Die französische Pianistin Hélène Grimaud, die in der Philharmonie Anfang Juni einen Klavierabend mit Werken von Chopin bis Satie gibt, pflegt seit Jahren ein eigenwilliges Hobby. Am Anfang stand die Begegnung mit einer Wölfin, die ein Freund als wildes Haustier hielt. Daraufhin holte sie selber Wolfswelpen in ihre Wohnung. Ende der 1990er-Jahre kaufte sie mit ihrem Partner ein knapp zweieinhalb Hektar großes Stück Land im US-Bundesstaat New York und richtete ein Wolf Conservation Center ein. Im Interview spricht die 49-Jährige darüber, was wir Menschen von den Tieren lernen können und warum wir sie schützen müssen.

So schön Musik auch sein mag, für Künstler bedeuten vor allem Konzerte immer auch höchste Konzentration. Wie entspannen Sie sich wieder?

Hélène Grimaud Am liebsten mit Tieren – da kann ich wirklich abschalten und ganz den Moment erleben. Das ist meine große Geheimwaffe (lacht) – wobei das auf Tour natürlich nicht so gut möglich ist und insofern zappe ich mich dann manchmal auch einfach durchs TV-Programm. Zumal in Deutschland, denn ich liebe das deutsche Fernsehen.

Was gefällt Ihnen denn daran?

Ich finde es sehr unterhaltsam und liebe die Tier-Sendungen, die es hier in den öffentlich-rechtlichen Programmen gibt. Doch auch auf den Regionalsendern finden sich einige wirklich gute Programme mit Natur- oder Wissenschaftssendungen. Insofern zappe ich mich in Deutschland immer gern durch die Programme und hoffe, Elefanten, Tiger und Co. zu entdecken.

Und was macht für Sie das entspannende Moment im Umgang mit Tieren und Natur aus?

Genau vermag ich das auch nicht zu sagen, denn ich bin weder mit Tieren noch in der Natur aufgewachsen, sondern habe meine Kindheit mitten in der Stadt verlebt. Vielleicht hängt es einfach mit der Gegenwart eines Tieres zusammen, denn Tiere haben die Fähigkeit, den Moment zu leben und sich selbst zu genügen. Zudem bietet der Umgang mit Tieren etwas sehr Wahrhaftiges: Da gibt es keine Hintergedanken, keine Sprache, hinter der man sich verstecken kann – die Kommunikation und Beziehung zu Tieren ist immer ganz unmittelbar, direkt und ehrlich.

Haben wir Menschen diese Fähigkeit verloren, den Augenblick zu leben?

Ja, davon bin ich überzeugt – und auf unterschiedliche Art und Weise versuchen wir ja auch, dies wieder zu erlangen. Denn wir Menschen fühlen sehr wohl, dass uns da etwas fehlt – und wir haben die Sehnsucht, eben hier wieder anzuknüpfen. Wir sollten zudem unserer Intuition größere Aufmerksamkeit schenken, denn die Intuition ist das tierische Erbe in uns – und zu oft kehren wir diese unter den Teppich, weil sie uns zu unbequem ist oder unser schönes Lebenskonzept stört.

Wenn Sie im Umgang mit Tieren am besten entspannen können, ist das auch ein Grund gewesen, dass Sie nach einigen Jahren in der Schweiz inzwischen wieder nach New York zurückgezogen sind, in die Nähe Ihres Wolf Conservation Centers?

Ja, zweifellos – wobei es letztlich auch einen ganz schlichten Grund hatte: Ich bin lediglich vier Tage im Monat zuhause – und mag die Idee, an zwei Orten zu leben, auch attraktiv klingen, in der Realität ergibt sie keinen Sinn. Ich brauche einen zentralen Lebensmittelpunkt – und da war New York meine erste Wahl.

