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Irrlauf in den Abgrund: „Sunset“

In „Sunset“ erzählt der Ungar László Nemes vom Niedergang des Alten Europa. Das ist ästhetisch virtuos, aber doch allzu verrätselt.

Ìrisz (Juli Jakab) kommt 1913 in Budapest an, auf der Spur nach ihrer Familie. Aber alle möchten, dass sie so bald wie möglich wieder verschwindet.

Ìrisz (Juli Jakab) kommt 1913 in Budapest an, auf der Spur nach ihrer Familie. Aber alle möchten, dass sie so bald wie möglich wieder verschwindet.

Foto: MFA

Gleich zu Beginn probiert eine Frau in einem Hutladen mehrere Hüte aus. Voluminöse, prächtige Kreationen mit weit ausladenden Krempen und Hutnetzen, die der Dame zwar prächtig stehen, aber ihr Blickfeld auch enorm einschränken.

Bevor die Frau schließlich gesteht, dass sie mitnichten gekommen ist, um einen Hut zu kaufen, sondern weil sie hier eine Stelle antreten will, noch bevor damit ein sehr ungewöhnliches Porträt einer Frau im Jahre 1913 beginnt, die sich nicht in die Schranken weisen lassen will, sind diese Hüte schon ein kraftvolles Sinnbild dafür, dass Frauen damals gesellschaftlich nicht nur in ein Korsett gezwungen wurden, sondern von der Mode auch anderweitig gehindert wurden, einen Durchblick zu haben.

Vorgeschmack: Hier geht es zum Trailer des Films

Gleich zu Beginn gibt der Film „Sunset“ damit auch seine ungewöhnliche Ästhetik vor: Auch im Folgenden wird er stets einen eingeengten Tunnelblick haben, wird die virtuose Kamera von Mátyás Erdély durch Milchglas, Fensterscheiben, Spiegel oder eben Hutkrempen blicken. Und immer nur einen Teil des Geschehens abbilden.

Ästhetik des Weg- und doch Durchschauens

Gleich mit seinem Debütfilm „Son of Saul“ ist dem ungarischen Regisseur László Nemes 2015 ein Sensationserfolg gelungen. Hier hat er diese Tunnelblick-Ästhetik (ebenfalls mit Erdély) erstmals eingesetzt, um ein Holocaust-Drama zu erzählen: vom unbändigen Überlebenswillen eines KZ-Insassen, der das Grauen so weit wie möglich ausblendet, indem er wegschaut.

Die Kamera tat es ihm gleich, während die Geräuschkulisse um ihn herum durchaus ahnen ließ, welche Gräuel geschehen. Das im Grunde Unzeigbare wurde so vielleicht eindringlicher inszeniert, als wenn man es direkt abgebildet hätte: weil das Grauen im Kopf des Zuschauers entstand. Mit dieser virtuosen Ästhetik ging „Son of Saul“ um die Welt und gewann den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Eine Frau, die sich nicht abweisen lässt

Mit „Sunset“ führt Nemes nun drei Jahre später seinen Stil fort, wenn auch für eine etwas konventionellere Geschichte. Die junge Ungarin Írisz Leiter (Juli Jakab) reist 1913 von Wien, wo sie in einem Waisenhaus aufwuchs, nach Budapest und will in jenem Hutsalon arbeiten, der einst ihren Eltern gehörte, bevor sie auf rätselhafte Weise gestorben sind.

Der neue Leiter des Salons will nichts davon wissen und lässt sie zurück zum Bahnhof bringen. Die 21-Jährige aber lässt sich nicht abweisen, lässt ihre Koffer stehen, kehrt zurück und platzt mitten in die Jubiläumsfeier des Salons. Nach und nach erfährt sie, dass sie einen Bruder hat, der ebenfalls in dem Salon gearbeitet hat, dann aber einen Baron auf grausame Weise getötet haben soll und nun überhaupt an umstürzlerischen Aktivitäten beteiligt sein soll.

Die junge Frau irrt wie im Fiebertraum durch das Budapest jener Zeit, ein ethnischer Schmelztiegel im noch kaiserlich-königlichen Reich. Sie irrt wie durch ein Labyrinth bis in höchste Kreise, und überall geschehen Dinge, die sie nicht versteht, auch nicht verstehen soll. Denn neben dem eingeschränkten Blick sind es immer wieder Männer, die die Frau wegschicken, abdrängen, aus der Spur bringen. Nur bleibt die Dame standhaft und kehrt stets zurück.

Auch der Zuschauer blickt nie ganz durch

Es ist erst einmal spannend, wenn ein Regisseur sich nicht für die klassische Opulenz von Kostümfilmen interessiert und all die aufwändige Ausstattung und Massenstatisterie nur verschwommen im Hintergrund andeutet. Aber so virtuos das auch aufgenommen ist, nutzt sich dieser Blick in den zweieinhalb Stunden Film doch ein wenig ab. Zumal auch der Zuschauer nie ganz durchblickt, was da vor sich geht.

Natürlich kann man viele Parallelen ziehen aus dem Niedergang des k.k.-Reiches mit seinen aggressiven nationalistischen Strömungen kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in den dieser Film zwangsweise führt, auf den heutigen Zustand von Europa. Nemes wurde auch nicht müde, dies in Interviews zum Film zu betonen. Die Geschichte seines Films bleibt aber doch zu vage und zu fiktiv, um wirklich ein Sitten-, ein Zeitbild zu generieren. Und seine revolutionäre Ästhetik droht dabei ein bisschen zum Selbstzweck, wenn nicht zur Masche zu verkommen. Die Botschaft aber ist klar, sie wird uns ständig vor die Nase gehalten: Sei auf der Hut.

Drama Ungarn/ Frankreich 2019 142 min., von László Nemes, mit Juli Jakab, Vlad Ivanov, Evelin Dobos