Am Ende sitzt Edith Piaf wie ein Häufchen Elend im Rollstuhl. Zerstört von Alkohol, Morphium und vom Krebs. An ihrer Seite nicht ganz so strahlend wie sonst Marlene Dietrich. Eigentlich hatte sie der Piaf die Freundschaft gekündigt, weil die nicht mehr zu retten war. Unbelehrbar. Undiszipliniert. Tragisch. Ganz das Gegenteil der preußischen Dietrich.
Die Geschichte der beiden Frauen beginnt 1947 irgendwo in New York. In Frankreich ist die Piaf längst ein Star. Nun will der „Spatz von Paris“ auch Amerika erobern. Der 15 Jahre älteren Dietrich ist das längst gelungen. Ihr Durchbruch als Femme fatale Lola in Josef von Sternbergs Film „Der blaue Engel“ liegt fast zwei Jahrzehnte zurück. Jetzt will die Dietrich der Piaf zum Erfolg verhelfen. Vorher aber ziehen die beiden Frauen um die Häuser. Betrinken sich. Und landen am Ende der Nacht vielleicht sogar miteinander im Bett.
Daniel Große Boymann und Thomas Kahry erzählen in „Spatz und Engel“ nicht einfach von der Freundschaft der Ausnahmekünstlerinnen. Sie fragen sich auch, ob die beiden eine Liebesbeziehung hatten. Dass sie tatsächlich befreundet waren, ist bekannt. Wie tief diese Beziehung ging, allerdings nicht. Daher ist das Theaterstück mit Musik eine reizvolle Spekulation. Nun von Regisseur Torsten Fischer im Renaissance-Theater bemerkenswert in Szene gesetzt und bei der Premiere zu Recht begeistert gefeiert.
Anika Mauer gibt von Kopf bis Fuß die Bürgerstochter
Das Bühnenbild ist so schlicht wie genial: Ein riesiger kippbarer Spiegel, der nicht nur das Ensemble aus ungewohnter Perspektive zeigt, sondern auch das Publikum. Davor entspinnt sich in einer großen Rückblende von den Sechzigern zurück zur ersten Begegnung eine vertraute und äußerst spannungsgeladene Beziehung. Musikalisch begleitet von Harry Ermer am Flügel und Eugen Schwabauer am Akkordeon.
Anika Mauer spielt die Dietrich spröde und kühl, aber auch fürsorglich. Von Kopf bis Fuß ganz die Bürgerstochter. Mit blonden Wasserwellen und fast zurückhaltendem Gesang, der dennoch rührt. Wie bei ihrem Antikriegslied „Sag mir, wo die Blumen sind“.
Größer könnte der Gegensatz kaum sein als zum Gossenkind Piaf. Vasiliki Roussi verkörpert die Piaf mit ungeheurem Furor bereits seit 2012 an verschiedenen Bühnen. Ihr Spatz ist exzessiv. Mit einer unflätigen Sprache, melodramatischen Liebesaffären, dem ungebremsten Hang zur Sucht. Von Lied zu Lied hinfälliger, blasser, dunkler umschattet.
Roussis Timbre erinnert an die Piaf, deren legendäre Chansons sie wunderbar interpretiert. „Mylord“, „Non, je ne regrette rien“ und „La vie en rose“. Letzteres hat sie Marlene Dietrich geschenkt. Und doch bleibt es auf ewig ein Piaf-Song.
Eine Revue mit 22 Liedern in anderthalb Stunden
Der Abend ist weniger Schauspiel, als vielmehr eine Revue mit 22 Liedern in anderthalb Stunden und kurzen Spielszenen. Die genügen vollkommen, um die Freundschaft der großen Künstlerinnen intensiv auszumalen. Ralph Morgenstern und Guntbert Warns schlüpfen dazu in alle Herrenrollen. Oft genug vortrefflich komisch, doch stets im Schatten zweier unsterblicher Göttinnen.
Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg, Tel. 312 42 02, 18.-21., 25., 26., 29.6., 5., 6., 11., 12.7., um 20 Uhr 30.6. 7., 13. 14.7. um 18 Uhr


