Neu im Kino

Das Leben von Elton John als irrwitzige Achterbahnfahrt

Der Kinofilm „Rocketman“ erzählt die Vita der Pop-Ikone Elton John als schrilles Musical. Und ist ein Triumph für den Hauptdarsteller.

Kein Outfit kann ihm zu schrill sein: Elton John (Taron Egerton)  im Privatflugzeug mit gewohnt schräger Brille und gewohnt schrägem Outfit.   |

Kein Outfit kann ihm zu schrill sein: Elton John (Taron Egerton) im Privatflugzeug mit gewohnt schräger Brille und gewohnt schrägem Outfit. |

Foto: picture alliance/AP Photo

Was für ein Auftritt. Gleich zu Beginn von „Rocketman“ erklingt tosende Musik, eine Tür wird aufgerissen, aus der gleißendes Licht hereinflutet. Und daraus tritt, nein: tanzt ein Mann in knallorangem Glitteranzug, mit Hochplateaustiefeln, Engelsflügeln und Hörnerkappe.

Elton John, ein Star im Rampenlicht, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Aber dann erstirbt die Musik jäh. Der Mann steht mit seinem Kostüm mitten in der Gruppenrunde einer Drogenklinik. Nimmt auf einem der Stühle Platz und gesteht, wieso er hier ist: weil er süchtig ist. Alkohlosüchtig, kokssüchtig, shoppingsüchtig, sexsüchtig, bulimiesüchtig, medikamentensüchtig, drogensüchtig.

So beginnt „Rocketman“, die Filmbiographie über Elton John, die erst vor zwei Wochen in Cannes uraufgeführt wurde und am Donnerstag in die Kinos kommt. Das Intro gibt bereits die Tonalität des ganzen Films vor. Weil hier eine Vita nicht chronologisch durchblättert, sondern als Lebensbeichte bilanziert wird.

In der der Mann, der das schrille Outfit bald gegen einen Bademantel und dann gegen Straßenkleidung tauscht, dem verblüfftem Kreis der Süchtigen erklärt, wie er wurde, was er ist. Die Rahmenhandlung ist der erste Clou des Films. Der zweite ist: Das Ganze wird nicht etwa als Drama erzählt, sondern mit Musicaleinlagen.

Ein Selbstmordversuch wird zum Wasserballett

Da aller Erfolg, aber auch alle Misere von Elton John (Taron Egerton) in seiner Kindheit wurzelt, sieht er sich selbst als kleinen Jungen, als er noch Reginald Kenneth Dwight hieß. Der erwachsene Star folgt diesem Bub in seine Kindheit, und sogleich gibt es eine mitreißende Showszene mit tanzenden Massen auf der Straße.

Auch die lieblosen Eltern werden ihr Unverständnis über den Sohn am Frühstückstisch singen. Seinen Songschreiber Bernie Taupin (Jamie Bell) lernt Elton John in einem Duett im Coffeeshop kennen. Und später wird ein Suizidversuch von ihm gar zur Wasserballett-Einlage, und der Sänger zum Titelsong mit Raketen unter den Stiefeln in den Himmel geschossen.

Das schrille Outfit als Panzer einer verletzten Seele

So schrill, so überhöht, so abgedreht wird der Bogen geschlagen von dem kleinen Reggie, der sich von Vater wie Mutter ungeliebt fühlt. Der sich in die Musik flüchtet, um mit ihr ein anderer zu werden. Der deshalb auch den Namen wechselt und als Elton John für Furore sorgt.

Ein Star, der die Fans elektrisiert (und im Film bei seinem ersten US-Konzert für einen kurzen Moment auch die Schwerkraft aufhebt). Der mit seinen stets kuriosen Outfits auch sein Anderssein, sein Schwulsein offen auslebt und zelebriert.

Und letztlich doch immer der schüchterne Junge bleibt, den die Eltern nicht akzeptieren, der auch von seinem Manager nur ausgebeutet wird und sein wahres Ich bis zum Selbsthass kaschiert. Eine Frustration, die sich zur manischen Depression auswächst und mit immer mehr Drogen betäubt wird. Ein Leben als Achterbahn mit lauter Hochs und Tiefs, wobei Elton Johns große Hits immer zu ironischen Kommentaren auf die eigene Verfassung werden. Bis der Musiker zusammenbricht und in besagter Suchthilfe landet.

