Es ist der Alptraum aller Autofahrer: Dass eine kleine Unachtsamkeit den Tod eines Kindes verursachen könnte. Der Pathologe Kaveh Nariman (Amir Aghaei) fährt von der Nachtschicht in der Klinik nach Hause, als ein anderes Auto ihn so bedrängt, dass er ausweicht und dabei aus Versehen einen Motorradfahrer, der mit Frau und zwei Kindern unterwegs ist, zum Sturz bringt. Auf den ersten Blick ist nichts passiert. Das Motorrad hat etwas abbekommen, der Fahrer ist grantig, Frau und Kinder aber scheinen wohl auf. Nariman untersucht den neunjährigen Sohn, der eine Gehirnerschütterung haben könnte.
Er rät dem Vater Moosa (Navid Mohammadzadeh), in die Klinik zu fahren, um sicher zu gehen. Die Polizei rufen will er nicht, die könnte merken, dass seine Autoversicherung abgelaufen ist. Schließlich bietet er Moosa Geld an, das der zögerlich annimmt. Als Nariman zwei Tage später seinen Dienst in der Pathologie antritt, wird ihm die Leiche eines Neunjährigen gemeldet. Es ist Moosas Sohn. Es fährt ihm sichtlich in die Knochen: Könnte er, Nariman, an diesem Tod schuld sein?

Die Situation, von der der iranische Regisseur Vahid Jalilvand in seinem Film erzählt, ist universell. Kleine Gesten, die unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen, Schuldgefühle, die sich wie Geschwüre ausbreiten und zu irrationale Handlungen führen.
Eine Distanz, die den Zuschauer fordert
Doch wie Jalilvand davon erzählt, ist deutlich geprägt von iranischen Kinotradition, insbesondere der filmischen Handschrift seines Landsmanns Asghar Farhadi, der mit „Nader und Simin“ 2011 den Goldenen Bären auf der Berlinale gewann und ein Jahr später den Auslands-Oscar. Wie Farhadi folgt Jalilvand seinen Figuren wie ein neutraler Beobachter, mit viel Einfühlungsvermögen, aber auch immer mit einer gewissen Distanz, die den Zuschauer zum Abwägen herausfordert.
Meisterhaft gelingt es Jalilvand dabei, die Summe der kleinen, zunächst unwichtig scheinenden Dinge aufzuschlüsseln, die erst in Verkettung zum Unglück führen. Anders als von Nariman befürchtet, stellt sich bei der Autopsie des Neunjährigen heraus, dass dieser unter einer Fleischvergiftung litt und die Todesursache Botulismus ist.
Eine Feststellung, die wiederum Moosa, den Vater in Verzweiflung stürzt, denn er hat einem Bekannten Hühner abgekauft, die der als Ausschuss aus seiner Fabrik abgezwackt hatte. Auch für Moosa stellen sich nun die Fragen: Hätte er wissen müssen, dass das Fleisch verdorben ist? Dass der Verzehr zum Tod führen könnte?

Seine Frau kündigt ihm daraufhin die Trennung an. Was Moosa dazu treibt, den Mann, der ihm das Fleisch verkauft hat, zur Verantwortung ziehen zu wollen. Dass er schließlich im Gefängnis landet, veranlasst wiederum Nariman dazu, seinen Anteil am Verhängnis ans Licht bringen zu wollen. Könnte es nicht doch sein, dass die eigentliche Todesursache des Jungen eine beim Unfall erlittene Verletzung war?
Gesetze als Fallstricke
Obwohl die aufgeworfenen Fragen hochemotionale Bedeutung tragen, wird aus „Eine moralische Entscheidung“ nie ein Melodram. Im Gegenteil, Jalilvand inszeniert mit einer zügig voranschreitenden Eleganz, die jedes Suhlen im Gefühl unterbindet. Das ausdrucksstarke Spiel der beiden Hauptdarsteller, sowohl die stille, passive Gewissensqual bei Amir Aghaeis Nariman als auch das explosive, von Trauer gezeichnete Temperament von Navid Mohammadzadehs Moosa, steht dabei in Kontrast zur verlaufsorientierten Dramaturgie, bei der es wie im Krimi von Enthüllung zu Enthüllung geht.
Wie beiläufig rückt Jalilvand das größere gesellschaftliche Versagen in den Blick. Angefangen von der abgelaufenen Autoversicherung bis hin zum Gerichtsprozess, der über mildernde Umstände für Moosa bestimmen soll, erweisen sich genau die Gesetze und Institutionen, die das Leben doch ordnen und regeln sollen, als wahre Fallstricke.
Drama Iran 2019 103 min., von Vahid Jalilvand, mit Navid Mohammadzadeh, Amir Aghaei, Zakieh Behbahank


