Staatsoper

Regisseur Bartlett Sher: „Rigoletto ist eine komplexe Figur“

„Rigoletto“ in den Weimarer Jahren: Der New Yorker Regisseur Bartlett Sher probt die Verdi-Oper an der Staatsoper Unter den Linden.

Der New Yorker Regisseur Bartlett Sher an der Staatsoper Unter den Linden.

Der New Yorker Regisseur Bartlett Sher an der Staatsoper Unter den Linden.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Die Spielzeit neigt sich dem Ende entgegen und alle drei Berliner Opernhäuser haben für die kommende Woche noch einmal große Premieren angekündigt.

Die Staatsoper Unter den Linden setzt mit Verdis „Rigoletto“ auf einen Publikumsrenner, vom 2. bis zum 29. Juni sind acht Vorstellungen angesetzt. Als Regisseur wurde ein New Yorker nach Berlin verpflichtet. Bartlett Sher (60) gehört zu den wenigen, die in Theater, Musical und Oper erfolgreich sind. Auch wenn er beim Gespräch am Rande der Opernproben weniger über den Broadway reden will, hat er eine klare Auffassung, wie alles zusammengehört. „Es ist eine der großen Fragen des Theaters. Der größte Erfolg ist es, wenn man ambitionierte Stoffe auf unterhaltsame Weise präsentieren kann“, sagt er: „Keiner will ins Theater gehen, um sich zu langweilen. Das Publikum sollte über das gute Gefühl hinaus immer etwas aus der Vorstellung mit nach Hause nehmen.“

Verdis Rigoletto ist Hofnarr beim Herzog von Mantua, die Höflinge entführen seine gut behütete Tochter Gilda, der adlige Womanizer benutzt sie. Aber sie verliebt sich in den Herzog, Rigoletto beauftragt einen Mörder, der irrtümlich Gilda tötet. Das Schlussduett von Vater und sterbender Tochter ist der Zeitpunkt, bei dem im Publikum die Taschentücher hervorgeholt werden.

Die Handlung wird in die Weimarer Republik verlegt

„Ich verlege die Handlung in die Weimarer Zeit um 1930“, sagt der Regisseur: „Ich möchte die Handlung in eine vorfaschistische Stimmung hinein anlegen. Es geht um die Dekadenz, das politisch Korrupte, die angespannte Umbruchzeit. Der Berliner Maler George Grosz ist für mich die Inspiration für das Dekadente.“ Und dann holt Bartlett Sher sein Smartphone hervor und zeigt Bilder vom Bühnenbild, das in eine Ober- und eine Unterwelt getrennt ist. „Die Bühne zeigt die Kluft zwischen Reichen und Armen. Gilda wächst in einem armen Setting auf.“ Das Grosz-Bild prägt den Palast des Herzogs.

Bartlett Sher betont, vom Theater zu kommen. Bislang war er neunmal für den Tony Award, den Musical-Oscar, nominiert. Gewonnen hat er ihn für „South Pacific“. Für den „Fiddler on the Roof“ („Anatevka“) am Broadway bekam er den Drama Desk Award. Heute ist er honoriger Hausregisseur am Lincoln Center Theater und inszeniert von New York aus Oper quer durch die Welt.

Geboren wurde Sher in San Francisco. Über seine Familie mütterlicherseits erzählt er, dass Vorfahren zu den Pilgervätern auf dem Schiff „Mayflower“ 1620 gehörten, was ja die modernen Uramerikaner sind. Sein Vater hingegen wurde 1920 noch in einem litauischen Schtetl geboren, das Jiddische gehörte in der Familie dazu. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich der Regisseur bei seinem Debüt an der Staatsoper so intensiv mit der Weimarer Republik auseinandersetzt und nebenbei die deutsche Hauptstadt erkundet.

„Berlin ist eine außergewöhnliche Stadt“, sagt er, „weil es hier so viele Schichten in der Geschichte gibt. Überall in der Stadt gibt es Dinge, über die man nachdenken möchte. Und sich selbst als Mensch hinterfragen kann. Mich interessiert natürlich auch, wie sich Deutschland nach dem Krieg selbst reflektiert hat und wie es sich neu gedacht hat.“

Bartlett Sher interessiert sich für Kultur in Berlin

In Berlin hat der Theatermann sofort das Grab von Bertolt Brecht besucht. Er war im Berliner Ensemble und der Komischen Oper. Die Staatsoper wollte ihn eigentlich für die Probenzeit in der Nähe unterbringen, aber das wollte er nicht. „Ich wohne jetzt im Prenzlauer Berg, um einmal das normale Leben der Stadt zu spüren, mit dem Bus zu fahren oder in den Bäcker um die Ecke zu gehen“, sagt er: „Ich inszeniere in vielen Städten, aber ich bin kein guter Tourist. Ich bin lieber unter den Bewohnern und möchte ihren Alltag erleben.“

Den Namen seines US-Präsidenten möchte der Regisseur partout im Gespräch nicht nennen. „Ich möchte nicht, dass sein Name erwähnt wird. Man sollte ihm nicht diese Aufmerksamkeit geben“, sagt Bartlett Sher und fügt mit Blick auf seine Inszenierung hinzu: „Ich denke, dass wir in einer ähnlich komplizierten Zeit leben, in der es viele Umbrüche gibt, in der man nicht weiß, was wahr oder unwahr ist.“

Seinen Rigoletto hat er „als eine sehr komplexe Figur“ angelegt. Einerseits gehöre er zum Gefolge des Herzogs, der als Hofnarr andere terrorisiert, ja der sie fertigmacht. Eine andere Facette seines Charakters sei die des sorgenden Vaters. „Für mich besteht er aus zwei Personen: Für alle ist der Hofnarr, ein bisschen grotesk, aber zuhause muss er eine Verwandlung vollziehen, weil seine Tochter nicht wissen soll, was er macht. Die Figuren verstecken die reale Persönlichkeit voreinander.“ Beiläufig ist die Rede vom Joker in „Batman“. „Rigoletto wird eher als clowneske Figur dargestellt“, sagt der Regisseur.

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. 20354555 Termine: 2., 5., 8., 12., 14., 16., 26. und 29.6.