Während Sie sich in Ihrem Wolf Center um die Rettung wildlebender Wölfe kümmern, gibt es in Deutschland Diskussionen, ob der zurückgekehrte Wolf im Notfall auch abgeschossen werden dürfe. Viele Bauern fordern dies aus Sorge um ihre Tiere – haben Sie Verständnis für solche Ängste?

Diese Ängste sind nicht neu, es gibt sie überall auf der Welt – außer in jenen Ländern, wo die Wölfe nie verschwunden waren. Wo sie nie völlig vertrieben worden sind, wie in einigen Regionen Spaniens, Italiens oder auch Russlands, dort haben die Menschen gelernt, mit den Wölfen zu leben. Sie haben realisiert, dass es einen Platz für jeden gibt und man einfach gewisse Regeln einzuhalten hat. All diese irrationalen Ängste und Diskussionen, die im Endeffekt jeder ernsthaften Grundlage entbehren und auf alten Schauergeschichten beruhen, gibt es nur dort, wo der Wolf verdrängt worden war.

Sie können den Argumenten der Wolfs-Gegner also wenig Substanzielles abgewinnen?

Ich schätze den Diskussionsprozess, spiegelt dieser doch zumindest die unterschiedlichen Meinungen wider, statt von vornherein einfach der Sicht der Industrie oder der Landwirtschaft Vorrang einzuräumen. Was auch ein Grund ist, warum ich Deutschland so mag: Deutschland ist in Sachen Naturschutz ein Vorreiter, ja unschlagbar – nicht, dass es perfekt wäre, aber hier ist vieles besser als an jedem anderen Ort.

Die Wölfe sollen geschützt werden?

Solange die Wolfspopulation noch nicht wieder ein Niveau erreicht hat, wo ein Überleben aus sich selbst heraus gesichert ist, muss es ein striktes Abschussverbot geben. Erst wenn eines Tages dieses Niveau erreicht ist, kann man den Fokus wieder auf die Gesamtpopulation richten – und dann ist auch der Verlust eines einzelnen Tieres zu verschmerzen, das den Menschen zu nahe kommt.

Sie sind sehr engagiert in Sachen Umwelt- und Wolfsschutz – wie lässt sich dies mit Ihrer Pianistentätigkeit verbinden? Üben Sie heute weniger als noch vor 30 Jahren?

Nein – wahrscheinlich ist es sogar eher umgekehrt. Denn ich lerne jede Saison neue Werke – doch die alten müssen weiter geübt werden: Ein altes Stück erst zwei Tage vor dem Konzert noch einmal aufzufrischen, das funktioniert bei mir nicht. Zumal ich heute weit mehr Konzerte gebe als am Anfang meiner Karriere und schon deshalb mehr Vorbereitungszeit brauche.

Treten Sie dabei lieber mit Orchester auf oder solistisch wie jetzt in Berlin?

Viele Jahre lang habe ich es vorgezogen mit Orchester zu spielen, denn Recitals waren mir zu einsam. Hinzu kommt diese Spannung und Erregung, die ein Auftritt mit 80 anderen Musikern mit sich bringt – vor allem, wenn die Chemie stimmt. Doch als ich dann vor einigen Jahren mit meinem Bach-Programm begann, habe ich auf einmal auch meine Liebe für das Recital wieder entdeckt.

Sie sprechen sehr offen über sehr Persönliches, so wie Sie in der „Wolfssonate“ dem Leser auch einen sehr tiefen Blick in Ihre Seele erlauben – haben Sie nie gefürchtet, damit in der Öffentlichkeit schutzlos dazustehen?

Nein – denn jeder, der mich auf der Bühne erlebt, erfährt weit mehr von meiner Seele als derjenige, der meine Bücher liest. Über Worte kann ich immer eine Distanz schaffen, und was ich beschreibe, ist – selbst wenn es sehr persönlich scheint – doch auch von einer gewissen Allgemeingültigkeit. Es ist nicht so einzigartig, als dass nicht viele Menschen sich dort wiederfänden: Für mich ist es weit weniger subjektiv, als wenn ich musiziere.