Neu im Kino

Allein im All mit Robert Pattinson

Die Autorenfilmerin Claire Denis räsoniert in ihrem späten Science-Fiction-Film „High Life“ philosophische Fragen über das Menschsein.

Die letzten Überlebenden auf dem Raumschiff:  Monte (Robert Pattinson) und seine kleine Tochter (Mikolaj Gruss).

Die letzten Überlebenden auf dem Raumschiff: Monte (Robert Pattinson) und seine kleine Tochter (Mikolaj Gruss).

Foto: Pandora

Das Thema durchzieht den Science-Fiction-Film in ähnlicher Weise wie das Bild eines sich langsam durchs Weltall schiebenden Raumschiffs: Was unterscheidet wohl die menschliche Spezies von den Aliens? Eine mögliche Antwort darauf gibt Regisseurin Claire Denis gleich mit den ersten Szenen ihres Films „High Life“.

Darin sieht man den Astronauten Monte (Robert Pattinson), wie er im Raumanzug von außen an seinem Schiff herumschraubt und dabei über das im Helm eingebaute Mikrophon besänftigend auf ein kleines Kind einredet.

Das steht in einem Gitterbettchen im Innern des Raumschiffs vor riesigen Monitoren und äußert sein Unwohlsein in stotternden Lauten. Monte redet dem Mädchen gut zu, aber als sie zu weinen anfängt, muss er die Arbeit unterbrechen. Aus Versehen fällt ihm das Werkzeug aus der Hand und ins All. Genau diese Reaktion ist es, die unter anderem den Menschen ausmacht: Er kann es nicht ertragen, wenn Kinder weinen.

Philosophisches mit einem Teenie-Idol

Claire Denis hat sich mit mal sperrigen („White Material“), mal gefälligeren („Meine schöne innere Stimme“) Autorenfilmen einen Namen gemacht, die stets subtil den Macht- und Geschlechterverhältnissen nachgingen. Dass die 73-jährige Französin für ihr Spätwerk noch im populären Sci-Fi-Genre arbeitet, noch dazu mit einem Teenie-Idol wie Robert Pattinson – das ließ so manchen Kenner im Vorfeld die Stirn runzeln.

Tatsächlich könnte man am Anfang von „High Life“ fast vergessen, dass dies ein Science-Fiction-Film ist, der in einem Raumschiff spielt. Monte, wie er sich um seine kleine Tochter kümmert, sie füttert, tröstet, badet, das könnte auch ein irgendwo abgelegen lebender alleinerziehender Vater auf der Erde sein.

Allein seine etwas kryptischen Sätze weisen auf anderes hin. Von „unserer Mission“ spricht er da und meint eine Vergangenheit, in der das „Wir“ mehr umschloss als ihn und das Kind. Nach und nach holt der Film mit Szenen ein, was sich hier abgespielt hat.

Später Nachfolger von Kubricks „2001“

Spätestens da erweist sich „High Life“ als später Nachfolger von Stanley Kubricks „2001“: ein Science-Fiction, der seine imaginierte Zukunft so konsequent aus den Fragen unserer Gegenwart heraus baut, dass ein Essay-Film über die menschliche Existenz entsteht.

Monte, so erschließt es sich langsam, war Teil einer Mission, die zum nächsten „Schwarzen Loch“ fliegen sollte, um dessen Potential für Energiegewinnung zu erkunden. Die Besatzung des Schiffs bestand aus vorwiegend kriminellen Jugendlichen, denen man für die Mission Straferlass ankündigte. Was eine Lüge war: Schon vor dem Start ging man davon aus, dass sie nicht zurückkehren würden. Die Jugendlichen werden über Medikamente von Dr. Dibs (Juliette Binoche) kontrolliert, die sie zudem für allerlei Fruchtbarkeitsexperimenten ausbeutet.

Lars Eidinger ist kurz als Pilot zu sehen, der die Strahlung des Weltalls nur schlecht verträgt. Ohne ihn aber besteht erst recht keine Aussicht mehr, es durch das Schwarze Loch zu schaffen. Die Stimmung im Raumschiff wechselt von gelähmter Depression zu explodierender Aggressivität.

Gegengift zu „Star Wars“-Lichtschwertern

Der Zuschauer weiß von Anfang an, dass bis auf Monte und dessen Baby alle irgendwie umkommen. Einzig das Wie muss Claire Denis enthüllen.

„High Life“ ist eine Art Gegengift zu „Star Wars“ und dergleichen: Statt Laserschwertern, Außerirdischen und Actionszenen dreht sich alles um das Rätsel Mensch, und darum, was Isolation und Einsamkeit aus ihm machen.

Was nicht bedeutet, dass es ohne Spannung zugeht, ganz im Gegenteil. Das Zickzack aus Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, in dem Denis die Handlung aufschließt, hat eine Art hypnotische Wirkung, weil kaum etwas ausgesprochen, sondern alles gezeigt wird. Am Ende hat man als Zuschauer mehr Fragen als Antworten im Kopf, was einer echten Bereicherung gleichkommt.

Sci-Fi D/F / GB /PL 2019 113 min., von Claire Denis, mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, André Benjamin, Lars Eidinger