Literatur

Wem gehört Franz Kafka?

| Lesedauer: 6 Minuten
Martin Nejezchleba
„Was habe ich mit den Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam“, schrieb Kafka in sein Tagebuch.

„Was habe ich mit den Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam“, schrieb Kafka in sein Tagebuch.

Foto: Culture Club / Getty Images

Lange wurde vor Gericht um das Erbe des Schriftstellers gerungen. Ein Teil des Nachlasses ging in Berlin an Israel.

Berlin. Das Siegel mit der Aufschrift „Bundeskriminalamt“ ist frisch durchtrennt. Der Deckel der großen, silbernen Truhe steht offen, daneben zwei Metallkoffer. Vieles in der Residenz des israelischen Botschafters in Berlin unterstreicht die Bedeutung der Kisten. Da sind die Ehrengäste in der ersten Reihe: die ehemalige First-Lady Daniela Schadt, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Rainer Haseloff. Und da ist das Pathos in den Worten des Botschafters. Jeremy Issacharoff spricht von einem „Akt historischer Gerechtigkeit“. „Der Schatz kehrt heim!“, wird die israelische Botschaft später auf Facebook schreiben.

Der Schatz, das sind Manuskripte, Bücher, Briefe, Notizen und Fotografien von Max Brod. Jenes Prager Schriftstellers, der Franz Kafkas literarisches Werk in die Nachwelt gerettet hat. An die 5000 Dokumente aus dem privaten Archiv des 1968 in Tel Aviv verstorbenen Nachlassverwalters von Kafka. Ein Pfund für die Literaturwissenschaft. Aber Anlass für einen Staatsempfang?

Der Kontext macht die Bedeutung. Die Übergabe am Dienstagabend in Berlin ist das vorerst letzte Kapitel in einem Prozess, den kaum ein Wort besser beschreibt als dieses: kafkaesk. Jahrzehntelang haben sich Gerichte in Israel, Deutschland und der Schweiz mit der Frage beschäftigt: Wem gehört Kafka? Wer hat das Erbrecht auf den Nachlass eines jüdischen Autors, der in Prag lebte und auf Deutsch schrieb. Ein Autor, der verfügte, seinen Nachlass zu verbrennen, dessen letzter Wunsch von Max Brod missachtet wurde, der wiederum diesen Nachlass seiner Sekretärin vermachte, deren Familie ihn einer öffentlichen Institution übergeben sollte und die dann den letzten Wunsch des Nachlassverwalters missachtete.

Brods Kafka-Archiv gehört in die Nationalbibliothek in Jerusalem. So haben es Gerichte entschieden. Dass sich nun der letzte Teil auf den Weg dorthin machen kann, hat mit einem Kunstfälscherring und dem Arbeitsweg des BKA-Vizepräsidenten zu tun.

Der Literaturschatz im Fälscherlager

Seit Ende 2012 ermittelte das BKA in einem internationalen Betrugsfall. Kunsthändler aus Israel und Deutschland haben über Galerien und Auktionshäuser gefälschte Gemälde der russischen Avantgarde verkauft. Bald geriet die Lagerhalle eines Umzugsunternehmens in Wiesbaden ins Visier der Ermittler, nicht weit von der BKA-Zentrale entfernt. „Ich hatte die Täter fest im Blick“, sagt der BKA-Vizepräsident Peter Henzler. Er sei täglich auf dem Weg ins Präsidium an der Halle vorbeigefahren.

Im Juni 2013 schlug das BKA zu, über Stunden durchsuchten Beamte die Halle, stellten mehr als 1800 Gemälde fest. Kandinsky, Jawlensky, Chagall. Dazwischen Trödel, alte Schriftstücke – und Koffer voller vergilbter Dokumente.

„Es hat einige Monate gedauert, bis wir uns mit den Dokumenten beschäftigten konnten“, sagt ein Ermittler. Zunächst arbeitete er mit Kollegen in Deutschland, Spanien und Israel daran, die Gemälde auszuwerten. Erst danach untersuchte das BKA den Inhalt der Koffer. „Die Dokumente waren die einzigen Unterlagen, bei denen wir zweifelsfrei die Echtheit festgestellt haben“, so der Ermittler. Jene 5000 Dokumente, die in der vergangenen Woche an Israel übergeben wurden, waren ein Zufallsfund. Darunter: Brods Pass, unveröffentlichte Tagebücher und frühe Korrespondenz mit seiner Frau, die Aufschluss über Kafkas Leben und die Freundschaft der beiden Schriftsteller geben könnten. Eine Postkarte ist auch dabei. Sie trägt die Originalunterschrift von Kafka.

Das BKA vereitelte den Verkauf des Brod-Nachlasses

Im Juni 2013 sollte es zu einem Treffen zwischen Mitarbeitern des Deutschen Literaturarchiv Marbach und einem Israeli kommen. Alte Unterlagen von Brod standen zum Verkauf. Das Treffen fand nie statt. Vermutlich weil die Hehlerware unterdessen in Wiesbaden beschlagnahmt wurde, erklärt das BKA.

Und hier trifft die Geschichte der drei Metallkoffer in der Residenz des Botschafters auf den Streit um Kafkas Erbe. Vieles spricht dafür, dass die Dokumente aus der Wohnung von Eva Hoffe gestohlen wurden. Hoffe ist die Tochter der Brod-Erbin. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Hoffe Teile des Nachlasses verkauft, hat diesen literaturwissenschaftlichen Schatz in Banksafes in der Schweiz und Israel gebunkert - und in einer Wohnung in Tel Aviv.

„Nur im Ihnen ein Bild über den Zustand des Archivs zu geben: ein Teil der Papiere war in einem ausgeschalteten Kühlschrank gelagert“, sagt Benjamin Balint. Er hat den Streit um Kafkas Erbe verfolgt, war im Austausch mit der Hoffe-Familie, hat die Gerichtsverfahren analysiert. Er hat darüber das Buch, das „Kafkas letzter Prozess“ geschrieben.

Balint beschreibt zwei Ebenen im Streit zwischen den Brod-Erben, dem Marbacher Literaturarchiv und der Israelischen Nationalbibliothek. Die juristische habe zu einem klaren Urteil nach israelischem Erbrecht geführt: Der Nachlass gehört in die Jerusalemer Nationalbibliothek. Aber es sei auch um nationalistische Narrative gegangen. Dass Kafka einst geschrieben hat, „was habe ich mit den Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam“, und dass ein großer Teil seines Erbes jetzt Israel zugeschlagen wurde, das ist laut Balint ein weitere kafkaeske Wendung in dieser Geschichte. Und wem gehört Kafka nun? Balint sagt: „Am besten wäre es, den Nachlass zu digitalisieren – und ihn danach auf den Mond zu schießen.“

Derzeit warten sie in der Nationalbibibliothek noch auf die Kisten mit den Siegeln des BKA. Sie sollen in den nächsten Tagen per Spezial-Kurier über Frankfurt nach Israel geflogen werden. Der Nachlassteil aus Tel Aviv und der Schweiz seien bereits angekommen. Größtenteils. Man sei noch immer auf der Suche nach einigen der Banksafes. Kafkas letzter Prozess, er ist noch immer nicht ganz zu Ende.