Neuer Chefdirigent

Christoph Eschenbach will auf seine Musiker hören

Setzt auf die Tradition am Gendarmenmarkt: Der 79-jährige Christoph Eschenbach wird Chefdirigent des Konzerthausorchesters.

Dirigent Christoph Eschenbach

Dirigent Christoph Eschenbach

Foto: Foto: Luca Piva

Christoph Eschenbach schlendert, schwarz gekleidet, geräuschlos in die Hotelhalle. Zum mondänen Stil des Luxushotels im Bezirk Grunewald ist der leise Auftritt des 79-Jährigen ein bemerkenswerter Gegensatz. Dass der künftige Konzerthaus-Chefdirigent in einer Herberge im Südwesten Berlins unterkommt, wird sich wohl nicht mehr oft wiederholen, denn von Eschenbachs künftig regelmäßigen Arbeitsort am Gendarmenmarkt ist der Grunewald denkbar weit entfernt. Die Berliner Vergangenheit des eingefleischten Norddeutschen ist ja eine andere: Er dirigierte in den letzten Jahrzehnten vor allem im Westen Berlins, bei den Berliner Philharmonikern und dem Deutschen Symphonie-Orchester.

Der einstige Pianist und Mitgründer des Schleswig-Holstein Musik Festivals ist international als Stardirigent immer noch voll im Geschäft. Klavier hat er schon seit zwei Jahren nicht mehr gespielt – Finger gebrochen. „Es war ein Betriebsunfall“, erläutert Eschenbach in seiner trockenen norddeutschen Art. „Bei einem Fortissimo-Einsatz bin ich von unten an einem ungewöhnlich scheußlichen runden Dirigentenpult aus Eisen hängengeblieben.“ Jetzt sei alles wieder gut, Eschenbach fängt wieder an zu üben – schließlich hat er im Konzerthaus in der kommenden Saison auch einige Termine als Kammermusiker und Liedbegleiter. Dass er dabei auch seinen langjährigen Liedpartner, den bekannten Bariton Matthias Goerne begleiten wird, ist zu hoffen. Die kommende Saison jedenfalls ist auf Eschenbachs Vorlieben und Fähigkeiten zugeschnitten.

Am Anfang stand das Schleswig-Holstein Musik Festival

Mit fast 80 Jahren ein neuer Chefdirigenten-Job – da mag in der internationalen Klassikszene so mancher die Stirn gerunzelt haben. Doch Sebastian Nordmann war sich unumstößlich sicher, dass Eschenbach der richtige dafür sei. Schließlich kennt der Intendant des Konzerthauses Eschenbach noch aus der Gründungsphase des Schleswig-Holstein

Musik Festivals – Nordmann begann dort in den späten 1980er-Jahren als Praktikant, sein Heimatdorf Eutin lag nicht weit von Christoph Eschenbachs damaligen Wohnsitz entfernt. Man ist vertraut, weiß von den künstlerischen Prioritäten des jeweils Anderen.

„Sebastian hat mich zuerst in Washington besucht in dieser Angelegenheit und dann in Paris, wo ich auch lebe, und er hatte es dann gar nicht so schwer, mich zu überreden.“ Schließlich, da ist Eschenbach überzeugt, sei das Konzerthausorchester ein ungewöhnliches Orchester, nicht zuletzt wegen der großen Tradition – wobei er nicht ausschließlich an Kurt Sanderling denkt, jenen Dirigenten, der das damalige Berliner Sinfonie-Orchester seit 1960 prägte.

Ein Haus mit langer Tradition

Nein, Eschenbach denkt auch an die lange Geschichte des Gebäudes als Berliner Schauspielhaus. Immerhin sei hier 1821 Webers Oper „Der Freischütz“ uraufgeführt worden. Und eine problematische, widerspruchsvolle, aber künstlerisch nicht weniger interessante Zeit kommt Eschenbach ebenfalls in den Sinn: die Ära des Gustaf Gründgens, der hier, vom Nazi Hermann Göring protegiert, in den 1930er-Jahren seinen legendären Mephisto kreierte.

Dass es Eschenbach aber vor allem um jene Tradition geht, die Kurt Sanderling mit dem Orchester aufbaute, scheint ihm fast selbstverständlich. „Der hat dort ja diesen berühmten ersten deutschen Schostakowitsch-Zyklus veranstaltet. Das übernehme ich gewissermaßen, denn auch ich werde einen Schostakowitsch-Zyklus leiten.“ Christoph Eschenbachs zentrale künstlerische Aufgabe am Konzerthaus in der kommenden Zeit ist damit umrissen.

Karajan nannte ihn einen Orchester-Architekten

Aufbauen, weiterbauen, das Orchester entwickeln von seiner eigenen Kernvorstellung aus – das ist für Christoph Eschenbach das Geschäft eines Chefdirigenten. So sah er es bei seiner ersten Chefstelle bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz 1979 – einem ehrgeizigen Klangkörper, den er um 30 Planstellen aufstocken konnte – und auch später beim finanziell klammen Houston Symphony in Texas, für das der Dirigent als Fundraiser in den USA 41 Millionen Dollar auftreiben konnte, wie er heute noch stolz berichtet. Zuvor hatte ihm sein Mentor Herbert von Karajan in seiner forschen Art ins Gewissen geredet – der Maestro war unwirsch, als er hörte, dass Eschenbach eine weitere Chefdirigentenstelle in Zürich einfach aufgegeben hatte. Dass der gerade mal 40-Jährige sich habe „anders orientieren wollen“, habe der alte Karajan damals nicht gelten gelassen. „Sie haben einen Fehler gemacht“, habe Karajan damals gesagt. „Ich kenne Sie. Sie sind ein Aufbauer, Sie sind ein Architekt.“ Eschenbach nahm den Rat an und ging nach Houston.

Das Vorbild Karajan ist ihm geblieben, auch in der konkreten künstlerischen Arbeit mit Orchestern. Schließlich habe sich der mit seinen Philharmonikern, entgegen der heutigen kollektiven Erinnerung der Kulturszene, über Jahrzehnte bestens verstanden. Eventuell stammt auch Eschenbachs eigenes Credo aus der Zeit mit Karajan: „Ich finde, man sollte als Dirigent seine musikalische Auffassung immer so breit anlegen, dass man die Ideen von Musikern, die während der Probenarbeit aufleuchten, einbauen kann. Das mögen die Musiker sehr gern.“ Nichts ist ihm, sagt Eschenbach, wichtiger, als dass die Chemie zwischen ihm und dem Konzerthausorchester von Anfang an stimmt.