Schaubühne

Im „Prometheus“ betritt plötzlich Andre Agassi die Bühne

Zwischen den Kalauern blitzen immer wieder Sinnsplitter auf: Bastian Reibers bemerkenswertes Regie-Debüt an der Schaubühne

Unförmige Körper: Florian Anderer und Carol Schuler (v.l.) in „Prometheus“.

Unförmige Körper: Florian Anderer und Carol Schuler (v.l.) in „Prometheus“.

Foto: Thomas Aurin

Der Mythenstoff rund um den Titanen Prometheus lieferte über Jahrtausende eines der populärsten literarischen Motive überhaupt. Entsprechend schwer ist es, dem Stück etwas Neues abzugewinnen. Der befremdlichen Inszenierung unter dem schlichten Titel „Prometheus“, die zurzeit im Studio der Schaubühne zu sehen ist, kann man eine gewisse Originalität allerdings nicht absprechen.

Der Titelheld taucht lange Zeit nicht auf

Die Premiere am Donnerstagabend ist das Regiedebüt des Ensemblemitglieds Bastian Reiber an der Schaubühne. Er selbst verkörpert im Stück den Prometheus. Der Titan, der den Göttern das Feuer gestohlen haben soll, um es den Menschen zu übergeben, spielt in Reibers Inszenierung jedoch erst spät eine Rolle. Zunächst nehmen andere Akteure die Bühne ein.

Zu Beginn des Stücks agieren zwei namenlose Gestalten, gespielt von Florian Anderer und Carol Schuler, auf einer Fläche, die weitgehend von einer Art Sägemehl bedeckt ist. Die beiden Gestalten, vielleicht Urformen des Menschen, tragen dabei unregelmäßig ausgestopfte Overalls, die ihnen eine deformierte Erscheinung geben.

Wortkarge Einlagen

Ohne Erklärung werden den Zuschauern wortkarge Slapstick-Einlagen geboten. Früh wird deutlich, dass es sich hier eher um einen wirren Fiebertraum als um eine stringente Aufführung handelt. Scheinbar sinnlos verrenkt sich die weibliche der beiden Gestalten auf einem Plastikstuhl, als fände sie keine bequeme Position. Ihr männlicher Gegenpart ergeht sich kurz darauf in Trommelspiel und unverständlichem Gesang, bevor beide albern über die Bühne tanzen. Das Ganze ist zwar lustig und kommt gut beim Publikum an, mit der antiken Sage scheint es jedoch wenig zu tun zu haben. Zumindest bis ein Monolog über die Besonderheiten verschiedener Getreidesorten aus der männlichen Gestalt hervorbricht.

Endlich glaubt man, einen Sinn durch die handlungs- und dialogarme Darbietung schimmern zu sehen. Wird hier etwa die Zivilisationsgeschichte des Menschen nacherzählt? Immerhin gilt der Feuerbringer Prometheus als Zivilisationsstifter. Gerade meint man, etwas Greifbares vor sich zu haben, da rinnt einem der Sinn auch schon wieder durch die Finger und die Slapstick-Einlagen beginnen von Neuem.

Ein Stück Zivilisationsgeschichte?

Wenig später wird die Handlung vom freien Bühnenraum in ein kleines Holzhaus verlegt. Wieder scheint sich Bedeutung herzustellen: Die Gestalten auf der Bühne werden häuslich, ebenso wie die frühen Menschen, die ihr Nomaden-Leben aufgaben, um Landwirtschaft zu betreiben.

Doch das ganze Stück ist eine Gratwanderung zwischen hermetisch verpackter Menschheitsgeschichte und irritierendem Nonsens. Das wird spätestens klar, als eine dritte Gestalt, gespielt von Axel Wandtke, auf der Bühne erscheint. Die Gestalt ist vollkommen von einer Art Teig bedeckt. Man glaubt, den ersten Menschen vor sich zu haben, den der Demiurg Prometheus mit eigenen Händen geformt haben soll. Erneut scheint sich ein sinnvoller Bezug zu offenbaren, da stellt sich die neue Gestalt plötzlich als Tennislegende Andre Agassi vor. Es folgt ein aberwitziger Monolog über die Facetten des Tennisspiels.

Gefesselte Gestalt

Erst im letzten Drittel des Stücks tritt, ganz in weiß gekleidet, Prometheus auf. Die drei Gestalten empfangen ihn demütig und erwarten, dass er ihnen das Feuer bringt. Als er seine Aufgabe jedoch nicht erfüllt, wird er von den Dreien kurzerhand mit Klebeband an der Wand fixiert und so, ähnlich wie der gefesselte Prometheus in den Dramen der Antike, handlungsunfähig gemacht.

Das Stück endet ohne Hinweise auf mögliche Deutungsarten und ist bis zum Schluss so verwirrend wie komisch. Doch gerade in der Verwirrung liegt die Stärke der Inszenierung, die in ihrem ständigen Changieren zwischen vollkommener Absurdität und surreal erzählter Menschheitsgeschichte noch lange nach Ende des Stücks Rätsel aufgibt.