Es ist 22.30 Uhr, immer mehr Leute treffen sich im Rang zwischen den Sitzblöcken um zu tanzen. Sie entstammen zwei Generationen: vom aufgedrehten Rentner-Paar über zerknitterte Freaks mit Sonnenbrille bis zu Jungs in weißen Sakkos mit Nelken am Revers ist alles dabei. Bryan Ferry hat es geschafft, das sterile Tempodrom in einen verschwitzen Nachtclub zu verwandeln.
Der erste Berliner Sonnenbrandtag mag ihm dabei unter die Arme gegriffen haben, doch das allein ist es nicht. „Love is the Drug“ knallt seine neunköpfige Band ins Rund, und in diesem Song ist Ferry ganz bei sich. Es geht um Liebe und Sex als Drogen und um Musik als ihr belebendes Elexir. Eine schönere Oberflächenmusik ist schwer vorstellbar. Genau die betreibt der Brite auch nach 48 Jahren im Geschäft noch immer mit maximalem Charme und Stil.
Dem Handyhochhalte-Barometer nach zu urteilen sind die meisten Gäste gekommen um Ferrys Kuschel-Dandy-Phase der 1980er Jahre zu feiern. Das wird mit ihrer eigenen Biografie zu tun haben, mit der Liebe zur Erinnerung. Ferry aber liefert erstmal drei Songs von Roxy Music ab, die in ihrer Frühphase eine der einflussreichsten Bands zwischen den psychedelischen 60ern und den punkigen Spät-70ern waren. Eines dieser wichtigen Scharniere der Popgeschichte.
Nach dem Weggang des anderen Mitgründers Brian Eno hat Ferry die Band immer mehr zu einer Art Lifestyle-Produkt gemacht. Auch seine Soloalben arbeiten konsequent daran, keine störenden Kanten zu haben. Dass aus solchem Geist trotzdem Meisterwerke entstehen können, beweisen die Alben „Avalon“ und „Boys & Girls“. Letzters spielt Ferry in einer Version, die viele von seinem Auftritt in der TV-Serie „Babyblon Berlin“ kennen. Das gibt Sonderapplaus.
Die Songs haben nichts von ihrer stilisierten Unterkühltheit verloren. Doch treiben Ferry und Band sie an, also wollten sie sie aus einem jahrzehntealten Halbschlaf rütteln. Das ist vor allem Gitarren-Legende Chris Spedding zu verdanken, und Jorja Chalmers am Saxophon, die so 80er-mäßig wies nur geht – mit High Heels und im kleinen Schwarzen – den ergrauten Herren auf der Bühne den Soul um die Ohren haut.
Ferry selbst wirkt in nur wenigen Momenten wie die 73, die er an Jahren zählt. Er schwingt die Hüften, wippt in den Knien, reckt immer wieder die Arme zum Dank in die Luft. In seinem natürlich makellosen dunkelblauen Anzug, mit Hemd und Krawatte, sieht er manchmal aus wie ein altgedienter Kunstlehrer auf Urlaub. Dann wieder grinst er so schelmisch seine Chor-Sänger an, dass er glatt für 25 durchgehen könnte.
Wer also gekommen ist, in gepflegtem Ambiente den Opa des Cool zu erleben, hat die Rechnung ohne Bryan Ferry gemacht. Immer wenn das Set in softe Sofa-Musik abzurutschen droht, wird einfach ein Gang hochgeschaltet. „Let's stick together“ von Wilbert Harrison kommt hart und knackig, Bob Dylans „A Hard Rain's A-Gonna Fall“ rauscht als Bluesrocker von der Seite rein, und „If there's something“ klingt wie Surfmusik aus einer Stadt, in der es keinen Strand gibt.
Ferry klatscht in die Hände, tänzelt auf der Stelle: ein Boxer, der noch immer Lust hat auf Gewinnen. Zum Abschied wirft er mit großen Gesten Kusshände. Als Antwort fliegt eine Rose auf die Bühne. Die Tanzenden auf den Rängen sind noch mehr geworden. Sie freuen sich sehr.


