Die Hoffnungslosigkeit ist in all diesen langen Einstellungen gegenwärtig. Regisseur Andrew Dosunmu will den Zuschauer in seinem düsteren Sozialdrama „Wo ist Kyra?“ vorsätzlich die Ausweglosigkeit spüren lassen, die seine Protagonistin lähmt und aufgeben lässt. Kameramann Bradford Young findet dafür Bilder, die sich quälend dahinschleppen, mehr Schatten als Licht, mehr Unschärfe als klarer Blick, so wenig Bewegung wie möglich. Kein Lichtstreif am Horizont, nur Agonie im Heute und Angst vor dem Morgen.

„Wo ist Kyra?“ wäre ein zutiefst anstrengender Film, gäbe es da nicht die wunderbare Michelle Pfeiffer. Sie verleiht dieser menschlichen Tristesse ein Gesicht, geht ganz auf in dieser vom Leben gebeutelten Kyra, der nichts gelingen will und der alles entgleitet. Sie wertet diesen mitunter voyeuristisch anmutenden Film allein durch ihre Präsenz auf und macht die ganze Traurigkeit und Endgültigkeit einigermaßen erträglich.

Die Ausweglosigkeit mit Ende 50

Kyra hat den Neuanfang gewagt. Sie hat ihren Ehemann verlassen. Sie hat den guten Job an den Nagel gehängt. Sie hat sich aufgemacht nach New York, um in einem abgewirtschafteten Mietshaus in Brooklyn ihre alte, kranke Mutter (Suzanne Shepherd) zu pflegen. Die lässt sie an ihrer kleinen Rente teilhaben, damit sie einigermaßen über die Runden kommt. Kyra ist arbeitslos. Und es ist nicht leicht für eine Endfünfzigerin, eine neue Beschäftigung zu finden. Selbst für einen Job als Kellnerin stehen immer um einiges jüngere Bewerberinnen bereit.

Der Film lebt ganz von dem Spiel seiner Hauptdarstellerin Michelle Pfeiffer
Der Film lebt ganz von dem Spiel seiner Hauptdarstellerin Michelle Pfeiffer © dpa

Die Sorgen wachsen ihr endgültig über den Kopf, als die Mutter stirbt. Sie sie ist mit der Miete im Rückstand. Die Kündigung der Wohnung droht. Kyra besucht ihren Ex-Mann, um ihn um etwas Geld zu bitten. Der aber lehnt ab, weil er mit seiner neuen Frau ein Baby bekommt.

Da fasst sie einen verzweifelten Entschluss: Sie lässt die Toten auferstehen. Sie verkleidet sich mit Mütze und Schal, dickem Mantel und Krückstock als ihre Mutter, um auf der Bank weiter den Rentenscheck abzuholen. Das geht sogar eine Weile gut.

Leben von Mutters Rente, auch nach deren Tod

Sie macht die Bekanntschaft mit einem Nachbarn. Doug (Kiefer Sutherland) fährt Taxi und jobbt nebenher in einem Pflegeheim. Und ist ein ziemlich guter Bingospieler. Auch Doug ist so ein Gestrauchelter, der versucht, sich einigermaßen über Wasser zu halten. Die beiden kommen sich näher. Sie scheinen sich Halt zu geben. Doch als Doug mitbekommt, dass Kyra sich die Rente ihrer Mutter erschleicht, bekommt die kurze Beziehung einen Riss. „Ich kann das nicht“, ist alles, was ihm dazu einfällt.

Das Lügengebäude stürzt in sich zusammen

Eines Tages verliert Kyra ihren Geldbeutel, in dem nicht nur ihr Ausweis, sondern auch der ihrer Mutter ist. Und als auch noch die Polizei ins Spiel kommt, stürzt Kyras Lügengebäude langsam und unerbittlich ein. Das Leben in einer Gesellschaft, die wenig oder nichts für ihre älteren Mitglieder tut, ist gnadenlos. Hoffnung? Keine Chance.

Der aus dem nigerianischen Lagos stammende Fotograf und Regisseur Andrew Dosunmu („Mother of George“) zeigt das ganze Elend und die Hilflosigkeit der Ausgestoßenen der Gesellschaft in staubig-schattigen Bildern. Oft steht die Kamera statisch ganz weit weg in der Ecke oder hält in Großaufnahme auf das enttäuschte, apathische Gesicht Kyras, deren Gefühlswelt sich nur durch sparsame Mimik erahnen lässt. Durch den spartanischen Einsatz der Mittel erzeugt Dosunmu eine prekäre Atmosphäre, die jeden Mut zum Neuanfang im Keim erstickt.

Dies ist kein Film für jedermann. „Wo ist Kyra?“, der mit zwei Jahren Verspätung bei uns startet, ist ambitioniertes Arthouse-Kino, das seinen Besuchern einiges abverlangt. Es ist aber auch eine ergreifende One-Woman-Show für eine außergewöhnliche Darstellerin, der man jede Enttäuschung und jede falsche Entscheidung abnimmt.

Drama 98 min., von Andrew Dosunmu, mit Michelle Pfeiffer, Kiefer Sutherland, Suzanne Shepherd