Neu im Kino

Jeder hadert für sich allein: „All My Loving“

Edward Bergers Drama um drei Geschwister, die alle in ihren Lebensplänen gefangen sind, ist fein erzählt, aber nicht ganz rund.

Die drei Geschwister, mal kurz vereint an einem Tisch: Julia (Nele-Mueller-Stoefen), Tobias (Hans Löw) und Stefan (Lars Eidinger, v.l.)

Die drei Geschwister, mal kurz vereint an einem Tisch: Julia (Nele-Mueller-Stoefen), Tobias (Hans Löw) und Stefan (Lars Eidinger, v.l.)

Foto: Port au Prince

Er ist auf dem Abflug. Gleich morgen in der Früh soll er eine Maschine fliegen. Abends sitzt er noch, in seiner Pilotenuniform, an der Bar. Auf einen Drink. Spricht eine Frau an. Flirtet. Landet mit ihr im Bett. Doch am nächsten Morgen rollt Stefan (Lars Eidinger) seinen Pilotenkoffer wieder nach Hause.

Wegen eines Gehörverlusts und Schwindelanfällen kann er nicht mehr fliegen. Aber von seinem bisherigen Überflieger-Leben kann er sich nicht trennen. Er macht sich und anderen etwas vor, weil bei ihm zuhause nichts ist außer Leere. Was ihm auch seine Tochter aus einer Affäre schmerzlich deutlich macht.

Die traurige Geschichte vom Flugkapitän im Sinkflug ist nur eine von drei Episoden in Edward Bergers Film „All My Loving“. Da ist auch noch Julia (Nele Mueller-Stöfen), die mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) in Turin ein wenig ausspannen will. Bis sie Zeuge wird, wie nachts ein Straßenhund angefahren wird.

Und den nicht einfach zum Tierarzt bringt, sondern sich so aufopferungsvoll um ihn kümmert, dass es mit ihrem Mann zum Krach kommt. Da brechen alte Wunden auf. Denn die beiden haben ein Kind verloren, ein Trauma, das sie noch

immer nicht verarbeitet haben. Und das sie jetzt, in der Fremde, wo sie vergessen wollten, umso härter einholt.

Und da ist noch Tobias (Hans Löw). Obwohl längst Familienvater, schreibt er noch immer an seiner Doktorarbeit. Das Geld verdient seine Frau, er kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Und immer, wenn er sich an seine Arbeit setzt, wird er wieder unterbrochen.

Drei Episoden, drei Lebenskrisen

Aber er ist halt ein Kümmerer. Als sein Vater (Manfred Zapatka) erkrankt, macht er sich deshalb auch als einziger auf zum Elternhaus. Auch wenn die Eltern sich gar nicht helfen lassen wollen.

Drei Episoden, drei Geschichten von Menschen, die in ihrer Lebensmitte stecken geblieben sind. Die spüren, dass sie nicht mehr 30 sind, dass das Leben nicht mehr voller Möglichkeiten ist. Die aber in ihren Lebensplänen gefangen sind. Und etwas ändern müssen.

Stefan, Julia und Tobias sind Geschwister. Aber das wird nur kurz am Anfang und noch mal am Schluss deutlich. Jeder ist mit seinen eigenen Problemen so beschäftigt, dass die Probleme der Geschwister gar nicht bemerkt werden. Geschweige denn die der Eltern. Jeder hadert für sich allein.

Drehbuch aus drei Perspektiven geschrieben

Episodenfilme über drei Menschen, die sich im Laufe des Filmes als Geschwister herausstellen, da gibt es eine ganze Reihe, von „Wonderland“ bis zu „Meine Schwestern“. Edward Berger, der Regisseur des Kinder-Dramas „Jack“ und der Spionage-Serie „Deutschland 83“, der sonst gern immer neue Erzählformen ausprobiert, hat hier eine vergleichsweise konventionelle Dramaturgie gewählt.

Auch wenn sie bei ihm insofern Sinn macht, dass er seine Drehbücher immer mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Nele Mueller-Stöfen, die auch die Julia spielt, und seinem Kameramann Jeans Hartmann zusammen verfasst. Und seine Scripts daher immer einen Blick aus drei verschiedenen Perspektiven haben. Da scheint solch ein Episodenfilm nur folgerichtig.

Um den nicht zu vorhersehbar zu gestalten, springt Berger nicht ständig zwischen den Einzelschicksalen hin und her. Er erzählt, und das ist durchaus unüblich, jede Geschichte für sich. Das aber lässt den Film in drei Teile zerfallen, die nicht viel miteinander zu tun haben. Die aber auch alle nicht ganz zu Ende erzählt werden, bei denen nur das Problem erkannt, die Lösungen aber nicht auf dem Silbertablett serviert werden.

Eine zu einfache Klammer zum Schluss

Das ist durchaus honorig. Ist sehr feinfühlig beobachtet, mit vielen liebevollen Details erzählt. Und auch das Ensemble agiert ausnahmslos herausragend. Dennoch ist kein großes Ganzes daraus geworden. Und der Schluss, wo die drei noch mal aufeinander treffen, wartet dann doch mit einer etwas zu einfachen Klammer auf.