Erst spirituelles Medium, dann animalische Virtuosin: Gleich zwei Hélène Grimauds sind diesmal in der Philharmonie zu erleben. Doch erstaunlich ist das nicht. Zumindest nicht für die zahlreich erschienenen Grimaud-Fans, die sich gründlich mit dem Leben der französischen Pianistin beschäftigt haben. Denn Hélène Grimaud – das muss man sich klar machen – ist viel mehr als nur eine Pianistin. Sie ist auch Expertin für Wölfe und Verfasserin mehrerer autobiographischer Bücher.

Bücher, in denen sie ihr Innerstes preisgibt. Bücher, in denen sie sich aber auch grundsätzliche Gedanken über Mensch und Natur macht, über das Glück und die Vergänglichkeit. Und Hélène Grimaud wäre nicht Hélène Grimaud, wenn sie all diese Erfahrungen und Erkenntnisse nicht auch in ihr Klavierspiel einfließen lassen würde.

Spätromantische Traumreise mit Tälern und Hügeln

Der Nachteil dabei: Grimauds eigene Person steht zuweilen in Konflikt mit der Musik und den Komponisten. Da ist zum Beispiel Claude Debussy, der nun in der ersten Konzerthälfte das Nachsehen hat. Weil Grimaud dort vor allem eine spätromantische Traumreise vorschwebt, mit beschaulichen Tälern und dramatisch aufgebauschten Hügeln. Und weil diese dramatisch aufgebauschten Hügel ausgerechnet auf Claude Debussys „Arabeske Nr. 1“ fallen.

Aber auch Chopins intimes e-Moll-Nocturne op. 72 hört man jetzt, wie man es sonst wohl von keinem anderen Pianisten hört: mit viel Wucht, Gewicht und rauschendem Pedal – und einer sehr dominanten Linken, die Grimauds schwächere rechte Hand ein ums andere Mal in Bedrängnis bringt. Doch das sind schon die aufregendsten Momente in dieser ersten Konzerthälfte, die man auch als „Memory“-Konzerthälfte bezeichnen könnte.

Ansammlung atmosphärischer Zugaben-Stücke

So heißt nämlich Grimauds aktuelles Album – eine Ansammlung atmosphärischer Zugaben-Stücke, die Grimaud in Auszügen jetzt auch in Berlin spielt. Zugaben-Stücke, die beim Publikum über weite Strecken Flow- und Trance-Zustände erzeugen. Zärtlich aus den Tasten gestreichelt die Bagatelle op. 1 Nr. 1 von Valentin Silvestrov, Ruhe und Besinnlichkeit durchströmen die vier Stückchen von Eric Satie. Das Besondere: Grimaud gönnt sich und dem Publikum keine Pause, sie spielt und spielt und spielt – bis die Zuhörer sich ihr willenlos ergeben haben.

Und nach der Pause? Da kommt die zweite Hélène Grimaud. Die animalische Virtuosin, die sich kopfüber in Robert Schumanns „Kreisleriana“-Zyklus stürzt. Doch bei aller Hyperexpressivität und Triebhaftigkeit, bei aller Risikobereitschaft und Explosivität: Grimauds reiche, jahrzehntelange Erfahrung mit der „Kreisleriana“ ist in jedem Takt spürbar. Wichtig auch: Schumanns Fieber- und Albtraum-Fantasien scheinen gar nicht weit entfernt von Grimauds eigener Gefühlswelt zu liegen. Schumann wirkt bereits hier wie ein Halbwahnsinniger, verstrickt im Kampf mit den inneren Dämonen – nicht zuletzt, weil Grimaud so kompromisslos für diese Musik brennt.