Für die Schauspielerin ist es eine Rückkehr an die Volksbühne. In der Premiere von Frank Wedekinds „Lulu“ wird Lilith Stangenberg am Donnerstag in der Titelrolle zu erleben sein. „Ich liebe kein Theater so wie dieses“, sagt die gebürtige Kreuzbergerin über die Volksbühne. Ab 2012 gehörte sie zum Ensemble von Frank Castorf, mit seinem Vertragsende ging auch sie, spielte anderswo Theater und drehte Filme. Inzwischen ist Castorfs Nachfolger Chris Dercon wieder weg, das Haus schwebt im Übergang. „Ich hatte etwas Bammel wiederzukommen“, gibt Lilith Stangenberg zu: „Man wurde hier ja rausgeworfen, war nicht mehr gewollt. Die Politik wollte uns nicht mehr, sondern lieber eine Art Mainstreamkultur.“ Die alte Volksbühne unter Castorf beschreibt sie als „einen utopischen Raum, weil Freiheit und Radikalität gegenüber jedem Mittelmaß im Raum war. Das habe ich nirgends woanders wiedergefunden habe.“
Stefan Pucher macht jetzt die Regie, die Schauspielerin betont, dass beide ähnliche Ansichten über das Stück und die Figur haben. „Wenn man 2019 diese Lulu macht, dann muss man sie mit einer anderen Intelligenz und Sprache ausstatten“, sagt sie: „Wir haben Texte der französischen Feministin Virginie Despentes als zweite Stimme zu Wedekind hinzugenommen. Die hilft einem, eine zweite Brille aufzusetzen und Wedekind anders zu lesen. Wenn Lulu bei Wedekind am Anfang gemalt wird, sagt sie, malen sie mir die Lippen bitte geöffnet. Man denkt sofort an einen Akt der Verführung. Aber durch die Despentes-Brille gelesen, lässt sich die Lulu den Mund nicht verbieten.“
Die Volksbühne geht auch auf die MeToo-Debatte ein
Die Rezeptionsgeschichte des Wedekind-Stoffes ist von Zensur und Skandalen geprägt. Die Figur findet sich in Stumm- und Tonfilmen wieder, die Oper von Alban Berg gehört zum Kanon. „Die Lulu gilt immer als Projektionsfläche für männliche Fantasien, als Objekt der männlichen Begierde“, sagt Lilith Stangenberg. „Sie wechselt ja wie ein Chamäleon ihre Identitäten, nimmt die Rollen an, die die jeweiligen Männer ihr zuschreiben. Es bleibt dann aber in eine Art Spiel. Lulu ist keine dämonische, mörderische Kreatur. Sie bleibt eigentlich unschuldig, die Männer zerbrechen von selbst an ihr, an ihren eigenen Illusionen.“
Lulu sei auch deshalb so geworden, weil die Gesellschaft der Frau bestimmte Rollen aufzwänge. Aber eine Frau müsse alles sein dürfen, sagt die 30-Jährige: „Nicht nur begehrenswert, sondern auch selbst begehren dürfen!“ Für sie sei Lulu eine radikale Verkörperung der weiblichen Lust. Frank Wedekind lege einen Befreiungsschlag für die Frau hin. Und dann beschreibt Lilith Stangenberg eine typische Situation auf einem Spielplatz. „Wenn ich Jungs sehe, die einen Wutanfall bekommen und um sich schlagen, dann heißt es, ach ja, die müssen das rauslassen. Bei Mädchen wird sofort gesagt, sei nicht so laut, sei brav, sei hübsch. Man darf als Frau nicht aus dem Rahmen fallen, das lernt man sehr früh. Auch darum geht es bei Lulu.“
Seit dem 19. Jahrhundert hat sich nicht viel verändert
In der Volksbühnen-Werbung ist von „toxischer Männlichkeit“, Harvey Weinsteins Verurteilung und MeToo die Rede. „Wedekind hat eine patriarchalische Gesellschaft analysiert, es geht um die Beziehung zwischen Mann und Frau, Vater und Tochter“, sagt Lilith Stangenberg. „Die MeToo-Debatte lässt eine Wunde aufplatzen, denn es bedeutet, dass sich seit dem 19. Jahrhundert nicht viel verändert hat.“
Dennoch steht die Schauspielerin der aktuellen Diskussion zwiespältig gegenüber. „Die MeToo-Debatte ist richtig, aber sie macht mir auch Angst, weil so ein Puritanismus in unsere Kultur einzieht. Political Correctnes bedeutet das Ende des Theaters. Der Finger muss in die Wunde gelegt werden. Mittelmaß ist die Pest.“
Lilith Stangenberg hatte ihre Karriere am P14 Jugendtheater der Volksbühne begonnen und wurde sofort ans Schauspielhaus Zürich und nach Hannover engagiert. Sie begann, sich in Film und Fernsehen einen Namen zu machen. In Nicolette Krebitz’ Spielfilm „Wild“ spielt sie eine junge Frau spielt, die eine Beziehung zu einem Wolf eingeht. Die Rolle hat ihr mehrere Filmpreise eingebracht. „Das war ein Glücksfall. Ansonsten sind die Frauenrollen relativ überschaubar“, sagt sie: „Ich glaube, das deutsche Kino steckt in der Krise. Auch wenn es immer wieder überraschende Filme gibt.“
Fast jeden Tag schaut sie sich einen Kinofilm an
Bleibt die Frage, lieber Theater oder Film? „Am Anfang kam es mir wie zwei völlig verschiedene Berufe vor. Wenn man fürs Kino arbeitet, werden das Gesicht und die Augen zur Bühne. Die Kamera erzeugt eine große Intimität, die muss man als Schauspieler auch mögen.“ Sie liebe beides, sagt sie, und bezeichnet sich als Cineast, der sich fast jeden Tag einen Kinofilm anschaue. „Ich habe einen Beamer zuhause. Momentan stehe ich auf japanische Krimis, Samuraifilme und das Horrorgenre.“