Schon wieder ein Biopic über eine Pop-Ikone

Ein Vergleich zum Freddie-Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ drängt sich geradezu auf. Nicht nur, weil es auch da um einen britischen Musikstar geht, der seine Minderwertigkeitskomplexe als irrlichternder Bühnen-Guru kompensierte. Nicht nur, weil beide vom selben Manager John Reid betreut wurden. Und nicht nur, weil beide in derselben Zeit spielen, die 70er-Jahre mit ihrem Glitter, Pop-Psychedelia und freiem Sex. Sondern auch, weil beide Male, zumindest teilweise, Dexter Fletcher Regie führte.

Die bessere „Bohemian Rhapsody“

Bei „Bohemian Rhapsody“ wird zwar nach wie vor Bryan Singer als Regisseur genannt. Der aber wurde mitten in den Dreharbeiten wegen Vorwürfen von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen gefeuert. Fletcher drehte den Film zu Ende, auch wenn sein Name im Vorspann nicht genannt wird. Der Brite ist zwar weit weniger bekannt als der erfolgsverwöhnte Singer („X Men“), doch die Wahl lag durchaus nahe.

Schon sein erster Film „Make My Heart Fly“ war eine Musicaladaption mit den Songs der Proclaimers. Und in einem frühem Stadium war Fletcher auch im Gespräch für „Bohemian Rhapsody“, hatte aber künstlerische Differenzen mit den Produzenten und stieg deshalb aus.

Als das Projekt zu ihm zurückkam, arbeitete er bereits an „Rocketman“. Und fand das selbst komisch, dass er nun gleich zwei Pop-Ikonen huldigen sollte. Meinte aber schließlich, er habe nichts zu verlieren. Und betrachtete „Bohemian Rhapsody“ als „Trainingslager“ für „Rocketman“.

Der Elton-John-Film hat nun alles, was dem Freddie-Mercury-Film trotz all seiner Stärken fehlt.

Taron Egerton spielt nicht nur, er singt auch noch

Hier wird ein Paradiesvogel nicht nur täuschend ähnlich nachgespielt, sondern so exzentrisch und überdreht in Szene gesetzt, wie es einer solchen Kunstfigur gebührt. Und hier werden auch alle Obsessionen offen dargestellt, der Sex wie die Drogenabstürze.

Bei „Bohemian Rhapsody“ haben die noch lebenden Mitglieder von Queen, die den Film mitproduzierten, dies zu verhindern und glätten gewusst. Das war auch ein Grund, warum Fletcher zunächst ausgestiegen war. Elton John hat „Rocketman“ ebenfalls koproduziert, ließ Fletcher aber nicht nur freie Hand, sondern bestand sogar darauf, dass man sein Leben ungeschminkt zeigen sollte.

„Rocketman“ ist somit der Film, der „Bohemian Rhapsody“ auch hätte werden können, aber leider nicht geworden ist.

Schrill, überdreht, exzessiv. Aber auch zutiefst selbstkritisch und mit einer klaren Botschaft gegen alle Drogen. Zugleich ist er aber auch ein Film über eine tiefe Freundschaft, die alle Abstürze der Titelfigur überstanden hat: eben die zu Songschreiber Bernie Taupin.
Der letzte Clou des Films ist schließlich sein Hauptdarsteller Taron Egerton. Der wurde durch die Agentenparodie „Kingsman“ bekannt und hat mit Fletcher bereits in dessen Sportsatire „Eddie the Eagle“ über den schrägen Olympia-Quereinsteiger Eddie Edwards zusammengearbeitet.

Taron Egerton spielt nicht nur, er singt auch noch

In „Rocketman“ hat der 29-Jährige nun seine bisherig größte Herausforderung angenommen und mit Auszeichnung bestanden: Er spielt die exzentrische Pop-Diva mit all ihren Aufs und Abs nicht nur mit Bravour, sondern singt (im Gegensatz zu Rami Malek in „Rhapsody“) auch alle Songs selber.

Elton John hat bei der Premiere in Cannes geweint. Sein Film-Alter Ego schließlich auch. Und auch den Zuschauer lässt der Film nicht ungerührt. Auch wer über John und den verletzlichen Mann hinter der schrillen Fassade bisher nicht so viel wusste, wird überrascht sein, wie viele Songs er kennt. Und all die alten Hits will man nach diesem Film unbedingt gleich wieder hören.