigen sogar unter Todesstrafe.

Stonewall - eine Aufforderung zur Tat

Und selbst wenn Schwule und Lesben in der westlichen Welt heute heiraten und Kinder adoptieren können, sieht es bei der Akzeptanz von Menschen, die der binären Gendernorm von Mann und Frau nicht entsprechen, noch ganz anders aus. Und Anfeindungen und auch Gewaltanwendungen gegen LGBT-Menschen nehmen allerorten wieder zu.

Stonewall bleibt da ein ewiges, aktives Mahnmal. Für Martin Boyce, einer der Veteranen, der damals dabei gewesen ist, sei „Stonewall ein Verb“, wie er dem Stadtmagazin „Siegessäule“ sagte: „Eine Aufforderung zur Tat.“